Zauberziel Bürgerkompetenz: ‚Citizenship Education‘ an den Schulen Europas

Ein aktueller Eurydice-Bericht zeigt: Es tut sich was in Sachen ‚Bildung für Bürgerschaft‘.

Bürgerinnen und Bürger, vor allem junge Leute, in die Lage zu versetzen, aktiv am sozialen und politischen Leben zu partizipieren, wird auf nationaler wie europäischer Ebene als Schlüssel für Gleichheit und sozialen Zusammenhalt angesehen, Bildung als eine Voraussetzung dafür.

So gibt es in den letzten zehn Jahren besondere Anstrengungen auf europäischer Ebene, ‚aktive Bürgerschaft‘ (‚Active Citizenship‘) in formalen und nicht formalen Bildungszusammenhängen zu thematisieren und zu fördern. ‚Bürgerkompetenz‘ ist eine der von der EU formulierten acht Schlüsselkompetenzen für Lebenslanges Lernen. Nicht zuletzt arbeitet die Europäische Kommission gemeinsam mit dem Europarat an der Umsetzung der Charta für Bildung für demokratische Bürgerschaft und Menschenrechtserziehung, die im Mai 2010 von allen EU-Staaten angenommen wurde. Zusammen mit dem Paradigmenwechsel in der europäischen und nationalen Bildungspolitik, weg vom strikten Wissenskanon hin zur Kompetenzentwicklung, müsste es damit auch in der Schule beste Voraussetzungen für Angebote geben, die politisches Wissen, Urteilskraft und Handlungsfähigkeit befördern und in Deutschland politische Bildung genannt werden.

Ganz genau das wollte das Eurydice-Netzwerk herausfinden, als es für die Kommission, gemeinsam mit der EU-Expertengruppe zur Erarbeitung von Indikatoren für ‚Active Citizenship‘, Formen und Umfang einer ‚Citizenship Education‘ in europäischen Schulen untersuchte. Grundlagen der Untersuchung, deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht wurden, sind zwei Befragungen unter den Eurydice-Netzwerkmitgliedern aus den Jahren 2010/11 sowie eine Sekundäranalyse der International Civic and Citizenship Education Study (ICCS) von 2009, einer empirischen Vergleichsstudie der IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement). Verglichen wurden 31 europäische Länder – die EU-Mitgliedstaaten, Island, Norwegen, Kroatien und die Türkei.

Im Fokus standen folgenden Aspekte einer ‚Bildung für Bürgerschaft‘:

  • Ziele, Ansätze und Organisation von Curricula,
  • Möglichkeiten der Schüler- und Elternpartizipation in der Schule,
  • Schülerpartizipation in Schulleben und Gesellschaft,
  • Möglichkeiten der Beurteilung/Benotung sowie der Qualitätsbewertung von Schulen,
  • Ausbildung, Fortbildung und Unterstützung der Lehrkräfte und Schulleitungen.

Was sind ‚Citizenship-Kompetenzen‘?

Wir Deutschen können ein Lied davon singen: ‚Politische Bildung‘ ist unübersetzbar und heißt in deutschen Schulen gern auch ‚Gemeinschafts-´ oder ‚Sozialkunde‘. So bleibt die Definition einer ‚Citizenship Education‘ notwendig weit gefasst.

Die Studie legt ein Verständnis von ‚Citizenship‘ zugrunde, wie es das Zentrum für die Beforschung des Lebenslangen Lernens (CRELL) 2006 in dem Papier ‚Aktive Bürgerschaft in Europa messen‘ als „Partizipation in der Zivilgesellschaft, Gemeinschaft und/oder dem politischen Leben, die charakterisiert ist durch gegenseitigen Respekt und Gewaltlosigkeit und in Übereinstimmung mit Menschenrechten und Demokratie“ (Hoskins, B. et al., 2006. Measuring Active Citizenship in Europe. CRELL Research Paper 4, EUR 22530 EN, Link) definiert hat.

Die Autorinnen und Autoren leiten daraus ab, dass ‚Citizenship Education‘ Wissen, Fertigkeiten und Haltungen fördern soll, „welche die Entwicklung und das Wohlergehen der Gesellschaft unterstützen, in der wir leben“. Dazu zählen sie Kenntnisse zu grundlegenden Demokratiekonzepten, ein Verständnis von ‚Gesellschaft‘ sowie von sozialen und politischen Bewegungen, zum europäischen Integrationsprozess und den Strukturen in der EU sowie zu den wichtigsten sozialen Entwicklungen in Vergangenheit und Gegenwart. ‚Bürgerkompetenz‘ umfasst ihrer Ansicht nach auch die Fähigkeit zum kritischen Denken und zur Kommunikation, die Fähigkeit und Bereitschaft zur konstruktiven Teilhabe an Öffentlichkeit, einschließlich der notwendigen Entscheidungsprozesse wie Wahlen.

Darüber hinaus sollte ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen vermittelt werden, Respekt vor demokratischen Werten und Vielfalt sowie Einsicht in die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung.

Relevanz politischer Bildung in der Schule

Dieser recht anspruchsvollen Definition, die weit über die Vermittlung rein staatsbürgerlichen Wissens hinausgeht, folgen laut Auskunft der Obersten Schulbehörden der beteiligten Länder offenbar zumindest auf dem Papier alle untersuchten europäischen Länder. So sind Elemente einer ‚Citizenship Education‘ Teil aller nationaler Schulcurricula, entweder im Rahmen eines eigenständigen Fachs, als Teil eines umfassenderen Faches oder als curriculumübergreifendes Thema. Dabei reflektieren alle Curricula darauf, dass es nicht nur darum geht, theoretisches Wissen zu vermitteln, sondern auch Fertigkeiten sowie Haltungen und Werte zu entwickeln. Daneben wollen alle die aktive Teilhabe der Schülerinnen und Schüler in und außerhalb der Schule anregen. Dieser letzte Punkt war ein eigener Teil der Untersuchung. Die Schule hat einen wesentlichen Anteil an der politischen und bürgerschaftlichen Bildung der Schüler, so die These der Autorinnen und Autoren, wenn sie bereits selbst demokratischer Lernort ist, d.h. wenn Werte und Prinzipien demokratischer Prozesse auch für die Schule gelten. Dies sehen wohl auch die Bildungspolitiker so, denn in allen Ländern gibt es geregelte Formen der Beteiligung von Schülerinnen und Schülern an den Entscheidungsprozessen in der Schule, beispielsweise Klassensprecherinnen und -sprecher, Schülerräte oder Schülervertretungen in Schulgremien. Je höher die Schulform, umso eher werden Schülerinnen und Schüler beteiligt. Auch Eltern werden aktiv einbezogen, dies allerdings sehr viel weniger als ihre Kinder. Zypern, Schweden und die Türkei sehen gar keine Elternbeteiligung vor.

In einigen wenigen Ländern allerdings wird der Aspekt, wieweit Schüler und Eltern in die Entscheidungen der Schule eingebunden werden, als ein Qualitätskriterium in der externen Schulevaluation berücksichtigt. Auch die politische und gesellschaftliche Beteiligung außerhalb von Schule wird laut Studie durch die meisten Schulen angeregt. In einem Drittel der Länder gibt es dafür offizielle Grundlagen – Curricula oder nationale Empfehlungen. Die meisten europäischen Länder haben Programme oder Projekte, mit denen Schulen die bürgerschaftliche Teilhabe und politische Bildung außerhalb der Schule fördern, zum Beispiel, indem sie mit der Kommune zusammenarbeiten, demokratische Partizipationsmöglichkeiten eröffnen, Umweltschutz, Kommunalpolitik, intergenerative oder internationale Zusammenarbeit dafür nutzen.

Seit 2007 haben mehr als die Hälfte der Länder wenigstens ein öffentlich finanziertes Programm oder Projekt durchgeführt, um staatsbürgerliche Werte und Verhaltensweisen außerhalb der Schule zu fördern. Dennoch sind diese Möglichkeiten nicht in allen Ländern gleich gut, wie die ICC-Studie von 2009 zeigt. Auch der Umfang des schulischen Lehrangebots schwankt erheblich: In nur 20 der Länder wird ‚Citizenship‘ als eigenes Fach unterrichtet, allerdings in manchen davon bereits in der Grundschule. Und während Schülerinnen und Schüler in Frankreich 12 Jahre lang in Sachen ‚Citizenship‘ unterrichtet werden, ist es in Bulgarien gerade mal ein Jahr.

‚Citizenship‘-Kompetenzen benoten?

Was ist mit der Relevanz politischer Bildung für die Schullaufbahn? Wie wird geprüft und bewertet, vor allem: Wie werden bürgerschaftliche Kompetenzen gemessen? Theoretisches Wissen kann man abfragen, aber wie ist das bei Fertigkeiten oder Haltungen? Die Tatsache, dass es auf diese, für den neuen bildungsthetischen Ansatz der Kompetenzförderung generell schwierige Frage noch keine etablierten Antworten gibt, halten die Autorinnen und Autoren der Studie für ein Hindernis bei der Implementierung von ‚bürgerschaftlicher Bildung‘ in der Schule. Das scheint auch ein Grund zu sein, dass das Thema zwar unterrichtet wird und im Schulleben präsent, in den seltensten Fällen aber prüfungs- oder versetzungsrelevant ist. Hier scheint sich der Trend zu drehen, denn in vielen Ländern nimmt man die Herausforderung auf und erprobt neue Formen der Bewertung:

In Spanien sieht ein nationales Curriculum für die eigenständigen Fächer ‚Citizenship and Human Rights Education' sowie ‚Ethical and Civic Education' Bewertungskriterien vor, die den Grad der Partizipation der Schüler in der Klasse sowie bei Schulaktivitäten berücksichtigen.

In Slowenien gibt es alternative Bewertungskriterien für das Fach Geschichte – in dem ‚Citizenship Education‘ integriert ist – wie ‚aktive Teilnahme an Debatten‘ in der Klasse oder Schule.

In der Slowakei basiert die Benotung für das Fach ‚Citizenship Science‘ auf der Durchführung von Projekten in Kooperation mit der Kommunalpolitik.

In der Türkei begründet sich die Schulnote im Fach ‚Citizenship und Demokratie‘ unter anderem auf einer Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler, welche Kompetenzen sie für eine aktive Teilnahme an der Gesellschaft entwickelt haben.

In Frankreich werden die sozialen und bürgerschaftlichen Kompetenzen der Schüler von den Lehrkräften zu verschiedenen Zeitpunkten anhand eines standardisierten, persönlichen Heftes bewertet. Darin werden Wissen, Fertigkeiten und Haltungen notiert, die vom französischen Grundcurriculum (‚Le Socle Commun de Connaissances et de Compétences ‘) vorgegeben werden. Außerdem erhalten Schüler eine ‚Note für das Schulleben‘ ('Note de Vie Scolaire'), die den Beitrag der Schüler zum Schulleben oder von der Schule anerkannten gesellschaftlichen Aktivitäten honoriert.

In Bulgarien erstellen Lehrkräfte ein persönliches Profil jeden Schülers, das dessen außerschulische Aktivitäten (Projekte, Konferenzen, Wettbewerbe etc.) bescheinigt. Das Profil ist Bestandteil von Schulabschlusszeugnissen.

In Österreich hat das Zentrum POLIS eine Handreichung für Lehrkräfte zur Kompetenzdiagnostik in Geschichte und Politischer Bildung veröffentlicht (Zum Download als pdf).

Auch wenn der Bericht des Eurydice-Netzwerks noch erhebliche Qualitätsdefizite bei der Lehrerausbildung verzeichnet: Die Förderung von ‚Active Citizenship‘ gewinnt an europäischen Schulen an Kontur. Übrigens: Wer mittels der Studie einen Einblick über die deutsche Situation erhalten möchte, wird enttäuscht. Zwar wurden alle Obersten Schulbehörden, in Deutschland die Kultusministerien der Bundesländer, in die Befragungen einbezogen. Aber deren unterschiedliche Situation macht es kaum möglich, eindeutige Aussagen über die Gesamtsituation zu treffen.

(Quelle: JUGEND für Europa, Eurydice-Netzwerk)

Dokumente

  • Citizenship Education in Europe

    This document is published by the Education, Audiovisual and Culture Executive Agency (EACEA P9 Eurydice). ISBN 978-92-9201-264-9. Brüssel, May 2012
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