„Wir wollen 'mehr Europa' in der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland ermöglichen.“

JfE sprach mit Claudius Siebel und Jochen Butt-Pośnik von der Transferstelle für die jugendpolitische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der EU bei JUGEND für Europa.

JfE: Herr Siebel, Herr Butt-Pośnik, wie ist die Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland geregelt?

Portrait Claudius Siebel Jugend für Europa Claudius Siebel: Es gibt vier Stellen, die das Bundesjugendministerium bei der Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland unterstützen. Beim Deutschen Bundesjugendring befindet sich die Koordinierungsstelle für die Umsetzung des Strukturierten Dialogs. Das Deutsche Jugendinstitut hat die wissenschaftliche Begleitung des gesamten Prozesses und bringt fachliches Know-how ein. Dann gibt es da noch die Servicestelle für die Bund-Länder-Zusammenarbeit, die seit dem 01.09.2011 ja auch bei JUGEND für Europa angesiedelt wurde. Und als vierten Baustein gibt es die Transferstelle, ebenfalls bei JUGEND für Europa, die für den Transfer zwischen Deutschland und Europa zuständig ist.

Hinzu kommt übrigens noch ein Beirat des Bundes zur Umsetzung der Jugendstrategie, in den das BMFSFJ Expertinnen und Experten sowie Vertreterinnen und Vertretern der Träger berufen hat. Dieser Beirat trifft sich zweimal im Jahr.

JfE: Das sind viele Beteiligte! Wie arbeiten sie zusammen? 

Portrait Jochen Butt-Posnik Jugend für Europa Jochen Butt-Pośnik: Naja, im Arbeitsalltag reden wir im Kern von acht Personen plus den Vertretern des Bundesjugendministeriums. Das ist überschaubar. Es gibt natürlich viel Abstimmungsbedarf. Dieser ganze Prozess ist ja auch neu - eigentlich ein Experiment. Deswegen arbeiten die genannten Unterstützungsstellen eng zusammen und mit einer großen gegenseitigen Transparenz. Wir besprechen uns fast wöchentlich per Videokonferenz.

JfE: Wer wird denn sonst noch beteiligt?

Claudius Siebel: Das kommt darauf an, um welche Projekte und Themen es geht. Es ist doch klar, wesentliche Fachkompetenzen liegen dort, wo Jugendhilfe konkret geleistet wird, bei den Kommunen, den freien Trägern, den Bundesländern. Ein wichtiger Faktor sind natürlich auch die formalen Zuständigkeiten in der Kooperation zwischen Bund und Ländern. Es sind also immer wieder verschiedene Ministerien, Einrichtungen und Träger hier bei uns oder in anderen europäischen Ländern involviert.

Außerdem ist es uns sehr wichtig, zukünftig auch Jugendliche an den Austauschprozessen zu beteiligen. Es gehört übrigens mit zu unserer Arbeit, die Akteure zu identifizieren und mit Fachleuten aus den verschiedenen Ländern zusammenzuarbeiten.

Jochen Butt-Pośnik: Auf Seiten des zuständigen Bundesjugendministeriums gibt es eine sehr große Bereitschaft, die Arbeits- und Praxis-Ebene, Träger, Fachleute, Wissenschaftler und eben auch Jugendliche mit einzubeziehen.

JfE: Was macht die Transferstelle für die jugendpolitische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der EU? 

Jochen Butt-Pośnik: Die Transferstelle soll Ideen, Aktivitäten, Anregungen der Jugendpolitik auf europäischer und nationaler Ebene identifizieren und verbreiten. „Peer Learning“ - voneinander etwas zu lernen - ist das Zauberwort. Es findet zwischen Regierungen statt, zwischen Trägern und Expertinnen und Experten. Konkret werden wir drei von fünf multilateralen Kooperationsprojekten, die das Bundesjugendministerium im Kontext der Umsetzung der EU-Jugendstrategie plant, auf nationaler und europäischer Ebene umsetzen.

JfE: Was sind das für Projekte?

Claudius Siebel: Das Bundesjugendministerium hat fünf Themenschwerpunkte gesetzt: „Eigenständige Jugendpolitik“, „Partizipation junger Menschen im demokratischen Europa“, „Freiwilligendienste auf europäischer Ebene“, „E-Partizipation“ und das Thema „Übergänge zwischen Schule, Ausbildung und Beruf“.

Eines der drei Themenfelder, die wir bearbeiten, ist die Weiterentwicklung einer eigenständigen Jugendpolitik. Das ist ja in Deutschland ein brandaktuelles Thema, aber auch eines, das durch die EU-Jugendstrategie angeregt wird. Hier geht es zum Beispiel um die Frage, wie für den Gestaltungsprozess die Kommunen mitgenommen werden können, die in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern eine große wenn nicht die Hauptverantwortung für Kinder- und Jugendhilfe tragen. Wir konzipieren nun gerade eine europäische Konferenz zur Rolle der Kommunen bei der Ausgestaltung von Jugendpolitik. Wir hoffen, damit gute Ideen und Konzepte austauschen zu können.

Leider steht die Weiterentwicklung der europäischen Jugendpolitik und der Jugendstrategie auf EU-Ebene gegenwärtig nicht ganz oben auf der Agenda. Hier bestimmt „Youth on the Move“ die momentane Debatte. In Deutschland werden dagegen schon Fakten geschaffen durch das vorliegende Eckpunktepapier „Internationale Jugendpolitik“ des Bundesjugendministeriums. Es gibt eine große Bereitschaft, Impulse aus anderen Ländern aufzunehmen und die Themen mit diesen zu erörtern.

Jochen Butt-Pośnik: Zu unserem zweiten Themenfeld „Partizipation junger Menschen“ haben wir Ende Juni ein Werkstattgespräch durchgeführt, zu dem wir Akteure aus den Feldern „Politische Bildung“ und „Partizipation“ eingeladen haben. In dem Gespräch haben wir ausgelotet, welche Themen, welche Schwerpunkte geeignet sind, um im Sinne eines „Peer Learnings“ einen transnationalen Austausch oder ein transnationales Projekt zu initiieren. Im Bereich politischer Bildung gibt es schon gute europäische Partnerschaften und große Netzwerke von aktiven Trägern.

Das dritte Projekt ist eine europäische Initiative zu einem europaweiten Freiwilligendienst. Es wird darum gehen, mehr Möglichkeiten für jugendliche Freiwilligendienste aller Art in Europa zu schaffen. Hier findet im September ein erstes europäisches Treffen mit Fachleuten und Ministeriumsvertretern unter anderem aus Polen, Tschechien, Frankreich und Österreich in Berlin statt.

JfE: Wie teilen Sie sich beide denn die Arbeit auf? Welchen fachlichen Hintergrund haben Sie?

Jochen Butt-Pośnik: Ich bin relativ frisch bei der Transferstelle, seit dem 1. Mai. Ich habe 10 Jahre lang bei einem freien Träger in Hannover in europäischen Jugendpartizipationsprojekten gearbeitet. Ich freue mich, in der Transferstelle dazu beitragen zu können, dass der Jugendstrategie Leben eingehaucht wird. Meine Aufgabe bei der Transferstelle wird es sein, zwei der vom Ministerium geplanten multilateralen Kooperationsprojekte zu koordinieren. Das aktuelle habe ich schon erwähnt zum Themenfeld „Partizipation junger Menschen im demokratischen Europa“, wo es um Jugendbeteiligung und politische Bildung im weitesten Sinne geht. Ich habe selbst politische Jugendbildung gemacht und für mich ist das fachliche „Peer Learning“ eine hochspannende Geschichte. Wir werden in diesem Themenfeld mit fünf oder sechs anderen Ländern zusammenarbeiten. Neben einer europäischen Fachkonferenz mit 100-150 Teilnehmern wird es verschiedene Expertentreffen geben. Es wird hoffentlich einen fachlichen Austausch geben, durch den man nach diesen zweieinhalb Jahren etwas dazu gelernt hat, was man dann in Deutschland umsetzen kann.

Claudius Siebel: Ich arbeite schon relativ lange bei JUGEND für Europa im Schwerpunkt „Europäische Jugendpolitik“. Von daher lagen die Arbeit in der Transferstelle und auch mein Thema, die „Eigenständige Jugendpolitik“, nahe. Mich interessiert es, wie die Jugendpolitik aufgestellt ist – europäisch und national. Was gibt es für verschiedene Modelle in Europa oder auch nicht - in ganz vielen Ländern gibt es ja eigentlich so etwas wie Jugendpolitik gar nicht. Da musste ich mich auch erst einmal einarbeiten. Ich finde das sehr spannend und herausfordernd.

JfE: Und welche Ziele hat sich die Transferstelle gesetzt?

Jochen Butt-Pośnik: Unsere Arbeit hat quasi das Motto: „Wir wollen mehr Europa in der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland ermöglichen.“ Wir wollen europäische Impulse und europäisches Denken in der Kinder- und Jugendhilfe verankern. Der Kern unserer Aufgabe ist eben der Transfer. Wir wollen aber auch Impulse aus Deutschland in die europäische Debatte geben. Ich glaube, dass wir diese hervorragend weiterentwickeln und qualifizieren können.

Claudius Siebel: Eine wichtige Aufgabe wird die Informationsarbeit sein. Für viele Träger, für viele Kommunen, für Ministerien auf Länderebene ist die EU-Jugendstrategie ja noch recht unbekannt. Deswegen sind wir jetzt auch häufig unterwegs auf Fachveranstaltungen, um zu erklären, was sich hinter der EU-Jugendstrategie verbirgt. Welche Anknüpfungspunkte hat sie zur Politik eines Landesministeriums oder den Aktivitäten von Jugendorganisationen?

Jochen Butt-Pośnik: Dabei geht es natürlich auch darum, welche Förderinstrumente man nutzen kann, um die eigene Arbeit zu europäisieren. Und welchen Mehrwert eine europäische Zusammenarbeit hat. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, welcher Gewinn  es für die Praxis ist, wenn man andere Konzepte und Strategien, andere Erfahrungen in europäischen Partnerländern kennenlernt. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen „riots“ ist es zum Beispiel hochspannend, sich intensiv mit der Integrationspolitik Großbritanniens auseinanderzusetzen. Die sprechen da selten von Integration, sondern von social cohesion, sozialem Zusammenhalt. Ich persönlich glaube, allein so ein Begriff würde für die deutsche Integrationsdebatte ein entscheidendes Hindernis aus dem Weg nehmen.

Claudius Siebel: Das deutsche Kinder- und Jugendhilfesystem ist in Europa sicherlich einzigartig. Aber wir wissen aus der wissenschaftlichen Begleitforschung zum Programm JUGEND in Aktion, dass es viele langfristige, positive Effekte auf Träger hat, sich auf europäische Prozesse einzulassen. Das sind die Botschaften, die wir verbreiten wollen: Lasst euch darauf ein, Europa ist Realität! Und: Auch unser System ist optimierungsfähig. In Bereichen wie Übergänge zwischen Schule, Ausbildung und Beruf hat Deutschland ja auch nicht die allerbesten Bilanzen vorzuweisen. Also da gibt es sicherlich auch noch einiges zu lernen.

Jochen Butt-Pośnik: Leider müssen wir aber auch gegen die aktuellen Schlagzeilen arbeiten: Es gibt starke Auflösungstendenzen des europäischen Integrationsprojektes. Heute Morgen las ich, dass Griechenland nun noch einmal in seiner Kreditwürdigkeit herabgestuft worden ist. Werden wir bei den Sparnotwendigkeiten vieler Mitgliedstaaten das EU-Jugendprogramm halten können? Was machen wir in Europa mit diesen horrenden Zahlen bei der Jugendarbeitslosigkeit? Wohin führt die zunehmende Unzufriedenheit der Jugendlichen? Ausruhen gilt nicht, die Wirksamkeit der EU-Jugendstrategie wird sich an dieser Realität messen lassen müssen. Und: EU-freundlich ist die Stimmung insgesamt ja auch nicht wirklich. 

JfE: Wenn das so ist: An welchen Erfolgen soll man Sie denn 2013 messen?

Claudius Siebel: Alle Unterstützungsstellen haben dazu gemeinsam eine Liste von Erfolgskriterien aufgeschrieben. Beispielsweise: „Bund und Länder arbeiten jugendpolitisch zusammen. Europäische und eigenständige nationale Jugendpolitik sind verbunden. Das nicht formale Lernen ist aufgewertet. In 50% der kommunalen Jugendämter wird internationale Jugendarbeit gefördert. Auch in einem neuen EU-Jugend- und Bildungsprogramm ist die europäische Jugendstrategie ein zentrales Element.“ Das ist sehr ambitioniert und wird so auch nicht vollständig realisierbar sein. Es sind aber diese Ziele, die uns motivieren.

Jochen Butt-Pośnik: Ganz oben steht: „Bis 2013 hat sich eine konsistente Europaeuphorie bei Jugendlichen und in der Verwaltung breitgemacht“. Darunter tun wir es nicht! (lacht)

JfE: Dafür wünschen wir viel Erfolg! Vielen Dank für das Gespräch.

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