"Vielfalt teilen": Studie untersucht nationale Konzepte für den Interkulturellen Dialog

Laut Studie verfolgen nur wenige europäische Länder in der Jugendpolitik einen integrativen Ansatz mit deutlicher "IKD-Ausrichtung".

via Europäische Kommission, Kulturpolitische Gesellschaft

Ergebnisse der Eurobarometer-Umfrage "Diskriminierung in der EU" vom Januar 2007 zeigen, dass sichtbare Unterschiede und Verhaltensweisen bestimmter Gruppen von Menschen eine zentrale Rolle in diskriminierendem Denken spielen, das damit sowohl Barriere wie auch Anstoß für Bemühungen um Interkulturellen Dialog sein kann. Andererseits lässt eine weitere Eurobarometer-Blitzumfrage speziell zum Thema Interkultureller Dialog vom November 2007 erwarten, dass offenbar eine Mehrheit der EU-Bürger Vielfalt und Interkulturellen Dialog (IKD) als Bereicherung des kulturellen Lebens ihrer Länder ansieht. Der Interkulturelle Dialog und seine Förderung wurden in der neuen Strategie der EU-Kommission: "Europäische Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung" (2007) als ein Instrument benannt, das zu einem verständigen Umgang mit kultureller Vielfalt innerhalb unserer Gesellschaften beitragen kann, und dies sowohl grenzüberschreitend zwischen europäischen Ländern wie international in den Beziehungen zu anderen Weltregionen.

Die Europäische Kommission gab daher ein Projekt „SHARING DIVERSITY: National Approaches to Intercultural Dialogue in Europe” in Auftrag, das nationale Konzepte der Mitgliedsländer für den Interkulturellen Dialog untersuchte. Von Januar bis Dezember 2007 arbeitete das Europäische Institut für vergleichende Kulturforschung (ERICarts) mit einer Gruppe von 12 Expertinnen und Experten und 37 nationalen Berichterstattern an der Sammlung von Konzepten und Good Practice- Beispielen. Zu den Hauptzielen der Studie gehörte es, die nationalen Ansätze in größeren Zusammenhängen zu sehen und Rückwirkungen auf verschiedene politische Arbeitsfelder - Kultur, Bildung, Sport und Jugend - zu überprüfen. Dafür wurden rechtliche Rahmenbedingungen und politische Programme zusammengetragen, es werden die verantwortlichen Stellen für den Interkulturellen Dialog identifiziert, und die verschiedenen Aktivitäten in den genannten Politikbereichen analysiert. Die Studie, die aus einer kulturpolitischen Perspektive erstellt wurde, enthält auch 50 Empfehlungen der europäischen und nationalen Akteure. Teil der Studie ist auch eine zahlenmäßige Übersicht über Minoritäten und Zuwanderer in europäischen Ländern. In einer Datenbank sind 58 von den Autoren der Studie ausgewählte Best-Practice- Projekte aufgeführt. Dabei sind unter anderem 16 Jugendkulturprojekte aus verschiedenen Ländern. Für Deutschland werden als vorbildliche Kultur-Projekte genannt: der „Karneval der Kulturen“, der Musikwettbewerb „Jugend musiziert“ und die Netzprojekte "nrw-kulturen.de", ein Verzeichnis von Migranten-Künstlern, und "Quantara.de", eine Webseite für den Dialog mit dem Islam.

Für die Jugend, so die Studie, seien multiple, hybride Identitäten und Verflechtungen die Norm und würden den Dialog- und Kommunikationsprozess in der Zukunft prägen. Dies zeigten die vielen neuen Mischformen (inter)kultureller Ausdrucksweisen, vor allem in der Musik, die ursprünglich von Jugendlichen mit Migrationshintergrund kreiert wurden, z.B. Hip Hop in Paris oder Türkischer Rap in Berlin. Auch das Internet schaffe neue Dialogformen und interkulturelle Verbindungen, wovon etwa die wachsende Zahl von Jugendblogs zeugt.

Nationale Ansätze im Jugendbereich konzentrieren sich laut Studie hauptsächlich auf die Bereiche „Aktionen gegen Rassismus und Diskriminierungen“, auf die verstärkte Integration jugendlichen Migranten in Schulen oder informellen Angeboten der Jugendbildung und auf die Unterstützung von Austauschaktivitäten und grenzüberschreitenden Projekten. Nur wenige europäische Länder verfolgen in der Jugendpolitik laut Studie einen integrativen Ansatz mit deutlicher „IKD-Ausrichtung“. Eine Ausnahme bilde etwa Irland, wo das Department for Education and Science derzeit gemeinsam mit dem National Youth Council eine neue interkulturelle Strategie für die Jugendarbeit entwickelt. In einigen Ländern verfolge man schon länger umfassende kulturpolitische Strategien zur Stärkung des interkulturellen Dialogs im Inland. So wurde in en Niederlanden 1999 eine neue Kulturpolitik beschlossen, die auf eine Öffnung von Kultureinrichtungen für Minderheiten zielte. Durch eine veränderte Förderpraxis sollte z.B. die Jugendkultur von Minderheiten gestärkt werden, indem man angehende Künstler aus bestimmten kulturellen Milieus und aus multikulturellen Initiativen bevorzugt behandelte; Fördereinrichtungen mussten einen Teil ihres Budgets für junge und Künstler aus Einwanderungsländern reservieren und die Subventionen etablierter Institutionen regelmäßig im Sinne dieser Strategie überprüfen. Das neue Strategieprogramm 2005-2008 konzentriert sich auf den Aufbau "interkultureller Verbindungen".

Die EU-Kommission fördert IKD-Aktivitäten in verschiedenen Feldern der Europäischen Jugendpolitik, so etwa durch Prioritätensetzung für dieses Thema bei der Beteiligung junger Leute in Strukturdebatten, in Freiwilligenprogrammen sowie beim Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und andere Formen der Diskriminierung. Als ein wichtiges Instrument für die Förderung von IKD wird das EU-Programm JUGEND IN AKTION genannt. Außerdem wird die Partnerschaftsvereinbarung im Jugendbereich zwischen der Europäischen Kommission und dem Europarat genannt, bei der IKD im Mittelpunkt steht.

Informationen zum Projekt und zur Studie „Interkultureller Dialog“ bietet die Webseite www.interculturaldialogue.eu. Die Datenbank guter Praxis gibt es unter www.culturalpolicies.net.