05.09.2016Nicht formale Bildung

Viel Nachweisgewusel, wenig Struktur: CEDEFOP untersuchte Validierung im Jugendbereich

Eine aktuelle Studie stellt die Frage nach dem Stand der Nachweis- und Validierungsverfahren im Jugendbereich in der EU. Leider sind nur einige wenige Initiativen in noch weniger Ländern aufgeführt, die sich mit Nachweissystemen im nicht formalen und informellen Jugendbereich befassen.

Einen „überwältigenden Konsens“ über die Notwendigkeit, Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen, die im Lebenslauf und während der Erwerbsarbeit gewonnen wurden, sichtbar zu machen, stellt das Europäische Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (CEDEFOP) fest. Die Anerkennung von Kompetenzen wertet es als „wesentlichen Beitrag“ zur Europa 2020-Strategie, weil man so die Fähigkeiten der Bürgerinnen und Bürger mit den Bedarfen der Wirtschaft abgleichen kann. Eine bessere Anerkennung von Fähigkeiten, die neben den formalen Systemen erlangt wurden, soll zum Beispiel die Ausbildungs- und Beschäftigungschancen von Schulabbrechern und Jugendlichen mit schlechte Zeugnissen erhöhen und so gegen soziale Ausgrenzung helfen.

Ein wichtiger Rahmen für diese Anerkennung ist die Validierungsstrategie für nicht formale und informelle Bildung der Europäischen Union, deren Stand 2016 überprüft wird. Die Validierungsstrategie (siehe NEWS) sieht vor, dass die EU-Mitgliedstaaten bis 2018 Validierungssysteme etabliert haben, mit denen Nachweise nicht formaler und informeller Bildung bewertet und anerkannt werden. In diesem Kontext hatte Rita Bergstein von JUGEND für Europa  gemeinsam mit sechs weiteren Autorinnen und Autoren im Juli 2016 das Papier „Kompetenzen junger Menschen anerkennen - den Berufseinstieg fördern. Eckpunkte zur Anerkennung non-formal und informell erworbener Kompetenzen junger Menschen auf dem Weg in den Beruf“ veröffentlicht (siehe NEWS).

Mehr Wasser als Wein

In der Studie „Validierung im Sozial- und Jugendsektor. Themenzentrierter Bericht für das Update der Europäischen Bestandsaufnahme zur Validierung 2016“ stellt das CEDEFOP nun die Frage speziell nach dem Stand der Nachweis- und Validierungsverfahren im Jugendbereich. In einem ersten Teil werden Ergebnisse von Studien vorgestellt, die die Relevanz einer Anerkennung von in Jugendorganisationen und Jugendarbeit erworbenen oder gezeigten Kompetenzen herausstellen - Fertigkeiten oder Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt, aber auch für das Selbstbewusstsein und die Motivation fürs freiwillige Engagement von Jugendlichen. Neben den bekannten Instrumenten Youthpass und Europass gibt es Beispiele aus EU-Mitgliedstaaten, die in unterschiedlichen Kontexten der Jugendarbeit Nachweise oder Nachweissysteme eingeführt haben, unter anderem auch für Fachkräfte der Jugendarbeit wie in Österreich oder Litauen.

In Estland, Slowenien, Tschechien und Belgien wurden Online-Tools eingeführt, mit denen Nachweise erstellt werden können und die für Jugendliche, Lehrkräfte und Arbeitgeber zugänglich sind. In Bulgarien gibt es ein eigenes Zertifikat für ehrenamtliche Arbeit. In Belgien-Flandern wurden Zertifikate der Jugendarbeit in den Nationalen Qualifikationsrahmen integriert, in den Niederlanden dienen sie für Mitarbeitende in der Jugendarbeit als Zulassungsbescheinigung für Hochschul-Bildungsgänge (siehe auch für Deutschland NEWS). Vor allem der Ansatz, das Engagement von in der Jugendarbeit (ehrenamtlich) Mitwirkenden zu zertifizieren, wird im Bericht als Schritt hin zu einer größeren Professionalisierung der Jugendarbeit gewertet.

So fortgeschritten sich das alles anhört - tatsächlich gibt es mehr Wasser als Wein. Es sind es nur einige wenige Initiativen in noch weniger Ländern, die sich mit Nachweissystemen im nicht formalen und informellen Jugendbereich befassen oder gar daran arbeiten, diese in nationale Validierungssysteme einzugliedern. Das gilt sowohl für Nachweissysteme für Jugendliche wie für Mitarbeitende.  

Das fehlt noch

Vor allem für Letztere konstatiert der Bericht ein eher geringes Interesse oder ein mangelndes Bewusstsein der Betroffenen. Fehlende Informationen, vor allem über Zertifikate auf EU-Ebene, die Vielfalt der Träger und die Verschiedenheit der Jugendarbeit in den Mitgliedstaaten machen laut CEDEFOP-Bericht eine Bestandsaufnahme schwierig. So bleibt unterm Strich die Forderung nach mehr Werbung und Überzeugungsarbeit, z.B. für die Anerkennung von Youthpass und dem Europäischen Portfolio für Jugendleiter/innen und Jugendbetreuer/innen, aber auch nach weiteren Daten und mehr Forschung, um Aussagen auch über die Wirkungen von Jugendarbeit und die Auswirkungen von Zertifizierungssystemen treffen zu können.

Schwieriges Thema

Dass das Thema in der Tat schwierig ist, zeigt nicht zuletzt der vorliegende Bericht. So wäre beispielweise etwas mehr Begriffsarbeit sinnvoll gewesen, um Termini wie „Anerkennung“, „Zertifizierung“ und „Validierung“ trennscharf zu definieren und Struktur ins Nachweisgewusel zu bringen. Darüber hinaus fehlt eine kundige Einlassung zu den konzeptionellen Bauchschmerzen, die, bei allen europäischen Unterschieden, eine prozessorientierte, ergebnisoffene Jugendarbeit mit dem Thema „Nachweis“ hat. Der Jugendarbeit wird stattdessen vor allem eine mangelnde Tradition und Angst vor Formalisierung unterstellt.

Statt einer differenzierten Auflistung von Nachweisarten und deren Referenzgrößen (Kompetenzen oder Qualifikationen, standardisiert oder individuell, Pässe, Portfolios oder Dokumentation) wäre es angebrachter gewesen, die fachlichen Für und Wider dieser Formen transparent zu machen (z.B. den Unterschied eines Nachweises, der im dialogischen Verfahren mit Jugendlichen entstanden ist zu einem, der als Quasi-Zeugnis ausgestellt wird). Stattdessen wird ein mangelhafter Bezug des Jugendbereichs zum Arbeitsmarkt und zum europäischen Qualifikationsrahmen sowie das Fehlen eines einheitlichen, sektorübergreifenden Ansatzes beklagt. Kurz: Um das Thema aus Sicht der Jugendarbeit adäquat und auf der Höhe der Fachdebatte behandeln zu können (vgl. NEWS) - da fehlt noch so einiges.

Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa

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