Interview vom 15.03.2010Europäisches Parlament

"Wir müssen die nächste Generation davon überzeugen, dass die EU für sie ein wichtiger Bezugsrahmen ist."

Franziska Brantner ist 30 Jahre alt und seit 2009 für Bündnis 90 / Die Grünen Mitglied im Europäischen Parlament. Sie ist eine von vier stellvertretenden Vorsitzenden der neu eingerichteten "Inter-Group Jugend" des Europaparlaments.

via JfE

JfE: Frau Brantner, welche Funktion hat die "Intergroup Jugend" des Europaparlaments?

Brantner: Die "Intergroup Jugend" hat eine Funktion, die man in anderen Bereichen "Main-Streaming" nennt. Wir wollen nicht nur auf das fokussieren, was im Europäischen Parlament unter Jugendpolitik läuft, sondern wir wollen für alle anderen Politikbereiche immer wieder schauen, wie diese Jugendliche, junge Menschen in Europa betreffen und was es dann für die anderen Politikbereiche bedeutet. Wir sind junge Abgeordnete, die Jugendpolitik als Querschnittsthema sehen und in ihren jeweiligen Bereichen bereit sind, dies mit einzubringen.

JfE: Werden jugendpolitische Fragen nicht ausreichend im Ausschuss für Kultur und Bildung diskutiert? In welchem Verhältnis steht die Intergroup zu diesem und anderen Ausschüssen? Sie beispielsweise sind Mitglied im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten.

Brantner: Die Mitglieder der Intergroup kommen aus unterschiedlichsten Gremien. Wir sitzen nicht unbedingt in den zuständigen Ausschüssen, arbeiten aber natürlich mit unseren jeweiligen Fraktionsvertretern in den Ausschüssen zusammen. Jeder schaut in seinem Bereich, wo etwas Wichtiges ansteht, was man gemeinsam diskutieren und vorwärts bringen kann. Das Ziel ist dann, das, was die Intergroup diskutiert hat, zurück in die jeweiligen Fachausschüsse zu transportieren.

JfE: Warum wurde die Intergroup „Jugend“ jetzt gegründet? Ist das eine Konsequenz neuerer jugendpolitischer Entwicklungen oder der neuen EU-Jugendstrategie?

Brantner: Wir sind eine Reihe von Leuten, die alle auch einmal Jugendpolitik gemacht haben. Zum Beispiel habe in meiner Heimat Baden-Württemberg einen Jugendgemeinderat mitinitiiert. Die Mitglieder der Inter-Group haben alle einen solchen Hintergrund. Sie wissen genau: Wenn man Jugendpolitik auf die Frage reduziert, ob es jetzt noch einen Kickerplatz mehr oder weniger gibt, interessiert man keinen jungen Menschen für Politik. Und dann wird der Querschnittsansatz ja auch in der neuen Jugendstrategie explizit genannt. Aber ich würde sagen, es ist so eine Mischung zwischen den Diskussionen, die ohnehin schon liefen und den Interessenlagen derjenigen, die sich jetzt an der Gruppe beteiligt haben.

JfE: Intergroups des Europaparlaments sollen den Kontakt zwischen den EP-Mitgliedern und der Zivilgesellschaft fördern. Was plant die Intergroup Jugend in dieser Hinsicht?

Brantner: Wir stehen natürlich in einem regen Austausch mit dem Europäischen Jugendforum. Mit dieser Plattform für die Jugendverbände auf europäischer Ebene haben wir in der letzten Woche eine gemeinsame Pressemitteilung zur EU-Strategie 2020 gemacht. Jeder von uns ist gehalten, in seinem Arbeits- und Themenbereich Kontakte mit Jugendverbänden und Jugendgruppen herzustellen. Auch auf europäischer Ebene ist es unsere Zielsetzung, Jugendliche einzubinden. Aber wir sind bis jetzt noch zu sehr am Anfang, als dass ich sagen könnte, wir hätten es schon erreicht.

JfE: Welche Themen stehen als erste auf der Agenda der Intergroup?

Brantner: Wir haben unterschiedliche Schwerpunkte. Einer davon ist das Thema Jugendarbeitslosigkeit bzw. Beschäftigung, das andere ist das Thema Mobilität. Letzteres reicht vom Ausbildungsbereich bis zum Studium. Unter diesen Themenstellungen nehmen wir durchaus auch den EU-Haushalt in den Blick.

JfE: Sie sind eine der stellvertretenden Vorsitzenden. Was hat Sie persönlich veranlasst, der Intergroup beizutreten?

Brantner: Ich glaube, dass wir jetzt die nächste Generation davon überzeugen müssen, dass die EU für sie ein wichtiger Bezugsrahmen ist, dass das, was in der EU-Politik entschieden wird, sie betrifft, selbst wenn es nicht unmittelbar persönlich spürbar ist. Ob sie diese Politik dann gut finden oder nicht, ist der zweite Schritt. Wichtig ist, dass sie diesen Bezugsrahmen sehen und wahrnehmen, dass es viele Politikbereiche gibt, die junge Leute betreffen und dass sie sich einmischen sollten in die Entscheidungsprozesse. Daran liegt mir viel.

JfE: Welche jugendpolitischen Anliegen sind Ihnen persönlich besonders wichtig? Welches Thema möchten Sie in der nächsten Zeit besonders voranbringen?

Brantner: Ein zentrales Thema ist für mich die Bologna-Reform und die Mobilitätsfrage.

JfE: Was halten Sie in diesem Zusammenhang von der Baroso-Initiative "Youth on the Move"? Die Inter-Group Jugend hat sich ja bereits kritisch dazu geäußert.

Brantner: Unser Hauptkritikpunkt war, dass es kann nicht "Youth" heissen und dann nur Studierende betreffen darf. Hier muss es um alle gehen: Auszubildende, junge Menschen in Unternehmen, Volontariatsarbeit, Praktikanten etc.

(Das Interview führte Dr. Helle Becker, Expertise & Kommunikation, im Auftrag von JUGEND für Europa)