Verdrossen: Warum sich junge Menschen politisch so wenig engagieren

Psychologen der Universität Jena starten Online-Befragung zur Politikverdrossenheit in acht EU-Ländern.

Ist Europas Jugend wirklich so politikverdrossen und so wenig engagiert, wie permanent behauptet wird? Diese Wahrnehmung scheint recht realitätsnah zu sein, wie ein europaweites Forschungsprojekt, an dem die Friedrich- Schiller-Universität Jena beteiligt ist, derzeit ermittelt.

„Viele Befunde sprechen dafür, dass konventionelle Formen politischer Partizipation unter jungen Menschen abnehmen und politische Apathie und Entfremdung zunehmen, obwohl es ein grundsätzliches Interesse an Politik und sozialem Engagement gibt", fasst Prof. Dr. Peter Noack die ersten Ergebnisse des bereits 2009 gestarteten Projekts zusammen. „Die Ergebnisse unserer Interviews zeigen, dass das Ausmaß sowohl konventioneller als auch unkonventioneller Formen von Partizipation bei den Teilnehmern tatsächlich gering ausgeprägt ist", ergänzt der Jenaer Projektkoordinator Dr. Philipp Jugert und betont: „Allerdings gibt es bedeutende Unterschiede abhängig von Alter und Migrationshintergrund der Befragten bezüglich ihres Verständnisses von Bürgerrechten, der Themen, die für sie relevant waren, und der wahrgenommenen Partizipations-Hindernisse."

Um die Ergebnisse der qualitativen Erhebungen, bei denen bisher 100 junge Menschen mit deutschem, türkischem und Spätaussiedler-Hintergrund aus zwei Altersgruppen befragt wurden, zu überprüfen, wird aktuell eine Fragebogenerhebung parallel in allen beteiligten acht Ländern durchgeführt. „Dabei soll ein möglichst vollständiges Bild davon entstehen, was junge Leute dazu bewegt, sich zu beteiligen oder was sie daran hindert", erläutert der Pädagogische Psychologe Peter Noack. Sein Team von der Universität Jena hat dazu jetzt eine Online-Erhebung gestartet. Daran kann jeder im Alter von 16 bis 26 Jahren teilnehmen, der einen deutschen, türkischen oder Spätaussiedler-Hintergrund aufweist. Der Fragebogen ist im Internet abrufbar unter https://www.soscisurvey.de/pidop/.

Die EU fördert das auf insgesamt drei Jahre angelegte Projekt, an dem sieben weitere Länder (Großbritannien, Belgien, Tschechien, Italien, Portugal, Schweden und die Türkei) beteiligt sind, mit insgesamt 1,5 Millionen Euro. Sein Ziel ist es, die Wahrnehmungen und Praktiken zu erörtern, die für politische Partizipation junger Menschen förderlich oder hinderlich sind.

Die Jenaer Psychologen interessiert dabei besonders, wie unterschiedlich Frauen und Männer, jüngere und ältere Personen und Menschen mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft bzw. Migrationshintergrund die Beteiligungsmöglichkeiten in Deutschland einschätzen. Die Antworten auf ihre Befragung sollen klären, ob und in welchem Grad, die allseits behauptete Politikverdrossenheit junger Menschen allgemein und Parallelgesellschaften unter Migranten im Besonderen existieren.

Die Befragung soll in einem Jahr wiederholt werden, um zu ermitteln, ob und wie sich Einstellungen und Verhalten über einen längeren Zeitraum verändern und um Aussagen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu ermöglichen.

Weitere Informationen zum Projekt

(Quelle: Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung Friedrich-Schiller-Universität Jena, Axel Burchardt, 27.04.2011 11:10)

Kommentare

  • FrauHolle

    29.10.11 15:38

    Die Befragung ist abgeschlossen...

    ...und wann/wo werden denn die Ergebnisse dieser Studie bekannt gegeben? Das Ergbenis würde mich interessieren. Politikverdrossenheit bei Jugendlichen wird sooo häufig thematisiert - aber konkrete Anreize oder Lösungsvorschläge ergeben sich trotzdem nicht, so dass v.a. Jüngere Interesse daran finden, sich in irgendeiner Form zu engagieren. Ich habe hier speziell gegen Stuttgart21 protestierende Schüler vor Augen - junge Menschen, die aktiv Entscheidungen (leider viel zu spät - als diese Weichen gestellt wurden, waren sie wohl noch im Kindergarten) mitfällen wollten. Und gerade bei solchen Protestäußerungen ist dann gerne schnell die Rede von zivilen Ungehorsam oder dem Aufbegehren von "jungen Rabauken". (Literaturtipp zu dem Thema: "Deliberative Demokratie - Ein Weg aus der Politikverdrossenheit?", Quelle: http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/166489.html) Solange politische Entscheidungen in derart autoritärer Form getroffen und "verteidigt" werden und der (mündige, junge) Bürger gerade bei solchen Planungen nicht informiert/mit einbezogen wird, wird sich auch wenig daran ändern, dass viele den Eindruck haben, ohnehin nichts bewirken zu können. Die klassische Folge ist dann: Politikverdrossenheit.

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