Von wegen Nice-to-have: Jugendbeteiligung ist für Europa eine Frage der Glaubwürdigkeit

Durch Jugendpartizipation auf der europäischen Ebene ein Zeichen gegen die Krise setzen und Europa in den Alltag junger Menschen integrieren, das war das Ziel der 55 Teilnehmer auf der „Hear my voice! Making youth participation powerful” - Konferenz in Brüssel.

Manfred Zentners Botschaft war klar und deutlich: „Je mehr jemanden etwas betrifft, desto mehr interessiert es ihn auch“, erklärte der Forscher von der Donau-Universität Krems in Österreich. „Heute sind wir eingeladen ein bisschen vom Kommunismus, Neoliberalismus, etwas vom Buddhismus und vielleicht vom katholischen Glauben zu benutzen und darin unser eigenes Wertesystem aufzubauen – und das wirkt sich auch auf die Partizipationsformen aus.“ Es sei nicht mehr der Einzelne, der etwas verändern könne, sondern das gemeinsame Interesse Vieler.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hätten nicht unterschiedlichere Hintergründe haben können: Mitarbeiter von Bildungs- und Jugendministerien aus Israel, Polen und Deutschland, Wissenschaftler aus Großbritannien, Fachkräfte in der Jugendarbeit z.B. aus Italien und Slowenien und Jugendliche aus Jugendorganisationen vieler Länder – alle mit unterschiedlichen Perspektiven, aber dem Ziel, ein gemeinsames Papier und Maßnahmen zu entwickeln, um die Jugendpartizipation in Europa voranzutreiben.

Im Vorfeld hatte eine Redaktionsgruppe bestehend aus Mitarbeitern der „Reflection Group on Youth Participation“ und des multilateralen Kooperationsprojekts „Partizipation junger Menschen im demokratischen Europa“ Empfehlungen zu den wichtigsten Themen erarbeitet. Diese bildeten einen Bezugspunkt für die Teilnehmer der Konferenz, die die Lebens- und Partizipationswirklichkeit in ihren Herkunftsländern erörterten und in das Papier einfließen ließen. Einigkeit herrschte dahingehend, dass der Blick auf (politische) Partizipation geweitet werden muss. Die Fixierung auf die Frage, ob junge Menschen wählen gehen oder nicht, übersieht, dass sich Beteiligung im realen oder virtuellen Raum an vielen unterschiedlichen Orten abspielt.

Kontrovers diskutiert wurde der Einsatz von bottom-up Konzepten wie E-Partizipation in Dänemark und Estland im Vergleich zu top-down-Konzepten, wie sie etwa in Jugendräten in vielen Ländern repräsentiert sind. Insbesondere die Vorgehensweise der „Demokratischen Schulen“ in Israel war für viele Teilnehmer ein Augenöffner: „In diesen Schulen geht Partizipation so weit, dass Schüler die Inhalte, die sie lernen, die Methoden und den Zeitpunkt, wann sie lernen wollen, aussuchen können“, erzählen Hadara Rozenblum und Hana Lea Erez vom Bildungsministerium Israels. Zusammen bereiten Lehrer und Schüler das Schuljahr vor und besprechen es nach dessen Ende. Außerdem gibt es bereits zehn experimentale Schulen, in denen Kinder nicht in Klassen und Fächern unterrichtet werden, sondern in Projektgruppen, in denen sie diejenigen Dinge lernen, die sie brauchen, damit das Projekt erfolgreich wird.

Gerade in der Schule muss Partizipation nicht nur gelehrt, sondern auch praktisch vermittelt werden. Schüler brauchen ein Mitspracherecht in der Gestaltung von Curricula, darin waren sich die Teilnehmer trotz kontroverser Debatten einig. „Wir haben in vielen Ländern das Problem, dass Dinge wie das Gesundheits- oder das Steuersystem in der Schule nicht erklärt werden. Wir bräuchten daher ein Fach. das ‚Lebenskompetenz‘ heißt. Das fehlt und wirkt sich in der Folge ganz stark auf die Motivation Jugendlicher aus sich zu beteiligen“, merkt Jakob Fuchs von der Servicestelle Jugendbeteiligung in Deutschland an.

Inspiriert von guten und schlechten Beispielen aus den Herkunftsländern der Teilnehmer taten sich viele  Perspektiven zum Austausch und zur multilateralen Kooperation auf. Ein Beispiel dafür ist die Forderung nach einem "European Youth Take Over Day", an dem z.B. Parlamente der EU-Mitgliedsstaaten, das Europäische Parlament, Ministerien und andere Orte des „Politik Machens“ an einem Tag im Jahr jungen Menschen offen stehen sollten, um politischen Entscheidungsträgern über die Schulter zu gucken. Zudem schickt jeder der Teilnehmer den Kurzfilm „Hear my voice! Amplify participation of young people in Europe“ mit den Empfehlungen der Konferenz an mindestens zwei Personen in seinem Netzwerk weiter. „Ich hoffe, dadurch, dass viele junge Menschen aus ganz Europa beteiligt sind, landet das Papier mit den Empfehlungen nicht in irgendeiner Schublade“, sagte eine Teilnehmerin.

Die Veranstalter der Konferenz sind in Hinsicht auf die Bedeutung der Empfehlungen optimistisch: „Es haben fünf Länder über einen Zeitraum von anderthalb Jahr zum Thema Beteiligung junger Menschen zusammengearbeitet, die theoretischen Grundlagen aus der Reflection Group sind auf der Höhe der Zeit – und die Krise, in der sich Europa mit all den verschiedenen Facetten befindet: all das kann Jugendbeteiligung in Europa aus der Nische des „Nice-to-have“ herausholen“, sagt Jochen Butt-Pośnik von JUGEND für Europa als Koordinator des multilateralen Kooperationsprojekts. „Wir sehen, dass die Beteiligung von Menschen aller Altersgruppen, vor allem aber der Jugendlichen als besonders von der Krise betroffener Gruppe, für Europa zu einer Art Glaubwürdigkeitstest wird. Daher sind wir optimistisch, dass diese Initiative aufgegriffen wird“, führt er weiter aus. „Dies haben uns die Vertreter der EU-Kommission, des Europarates und des Europäischen Parlaments auch hier in Brüssel bestätigt“, unterstreicht Raluca Diroescu vom SALTO-YOUTH Participation Resource Centre.

(Lisa Brüßler für JUGEND für Europa)

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