23.01.2013Jugendinformation

"Wir haben für die Zukunft ein gutes Modell."

jugendpolitikineuropa.de sprach mit Reinhard Schwalbach, Präsident des europäischen Eurodesk-Jugendinformationsnetzwerks und Leiter des Geschäftsbereichs „Information für die internationale Jugendarbeit und Jugendpolitik“ bei IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.

JfE: Herr Schwalbach, derzeit werden die Bedingungen für ein neues Programm für Jugend, Bildung und Sport verhandelt. Welche Rolle wird die Jugendinformation nach 2014 spielen?

Schwalbach: Man muss insgesamt davon ausgehen, dass der Begriff Jugendinformation nicht mehr so verwendet wird wie noch vor 12 Jahren zu Weißbuch-Zeiten. In den neueren Papieren ist von „Guidance“ die Rede. Ins Deutsche wird das als „Begleitung“ übersetzt. Aber eigentlich ist der Begriff noch nicht wirklich definiert. Information, Beratung, Begleitung werden als wichtig und notwendig betrachtet. Aber bisher wurde noch nicht gesagt, welchen Instrumentariums man sich bedienen möchte.

JfE: Aber die Eurodesk-Stellen sollen erhalten bleiben?

Schwalbach: Eurodesk wird in allen Papieren, auch im Kommissionsvorschlag, durchgängig erwähnt. Es wäre auch ziemlich unklug, an dieser Stelle ein Fass aufzumachen, wo man andere Deckel noch nicht gefunden hat. Es müssen weiterhin spezialisierte Dienstleistungen für die unterschiedlichen Bereiche des geplanten Programms – Jugend, Schule, berufliche Bildung usw. – angeboten werden.

JfE: Die Kommission möchte, dass Eurodesk das neu geplante EU-Jugendportal entwickelt?

Schwalbach: Das neue Europäische Jugendportal wird eine neue Struktur erhalten, die den Themen der EU-Jugendstrategie entspricht. Dann soll es multimedialer werden, Podcast und Videos einbinden. Darüber hinaus soll es interaktiver werden, zum Beispiel durch e-Learning-Angebote, Webseminare oder durch den Aufbau einer Online Community. Eurodesk soll die Inhalte für das neue Europäische Jugendportal liefern. Diese Aufgabe lag bisher, was die europäischen Inhalte betraf, bei der Kommission selbst.

JfE: Das Jugendportal kommt in die Hände zivilgesellschaftlicher Akteure?

Schwalbach: Was die inhaltliche Ausgestaltung angeht, könnte man das so sehen. Wir selbst sind noch nicht davon überzeugt. Man muss bedenken, dass das Ganze nach wie vor auf dem Europa-Server liegt. Eurodesk ist auch nicht eingebunden in die Entwicklung des technischen Konzepts. Und juristische und sicherheitspolitische Bestimmungen werden wohl eine große Hürde dafür darstellen, dass Jugendliche selbst posten können…

JfE: Welche Rolle wird Eurodesk darüber hinaus im neuen Programm haben?

Schwalbach: Die Kommission ist mit ihren Vorstellungen, die Aufgabe von Eurodesk ausschließlich in der Pflege des europäischen Jugendportals zu sehen, in der Ratsgruppe Jugend gescheitert. Die Mitgliedstaaten haben gefordert, dass auch die dezentrale Arbeit von Eurodesk im Bereich Information und Beratung gewünscht ist. So soll Eurodesk weiterhin Berater vor Ort und Fachkräfte der Kinder-und Jugendhilfe qualifizieren, die notwendigen Beratungsleistungen für die Jugendlichen zu erbringen. Der Wunsch des Bundesjugendministeriums ist es zum Beispiel auch, das JiVE-Netzwerk von Eurodesk zu erweitern. Aber das ist auch eine Frage der Finanzen. Das viele Geld, das versprochen wurde, wird ja im Wesentlichen in die formalen Bildungsprogramme fließen.

JfE: Eurodesk war bisher eindeutig im Jugendbereich verortet. Das neue Programm soll dem Prinzip des „Streamlining“ folgen und Synergien bündeln. Was bedeutet das im Hinblick auf die vorhandenen Informationsdienste?

Schwalbach: Es wird eine Herausforderung sein, die Aufgabenbereiche im Rahmen des Gesamtprogramms zu definieren. Aber wir haben eine gute Ausgangsposition. Gerade fand die zweite Konferenz der europäischen Informationsnetzwerke statt. Dort sind auch EURES und Euroguidance dabei, die beide im Bereich des Lebenslangen Lernens und der Ausbildungs- und Berufsmobilität arbeiten. Wir machen uns Gedanken über eine inhaltliche Zusammenarbeit, bevor dazu Pläne der Kommission öffentlich werden. Und dann ist es für uns ganz gut, dass wir schon eine Praxis der Zusammenarbeit und Synergiesuche haben. Das haben wir im Übrigen auf nationaler Ebene in Deutschland schon seit fast 10 Jahren. Wir klären zum Beispiel, wo ein Jugendlicher, der auf der Suche nach Informationen zu Auslandsaufenthalten ist, am besten informiert und beraten werden kann. Wir geben eine gemeinsame Broschüre heraus, die sich großer Beliebtheit erfreut. Wir tauschen uns aus über Qualitätsstandards von Informationen, Strukturen und Ansprechpartner oder kooperieren bei der Präsenz auf Messen. Wir haben damit auch für die Zukunft ein gutes Modell.

JfE: Eine der 10 von der Kommission geplanten Hauptaktivitäten im Rahmen der Leitinitiative „Youth on the Move" ist die Einführung einer „YoM-Card" für Jugendliche. Von ihr hat man in letzter Zeit wenig gehört. Wie ist der Stand der Planungen?

Schwalbach: Neuerdings ist nicht mehr die Rede von einer „Youth on the Move-Card“, sondern es heißt jetzt: „Youth on the Move Information- and Card- Initiative.“ Dies scheint die Folge einer nicht öffentlichen Untersuchung zu sein, die wohl zu dem Ergebnis kam, dass eine Jugendkarte allein derzeit nicht geeignet ist, Mobilitätshindernisse überwinden zu helfen. Wenn ein Jugendlicher zum Beispiel einen Zuschuss zu seinen Reisekosten sucht – ein wichtiges Mobilitätshindernis –, dann braucht er weniger die Karte, als vielmehr Informationen über die einschlägigen Förderprogramme, bei denen es Reisekostenzuschüsse gibt. Die Karte müsste beispielweise durch onlinegestützte Dienste, zum Beispiel eine App oder eine Kontaktplattform, vielleicht in Verbindung mit dem Jugendportal, ergänzt werden.

Das Paket, das die EU-Kommission geschnürt hat, wird derzeit in verschiedenen Bereichen innerhalb der Generaldirektion begutachtet. Ziel ist es, die Initiative in der Mai-Sitzung der Generaldirektoren zu verabschieden und im Juni eine Stellungnahme der Jugendministerkonferenz zu erhalten.

JfE: Welchen Mehrwert könnte diese Initiative aus Ihrer Sicht haben?

Schwalbach:Die Frage ist, ob wir in Deutschland eine europäische Karte einführen könnten, bei der dann die gefragten Stellen auch mitmachen. Wir bei IJAB haben uns deshalb die Jugendkarten-Konzepte in anderen Ländern im Hinblick auf ihre Gelingensfaktoren angeschaut. In Schottland oder Großbritannien gibt es keinen Personalausweis für Jugendliche. Die Alternative ist ein Reisepass, aber der ist sehr teuer. Da wäre eine solche Karte als Altersnachweis hilfreich. Man sieht: So manches, was in anderen Ländern Vorteile bringt, ist nicht so einfach auf Deutschland übertragbar. In Deutschland hätte die Karte nur einen Mehrwert, wenn sie entweder Mobilität oder Partizipation oder den Zugang zur Kultur erleichtert, beispielweise zusätzliche Vergünstigungen bringt für Konzerte oder Bahnkarten. Aber nach dem dreimaligen Bankrott der deutschen Jugendkarte ist das bei uns in Deutschland schon fast ein No-go-Thema. Wir denken eher an die Verbesserung von Informations- und Beratungsleistungen im Bereich der Jugendmobilität, ggf. auch ohne ‚physische‘ Karte.

(Das Interview führte Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

Mehr zur Arbeit von Eurodesk finden Sie unter www.rausvonzuhaus.de

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