"Wenn man einem Fremden begegnet, ist der Erste, dem man begegnet, man selbst."

Der Niederländer Drs. Bart Eigeman ist ehemaliger Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Hilfe und Wohlfahrt des Niederländischen Kommunal-Verbands. In seiner Eingangsrede zur Auftakttagung des Europäischen Peer Learning-Projekts zur Jugendpolitik plädierte er für eine „positive Jugendpolitik“.  

JfE: Herr Eigeman, was ist eine „positive Jugendpolitik“?

Eigeman:  Es gibt zwei Herausforderungen für eine gegenwärtige Jugendpolitik:  Die erste ist, Jugend nicht zum Objekt, sondern zum Subjekt von Jugendpolitik zu machen. Das bedeutet, Jugendlichen Verantwortung zu übertragen und sie dafür zu gewinnen. Das zweite ist eine ‚Entproblematisierung‘ von Jugend. Wir sollten ihre Möglichkeiten sehen und nicht nur die Defizite. Das ist das, was ich als „positive Jugendpolitik“ bezeichne.

JfE: Ist das nicht ein altes Prinzip der Jugendarbeit?

Eigeman: Ja, aber auch für die Jugendpolitik sollte es leitend sein. Wir sehen oft erst Handlungsbedarf, wenn es um Probleme der Jugendlichen oder mit den Jugendlichen geht. Wir sprechen in den Niederlanden von einer „Medikalisierung“ der Jugendlichen. Das Verhalten von Jugendlichen wird immer häufiger mit medizinischen Kategorien beschrieben. So werden Kinder und Jugendliche als Probleme ‚gelabelt‘, mit Etiketten versehen und nicht mehr ganzheitlich betrachtet – mit ihren Stärken und Potenzialen. Eine positive Jugendpolitik investiert nicht in Krankheiten, sondern in Talente, Motivation, positive Impulse.

JfE: Apropos positive Impulse: Welche Erwartungen haben Sie an dieses europäische Peer-Learning Projekt des deutschen Jugendministeriums?

Eigeman: Sehr viele! Oft wird der Austausch als eine Art von Luxus angesehen. Das ist nach meinen Erfahrungen nicht richtig. Wenn man einem Fremden begegnet, ist der Erste, dem man begegnet, man selbst. Es ist sehr wichtig, dass man sich selbst Zeit nimmt zum Lernen. Und das ist es, was hier geschieht. Fragen an Andere sind eigentlich eine Art von Selbstreflektion.

JfE: Sind die Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern und Kommunen nicht sehr unterschiedlich? Kann man da überhaupt etwas vergleichen?

Eigeman: Wir haben alle das Anliegen, die Belange der Jugend, deren Beteiligung an der gesellschaftlichen Entwicklung und das Verhältnis zwischen Jugend und Erwachsenen zu thematisieren. Ein weiteres Thema, was ich von fast allen hier höre, ist das Problem der ‚geschiedenen Welten‘ von formalem Lernen und informalem Lernen. Hier verschenken wir Potenzial für die sozial-emotionale Entwicklung und für Citizenship von jungen Leuten.

JfE: Warum ist das in allen Ländern ein Thema? Ist Jugendarbeit schwieriger geworden?

Eigeman: Die Systeme auf der kommunalen Ebene sind überorganisiert. Wir sind zu spezialisiert, es gibt so viele ‚Läden‘ nebeneinander. Jedes Problem hat sein Institut, seine eigenen Finanzen, seine eigene Zuständigkeit. Dazwischen gibt es keinen Kontakt mehr. Aber ein Kind lässt sich nicht teilen. Ein Schüler ist auch ein Sportler und ein schlecht konzentriertes Kind ist auch ein talentvoller Musiker. Es kommt darauf an, dass wir das verbinden. Wir müssen aufhören, die eigene Organisation ins Zentrum zu stellen. Dazu gehört auch Mut. Aber es geht doch nun mal um Kinder und ihre Eltern.

JfE: Welche Rolle spielt denn da Europa?

Eigeman: Bei allem Respekt vor den Nationalregierungen - eigentlich gibt es doch nur noch zwei identitätstragende Gemeinschaften. Das eine ist die Gemeinde, die Kommune im täglichen Leben, und Europa. Das habe ich von einem Deutschen gelernt, der auch Franzose ist, von Daniel Cohn- Bendit. Auf der kommunalen Ebene sollten wir Verbindungen schaffen, zum Beispiel zwischen Schule und Jugendarbeit, aber auch zwischen Schulen, Organisationen und der Wirtschaft. Und Europa, das ist nicht nur eine Organisation, sondern auch eine Wertegemeinschaft. Sie steht für Freiheit und Individualität, aber auch für die Möglichkeit, sich Menschen aus anderen Ländern gegenüber freundlich zu verhalten. Auch das ist wichtig im Leben und auch das ist identitätsstiftend in Europa.

JfE: Wie werten Sie vor diesem Hintergrund die jüngsten europapolitischen Entwicklungen?

Eigeman: Meine Erfahrung als Bürgermeister seit nunmehr 11 Jahren ist, dass wir uns nicht so abhängig machen sollten und darauf warten, was Brüssel oder Strasbourg beschließt. Nein! Wir sollten deutlich machen, was für die kommunale und regionale Politik nötig ist. Und dann sollten wir sagen: Brüssel, Ihr könnt was für uns tun!

JfE: Ist das auch Ihre Erwartung an diesen Peerlearning-Prozess?

Eigeman: Wenn man sieht, wie das in Litauen zugeht, wie man mit wenig Geld viel Erfolg haben kann und auch ein ganz positives Klima für Jugendpolitik, dann eröffnet das auch Perspektiven für reichere Länder. Der Versuch der Tschechen, 6000 Gemeinden jugendpolitisch zu motivieren, ist doch sehr interessant. Hier können die anderen lernen, wie man eine ‚positive Jugendpolitik‘ anregen kann. Diese Energie entdecke ich auch hinter dem, was in Deutschland eine „eigenständige Jugendpolitik“ genannt wird: Eine Allianz für Jugend! Wichtig ist die Inspiration, die hier weitergegeben wird. Positivität erzeugt neue Positivität!

(Das Interview führte Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

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