"Wir werden feststellen, dass wir alle voneinander gelernt haben."

Michal Urban ist Leiter der Abteilung Jugend im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport der Tschechischen Republik. JUGEND für Europa sprach mit ihm am Rande der Auftakttagung des Europäischen Peer Learning-Projekts zur Jugendpolitik des BMFSFJ in Berlin.

JfE: Herr Urban, wer ist in der Tschechischen Republik verantwortlich für die Jugendpolitik?

Urban: Die Jugendpolitik in Tschechien wird auf nationaler Ebene vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, namentlich der Abteilung Jugend, koordiniert.

JfE: Welche Rolle spielen die Kommunen?

Urban: Eine nationale Jugendpolitik sollte sich natürlich auf lokaler Ebene widerspiegeln. Ohne die lokale Arbeit wäre eine nationale Strategie nur ein Theoriegebäude. Aber bedauerlicherweise wird in unseren Strategiedokumenten zur Jugendpolitik nicht explizit geregelt, dass die Kommunen eine eigene Jugendpolitik umsetzen sollen. Daher versuchen wir, diese so gut es geht zu motivieren und zu unterstützen, im Sinne der nationalen und europäischen Jugendpolitik zu arbeiten.

JfE: Wird die lokale Jugendhilfe national gefördert?

Urban: Die Gemeinden bekommen Finanzmittel, deren Höhe abhängig von der Einwohnerzahl ist. Aber es liegt in ihrer eigenen Verantwortung, wie sie diese Mittel verteilen. In einigen Bereichen ist gesetzlich geregelt, wofür die Mittel eingesetzt werden, aber im Hinblick auf Jugendarbeit und  Jugendhilfe können die Kommunen sehr unabhängig agieren.  Wir haben daher nur indirekte Möglichkeiten, auf eine gute Jugendpolitik vor Ort hinzuwirken. So verbreiten wir gute Beispiele,  gute Ideen, unterstützen Trainings für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Jugendhilfe.

JfE: Welchen Einfluss haben die jugendpolitischen Entwicklungen der Europäischen Union und die EU-Jugendstrategie auf die tschechische Jugendpolitik?

Urban: Als die EU-Jugendstrategie verabschiedet wurde, war das für uns keine Revolution, da sie mehr oder weniger der jugendpolitischen Strategie entsprach, die wir schon hatten. Wir haben diese dann angepasst an die europäischen Anforderungen. Wir wollen beispielsweise einen Jugendbericht nicht in einem  Jahr nach nationalen Vorgaben, im nächsten an europäischen ausrichten. Daher haben wir Themen und Zeitpläne synchronisiert. Die Bedeutung der EU-Jugendstrategie liegt für uns aber vor allem darin, dass sie eine Art ‚Extra-Argument‘ in Verhandlungen mit den anderen Ressorts darstellte. Nach dem Motto: „Es ist gut, Jugendpolitik zu unterstützen, denn es ist auch eine europäische Priorität.“

JfE: Welche Bedeutung hat das Programm JUGEND IN AKTION in Tschechien?

Urban: Für uns hat das Programm JUGEND IN AKTION eine besondere Bedeutung. Wir wissen von der Interim-Evaluation vor zwei Jahren, dass es in der Tschechischen Republik für die Förderung durch die meisten der Aktionen von JUGEND IN AKTION keine nationale Alternative gibt. Das Programm ist also ganz zentral für unsere Internationale Jugendarbeit.

Aber darüber hinaus sind wir glücklich, dass wir Mittel aus zentralen Aktionen für die Implementierung auf lokaler Ebene nutzen können, vor allem aus der Aktion 4.6 (Unterstützung von Partnerschaften, um langfristige Projekte zu entwickeln, die verschiedene Programmmaßnahmen kombinieren). Wir führen zurzeit das zweite erfolgreiche Projekt durch. Das erste unterstützte die jugendpolitische Zusammenarbeit in der schlesischen Region im Nordosten, das zweite in Süd-Mähren. In beiden Fällen wurden mit vielen Partnern - NGOs, Jugendlichen, Wirtschaft, Behörden - lokale jugendpolitische „JUGEND IN AKTION“- Programme geschaffen.

JfE: Was erwarten Sie von diesem Peer Learning-Projekt?

Urban: Ehrlich gesagt: Sehr viel! In jedem Land versuchen die für Jugendpolitik Verantwortlichen  ähnliche Probleme zu lösen. Deswegen ist es wichtig, unterschiedliche Lösungsansätze kennenzulernen. Für mich war das Beispiel von Litauen sehr interessant. Sie haben ein Netzwerk von Koordinatoren in den Regionen, um die nationale Jugendstrategie in der Fläche umzusetzen. Das ist nur ein Beispiel, ich könnte weitere nennen. Das ist für mich das wichtigste: Andere Ansätze kennenzulernen und zu prüfen, was in die eigenen Bedingungen passt.

JfE: Sind Ihre Erwartungen erfüllt worden?

Urban: Es gab Aspekte, die zwar für mich, aber vielleicht nicht für alle interessant waren. Deswegen hätte ich gern etwas mehr Zeit für einen bilateralen Austausch gehabt. Aber das ist ja erst der Anfang des Prozesses. Darüber hinaus bin ich sehr dankbar, dass uns Deutschland eingeladen hat - ich fühle mich privilegiert. Ich werte dies als Signal, dass nicht nur wir lernen können, sondern dass die Tschechische Republik auch Inspiration für andere sein kann. Und in zwei Jahren, wenn wir auf den Peer Learning-Prozess zurückblicken, werden wir hoffentlich feststellen, dass wir alle voneinander gelernt haben und gute Ideen in den Ländern implementiert wurden.

(Das Interview führte Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

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