Viel Dampf im Kessel: Strukturierter Dialog in Brandenburg

Ein Zug für „jugend, europa und beschäftigung“ rauschte durch Brandenburg.

Sven Reiher und Lars Gehrke vergnügen sich nahezu diebisch. Seit Jahren arbeiten die beiden Lokführer bei der ODEG, der größten ostdeutschen Privatbahn. Aber Fahrgäste wie an diesem Maitag, die haben sie selten.

"In der Regel müssen wir uns auf ein schlechtgelauntes Publikum einlassen, aber schauen Sie sich mal um. Die sind alle schwer in Ordnung." Dafür kann man dann auch Überstunden machen. Von 7 bis 21 Uhr müssen die beiden Zugführer an diesem Tag arbeiten. Eine lange Schicht. "Aber für ein bisschen Abwechslung schauen wir nicht die ganze Zeit auf die Uhr", sagt Reiher.

Abteil der guten Laune

Die Bahn rattert gerade von Eisenhüttenstadt nach Frankfurt/Oder. Im brandenburgischen Niemandsland ist Europa weit weg. Das soll sich ändern. Im Waggon sitzen Überzeugungstäter. Pädagogen des Vereins für Jugendhilfe und Sozialarbeit aus Fürstenwalde, die das Projekt ins Leben gerufen haben. EuroPeers wie Carolina Sachs, Gesine Lenkewitz oder Robert Schmidt und auch Freiwillige aus anderen europäischen Ländern sind dabei.

Die Stimmung ist ausgelassen – im "zug für jugend, europa und beschäftigung". So haben sie ihr Erlebnisabteil genannt. Einmal im Monat vermietet die ODEG ihre Bahn für Sonderfahrten. Diesmal geht es zwischen Fürstenwalde, Eisenhüttenstadt und Frankfurt/Oder hin und her. Abfahrts- und Ankunftszeiten stehen auf die Minute fest.

"Wir fahren streng nach dem Fahrplan, den uns die Deutsche Bahn erteilt hat", erklärt Gehrke die Rundtour, so als würde die europäische Mobilitäts-Kampagne nur dann Erfolg haben, wenn Pünktlichkeit an oberster Stelle steht. Dabei soll diese Bahnfahrt gerade anders sein. Einladend zum Beispiel, mit Lust am Verweilen.

Daran hatte auch der sächsische Künstler Jens Ossada seinen Anteil. In Kreativworkshops hatte er den Zug zuvor mit Jugendlichen gestaltet. "Jens ist perfekt im Umgang mit der Spraydose. Wir haben ihn eingeladen, damit die Jugendlichen Europa auch wirklich zu ihrem Projekt machen", erzählt Carolina Sachs.

Am Anfang herrscht Skepsis

Am frühen Nachmittag rollt der Zug auf Gleis 6 in Frankfurt/Oder ein. Wie schon zuvor in Eisenhüttenstadt werden Infostände am Bahnsteig aufgebaut. Laute Musik dröhnt aus den Boxen des Zuges. Europa will Aufmerksamkeit erzeugen, braucht aber erst mal auch ein bisschen Aktion, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Nur wenige Meter gegenüber, auf Gleis 9, drängen sich die Menschen, warten auf einen Zug. Europa, dazu so viel Jugendlichkeit – vielen ist das suspekt.

Auf dem BahnsteigJanine Sauer schreckt das nicht ab. Die Bibliothekarin aus Fürstenwalde ist als sogenannte Buchlotsin mit dabei. Von der Methode der lebendigen Bibliothek, bei der Freiwillige ein Buchthema verkörpern und quasi wie echte Bücher "ausgeliehen" werden können, ist sie überzeugt.

"Wir haben Freiwillige aus Deutschland, der Slowakei, Türkei und der Ukraine mitgebracht. Wir wollen Vorurteile abbauen und die Menschen mit bestimmten Stereotypen konfrontieren", sagt Sauer. Das Leben als Ausländer in Deutschland, die alte ukrainische Stadt Lviv oder das Leben mit Behinderung in Europa – dies sind einige der Themen, über die die Freiwilligen gerne mit den Menschen in Frankfurt/Oder sprechen wollen.

Klaus Baldauf schaut vorbei. Er ist Sonderbeauftragter für internationale Zusammenarbeit in der Kleist-Stadt und findet, dass seine Studenten von der Viadrina hervorragende Arbeit leisten. "Ich finde es toll, wie sich die jungen Leute hier engagieren. Der Europäische Freiwilligendienst ist eine große Chance. Die sollte man nutzen", sagt Baldauf.

Er selbst will den Kontakt mit den Partnerstädten in Europa ausbauen. "Ob wir nun ein bis zwei unserer Praktikanten ins finnische Vantaa schicken oder gleich 20, das ist doch fast der gleiche Aufwand. Dann lieber gleich mehr."

Vom Theater überrascht

Inzwischen hat sich eine 19-köpfige deutsch-französisch-polnische Jugend-Theatergruppe von Gleis 6 aufgemacht, um den Bahnhof zu erobern. Ganz in schwarz gekleidet, mit Koffern an der Hand, laufen sie durch die Gänge, spielen mit und um die Passanten herum, werfen sich Sätze zu, auf Deutsch, Französisch, Polnisch und schauen, wie das Publikum reagiert. Am Ende steht eine 20minütige Aufführung auf dem Bahnhofsvorplatz. Das wachsende Europa und die Arbeitslosigkeit sind nur ein Thema.

Das Stück zieht immer mehr Neugierige an, und auch das junge Pärchen, das anfangs in der Bahnhofshalle nur den Kopf schüttele, ob so viel jugendlicher Lebendigkeit, gibt am Ende den braven Zuschauer, so als hätte sich die junge Dame wieder an die Botschaft ihres eigenen T-Shirts erinnert. "Endlich 18 – von jetzt an ist der Teufel los!", stand da geschrieben.

"Es war eine spannende internationale Zusammenarbeit", sagt der junge französische Theaterregisseur Maxim Sechaud. "Wenn Sie mich fragen, wo die Unterschiede bei den Nationalitäten liegen, würde ich sagen: Die Polen wollen immer ganz hoch hinaus. Deutsche und Franzosen fürchten sich dagegen ein bisschen vor dem Marktliberalismus."

Die Lokführer Sven Reiher und Lars Gehrke haben es sich in der Zwischenzeit längst gemütlich gemacht. Mobil sein ist gut, hatten die beiden zwar noch zu Beginn des Tages gesagt, von zu viel Mobilität wollten sie am Ende dann aber doch nichts mehr wissen.

(Text: Marco Heuer, Fotos: Robert Schmidt)

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Das Projekt wurde gefördert über die Aktion 5.1 des EU-Programms JUGEND IN AKTION - Begegnungen junger Menschen mit Verantwortlichen für Jugendpolitik". Informationen zu der Aktion finden Sie hier...

Es fand statt während der Europäischen Jugendwoche 2011. In Deutschland lautete das Motto "JUGEND IN AKTION wirkt!". Mehr dazu...

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Die Dokumentation zum Projekt „im zug für jugend, europa und beschäftigung“ finden Sie hier...

Es wurde initiiert von der Jugendhilfe und Sozialarbeit e.V. aus Fürstenwalde. Der Verein ist gleichzeitig Eurodesk-Partner und somit Regionale Kontaktstelle für JUGEND IN AKTION. Mehr Informationen zum Verein finden Sie hier...

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