„Viele Barrieren müssen noch beseitigt werden“

ePartizipation Jugendlicher: Der britische Blick (Tim Davies)

Welche Chance bietet ePartizpation, die elektronische Partizipation übers Internet, für die Jugendbeteiligung? Feststeht: Junge Menschen verstehen digitale Medien und soziale Netzwerke als selbstverständlichen Teil ihrer Alltagswelt. Im Rahmen des Projekts „youthpart“, das den internationalen und nationalen Erfahrungsaustausch sowie die Modellentwicklung für mehr Jugendbeteiligung in der digitalen Gesellschaft fördern soll, fand Ende Oktober in Berlin ein erstes Werkstattgespräch statt. JUGEND für Europa und IJAB hatten dazu eingeladen.

An diesem nahm auch der Engländer Tim Davies als Referent teil. Er ist Co-Direktor von „Practical Participation“, einer Organisation, die sich unter anderem mit digitalen Projekten für mehr Kinderrechte und Partizipation einsetzt.  

JfE: Herr Davies, Sie sind nicht nur Co-Direktor von „Practical Participation“, Sie machen an der Universität von Southampton auch gerade ihren Doktor in „Sozialpolitik und Netzwissenschaft“. Das klingt schon ganz nach ePartizipation. Womit beschäftigen Sie sich genau?

Sie haben Recht, da gibt es einen direkten Zusammenhang. Ich beschäftige mich in meiner Arbeit mit Initiativen zu „open government data“. Ich gehe der Frage nach, wie Daten aus Regierung und Verwaltung einer breiten Öffentlichkeit am besten zugänglich gemacht werden können. Je mehr Informationen wir bekommen, umso mehr stellt sich die Frage, was wir mit diesen Daten eigentlich machen wollen. Und wie wir die Öffentlichkeit sinnvoll an diesen Prozessen beteiligen können.

JfE: Was nehmen Sie aus Berlin mit nach Hause?

Ich habe viel über neue Projekte zur ePartizipation in anderen Ländern erfahren. Das war sehr nützlich. Finnland zum Beispiel. Der Start von „Verke“ (http://verke.wordpress.com/), einer neuen Plattform zur internationalen Jugendarbeit, hat mich beeindruckt. Aber auch andere Initiativen in Estland oder Österreich können sich sehen lassen. In Deutschland interessiert mich vor allem die Arbeit von „Liquid Democracy“ (http://adhocracy.de/), einem gemeinnützigen Verein, dessen Mitglieder an Ideen und Projekten arbeiten, die unsere heutige Demokratie flüssiger, transparenter und flexibler gestalten sollen. Dazu gehört die theoretische Konzeption, aber auch die praktische, direkt anwendbare Umsetzung in Software-Projekten.

JfE: Sie konnten noch etwas Neues lernen?

Natürlich. In Sachen ePartizipation ist man nie auf dem neuesten Stand. Wir haben uns während des Workshops zum Beispiel intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich die digitale Mitbestimmung sinnvoll messen lässt. Da habe ich mir viele Gedanken drüber gemacht. Die wichtigsten Ergebnisse habe ich in meinem Blog veröffentlicht (http://www.timdavies.org.uk/2011/11/07/what-does-successful-e-participation-look-like/).

JfE: Was können wir in dieser Hinsicht von Großbritannien lernen?

Wir überlegen derzeit vor allem, wie wir die Praktiker in der internationalen Jugendarbeit so ausstatten können, dass sie auf die digitale Kommunikation mit Jugendlichen gut vorbereitet sind. Welche Hilfestellung brauchen sie? Welche Werkzeuge sind nötig? Wie können lokale Projekte freiverfügbare Dienste im Internet nutzen, um Jugendliche gezielter anzusprechen und Jugendpartizipation zu fördern? Einige meiner Forschungsergebnisse zum Umgang von Jugendarbeit mit Sozialen Netzwerken finden sich unter http://www.timdavies.org.uk/wp-content/uploads/fullyouth-work-and-social-networking-final-report.pdfund unter

http://www.timdavies.org.uk/2010/10/26/social-media-youth-participation-in-local-democracy-for-download/.

Im Übrigen glaube ich, dass sich ePartizipation sowohl dafür eignet, bereits motivierte Menschen auch weiterhin bei ihrem Engagement zu unterstützen als auch hilfreich ist, überhaupt an neue Zielgruppen heranzukommen. Manche Jugendliche müssen eben erst einmal auf den Geschmack kommen. (http://www.timdavies.org.uk/2009/05/18/can-social-networks-bridge-the-participation-gap/)

JfE: Würden Sie sagen, dass bei der Entwicklung von ePartizipation alles nach Plan verläuft?

Leider nein. Sicherlich hat es in den letzten zehn Jahren viele erfolgreiche Experimente mit digitaler Partizipation gegeben. Vieles ist inzwischen dennoch nur Durchschnitt. Und es scheint sogar so, als hätten wir in den letzten Jahren eher einen Schritt nach hinten als nach vorne gemacht. In Zeiten voller Kassen haben Regierungen (egal, ob auf lokaler oder nationaler Ebene) mit Begeisterung e-Projekte betrieben. Jetzt leben wir in Zeiten ständiger Kürzungen. Internet-basierte Dialog-Projekte genießen dann nicht gerade die höchste Priorität.

JfE: Was müsste bei der digitalen Teilhabe jetzt passieren?

Gegenwärtig nehme ich sehr unterschiedliche Entwicklungen wahr, manche Ansätze kommen und verschwinden schnell wieder. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Die ganz Breite an Diversität ist wahrscheinlich gut, aber wir müssen auch aufpassen, dass wir manche Gruppen nicht außen vorlassen und vernachlässigen. Was wir bei der ePartizipation brauchen, ist eine Kombination aus geteilten Werten und Visionen und weniger Entwicklungshemmnisse für die Behörden.

JfE: Was meinen Sie damit genau?

Zur Zeit wird die digitale Teilhabe doch gerne mal als ein netter Zusatz zur Offline-Kommunikation angesehen oder als ein hübsches Extra, was man dazu nimmt oder eben nicht. In einer komplett digitalen Welt ist das anders. Da erwarten die Bürger geradezu den Austausch mit den Behörden. Der interaktive Dialog ist Standard (http://www.timdavies.org.uk/2011/06/28/generation-y-and-digital-participation-rigp-2011/). Und damit dieser und die mit ihm verbundene ePartizipation gelingen kann, brauchen wir ein starkes Fundament. Wir müssen uns über die zu vermittelnden Werte verständigen. Ich könnte auch sagen: ePartizipation muss zur Selbstverständlichkeit werden. Oder auf Englisch: „outlining the values of inclusiveness.“ Die Einbezogenheit ALLER Menschen ist das Ziel.

JfE: Und wie steht es um die von Ihnen angesprochenen Barrieren?

Viele Experten sind damit beschäftigt, immer neue Plattformen zur ePartizipation zu errichten. Was wir aber wirklich brauchen, ist Hilfe, die Barrieren zu entfernen, die Menschen davon abhalten, die bereits existierenden Plattformen zu nutzen. Ich denke da zum Beispiel an viele unsinnige Regeln für das Personal von Behörden. Viele dieser Menschen würden die Online-Kommunikation gerne nutzen, müssen sich aber an die jeweiligen Dienstvorschriften halten. Oder Baustellen technischer Art. Noch immer haben viele Einrichtungen gar keinen richtigen Internet-Zugang. Oft sind diese Barrieren auch ganz klein. Aber wenn jeder Einzelne, der die ePartizipation eigentlich will, diese Barrieren immer wieder für sich alleine überwinden muss, wird es schwer. Viele Projekte werden auf diese Weise scheitern.

Das Interview führte Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa

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