Wissens-Lücken füllen: Studie zum sozioökonomischen Wert der Jugendarbeit

Europäische Kommission und Europarat ließen die Jugendarbeit in zehn europäischen Ländern vergleichen.

via youthknowledge.net

Die seit Partnerschaft zwischen der Europäischen Kommission und dem Europarat zielt darauf ab, die Wertschätzung für die Jugendarbeit und für nicht-formales Lernen zu fördern. Eine Säule dieser Bemühungen sind Untersuchungen und Forschungen, um das Wissen und das Verständnis über Jugendaktivitäten zu verbessern und Investitionen in diesen Bereich zu fördern.

Zu diesem Zweck wurde das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt/Main mit einer Studie zur sozioökonomischen Dimension der Jugendarbeit beauftragt. Die Studie steht in einer Reihe mit voran gegangenen Maßnahmen wie einem gemeinsamen Arbeitspapier 2004 (Pathways towards Validation and Recognition of non-formal and informal learning in the youth field ) und einem Forschungsseminar sowie einer Veröffentlichung 2005/2006 (nachzulesen unter: www.youth-knowledge.net).

Die aktuelle Studie schließt an einen Literaturreport "Literature reviews on the economic dimension and value of youth non-formal learning" an. Sie zielt darauf ab, einen vergleichenden Überblick und eine Analyse über Jugendaktivitäten in Europa zu geben. Schwerpunkte waren dabei die Fragen, welche Jugendaktivitäten jeweils spezifisch sind und wie sie miteinander zusammenhängen, wie viel Geld und Zeit investiert wird, die Anzahl der in diesem Bereich Beschäftigten und welche jungen Menschen an diesen Aktivitäten teilnehmen. Die Studie wurde von einem Konsortium von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftern aus zehn Ländern (Deutschland, Estland, Griechenland, Irland, Italien, Niederlande, Norwegen, Österreich, Rumänien und Spanien) durchgeführt.

Obwohl man von der These ausging, dass Jugendaktivitäten und Jugendarbeit eine zentrale Rolle spielen, wenn es darum geht, das Wissen und das Engagement in der Zivilgesellschaft zu fördern, wertet man die Datenlage als unbefriedigend. Gemeinsam wurde daher Material gesammelt in Form von qualitativen und quantitativen Berichten über die Jugendarbeit in den beteiligten Ländern, quantitative Ergebungen in vier Kommunen in jedem Land sowie Interviews mit Experten. Eine Schwierigkeit bestand bereits darin, gemeinsam zu definieren, was unter "Jugendarbeit" zu verstehen ist. Die gemeinsame Begriffsbestimmung entspricht der Auflistung im deutschen Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz: außerschulische Jugendbildung, internationale Jugendarbeit, offene Jugendarbeit, Partizipation und "Peer Education", Prävention sozialer Ausgrenzung/Jugendsozialarbeit, Erholung, Jugendberatung, Jugendinformation und Jugendarbeit im Sport.

Einige Ergebnisse der Studie:

In allen beteiligten europäischen Ländern gibt es eine breite Spanne an Angeboten der Jugendarbeit. Dabei sind die außerschulische Jugendbildung und Erholung mit durchschnittlich 24% die größten Bereiche. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass in einigen Ländern Daten über bestimmte Bereiche der Jugendaktivitäten entweder nicht zu bekommen oder anderen Bereichen (z.B. der Sozialpolitik oder den Arbeitsbehörden) zugeordnet werden.

In allen Ländern wird die Jugendarbeit von verschiedenen Arten von Trägern angeboten (öffentlichen, halböffentlichen, nicht-öffentlichen/freien und ehrenamtlichen). In 65% der Fälle handelt es sich um freie Träger. Nur in Spanien konnte ein Übergewicht an öffentlichen Institutionen festgestellt werden, da 60% der Jugendarbeit auf lokaler Ebene von öffentlichen Einrichtungen angeboten werden.

Die wesentlichern Finanzierungsquellen der Jugendarbeit sind kommunale, nationale und europäische Förderungen. In Österreich allerdings decken Spenden 43% der gesamten Finanzierungsmittel. Eine Ausnahme bilden die Niederlande. Hier machen - zumindest auf der lokalen Ebene - Mitglieds- und Teilnehmerbeiträge den größten Teil der Einnahmen aus und werden vor allem von Sponsorengeldern komplementiert. Überall aber macht die freiwillige (ehrenamtliche) Arbeit einen großen Teil der Ressourcen von Jugendarbeit aus. Der Anteil der Hauptamtlichen in der Jugendarbeit rangiert von 8% in den Niederlanden bis zu 25% in Spanien. Übrigens ist die Jugendarbeit fast überall eine Sache von Frauen. Ihr Anteil reicht von 60% bis zu 88% in Norwegen. Demgegenüber ist der Anteil von weiblichen und männlichen Teilnehmenden allerdings überwiegend ausgewogen.

In Bezug auf die sozioökonomischen Effekte der Jugendarbeit gab es drei Ergebnisse:

  1. In allen Ländern repräsentiert die Jugendarbeit eine große Bandbreite von Aktivitäten auf lokaler Ebene. Die Angebote werden nicht nur von staatlichen Organisationen, sondern besonders von einer Vielfalt an Nicht-Regierungsorganisationen, die erhebliche Ressourcen in Form von Zeit, Geld und Know-how einbringen.
  2. Außerschulische Jugendbildung ist ein zentrales Feld der Jugendarbeit, die damit viele strukturierte institutionelle Angebote in nicht-formale Bildungsaktivitäten einbezieht.
  3. Jugendarbeit bietet eine große Bandbreite von Gelegenheiten für nicht-formale Bildungsprozesse. Der große Anteil an Freiwilligen zeigt, dass Jugendarbeit damit viele engagierte Menschen anzieht und bindet.
Die Verfasser der Studie schließen allerdings aus dem hohen Anteil an ehrenamtlichem Personal, der mangelnden Verpflichtung zu Berichterstattung in vielen Ländern, den verstreuten Zuständigkeiten, ihre Verankerung auf lokaler Ebene, dass der Jugendarbeit nicht die politische, ökonomische und kulturelle Bedeutung, vor allem nicht die Professionalität, zugeschrieben wird, die sie verdient. Darüber mag man aus deutscher Sicht streiten. Fest steht, dass die Studie erhebliche Datenlücken feststellt und selbst zu verzeichnen hat, so dass sie zu Recht die Forderung nach weiterer Datensammlung und deren Koordination in diesem Bereich erhebt.

Dokumente

  • The Socio-economic Scope of Youth Work in Europe

    Final Report, Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik im Auftrag des Partnership (EU-Kommission und Europarat)
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