Unter der Lupe 2011: Zehn Thesen zur Bedeutung von JUGEND IN AKTION in Deutschland

Die wissenschaftliche Begleitung des Programms bestätigt auch für 2011 den Trend der Vorjahre mit hohen Zustimmungswerten im Hinblick auf Programmziele, Wirkungen und Lernerfolge. Zehn Thesen zur Bedeutung von JUGEND IN AKTION in Deutschland zeigen, wo das Programm heute steht.

„Unter der Lupe“ untersucht seit 2009 das EU-Programm JUGEND IN AKTION in Deutschland. Diese Untersuchung ist Bestandteil des europäischen Projektes RAY – Research-based Analysis and Monitoring of the YOUTH IN ACTION Programme -, einer Initiative von 15 Nationalagenturen unter Leitung der Universität Innsbruck. Ziel des Projekts ist die kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung des Programms in den beteiligten Ländern sowie die systematische Auswertung in vergleichender europäischer Perspektive (siehe NEWS).

„Unter der Lupe 2011“ legt den Schwerpunkt auf eine bilanzierende Darstellung der 2009-2011 erhobenen Ergebnisse und deren Auswertung im Hinblick auf das nicht formale Lernen im Rahmen von JUGEND IN AKTION. Hierbei werden besonders diejenigen Wirkungslinien des Programms hervorgehoben, die sich über die Jahre als besonders gewinnbringend für die Teilnehmenden erwiesen haben. Ziel war es, die Wirkungen und Effekte des Programms in den jeweiligen aktionsspezifischen Maßnahmen aus unterschiedlicher Perspektive der Träger und Teilnehmenden sichtbar zu machen.

Der deutsche Part „Unter der Lupe“ ist als Kooperation zwischen JUGEND für Europa, dem Institut für angewandte Kommunikationsforschung in der außerschulischen Bildung IKAB e.V. in Bonn und der Forschungsgruppe Jugend und Europa (FGJE) am CAP an der Ludwig Maximilians Universität München angelegt. Begleitet wird „Unter der Lupe“ durch die Arbeitsgruppe „Monitoring und Evaluation“ des Nationalen Beirates für JUGEND IN AKTION beim BMFSFJ.

„Unter der Lupe“ verfolgt einen repräsentativen Anspruch. Der quantitativen Befragung liegt ein umfangreicher Online-Fragebogen (RAY) zu Grunde. Die qualitative Erhebung erfolgte als Stichprobe aus einer Liste, die JUGEND für Europa nach der Vorgabe zusammengestellt hatte, dass die Träger seit mehreren Jahren das Programm nutzen und in mehreren Aktionen Erfahrungen aufweisen können. Aus dieser Liste mit 84 Trägern mit regelmäßigen Aktivitäten in mindestens drei Aktionen im Zeitraum ab 2007 wurden die Interviews ausgewählt.

Zusammenfassende Thesen

Die folgenden Aussagen fassen die Ergebnisse aus den Untersuchungen seit 2009 thesenartig zusammen und tragen so zur nach wie vor andauernden Diskussion um ein Nachfolgeprogramm ab 2014 bei.

  1. JUGEND IN AKTION ist das einzige europäische Programm mit dem dezidierten Ziel der Förderung und der Anerkennung des nicht formalen Lernens. JIA-Projekte zeigen in der Regel sowohl aus Sicht der Träger wie auch aus Sicht der Jugendlichen positive Wirkungen bei den Teilnehmenden, wenn die Aktivitäten an Prinzipien nicht formaler Bildung ausgerichtet sind: Didaktische Orientierung an Lebenssituationen, Interessen und Bedürfnissen der Teilnehmenden und Anwendung von Methoden, die Eigeninitiative, Kreativität und aktive Beteiligung fördern und „Räume schaffen, in denen Jugendliche Verantwortung übernehmen können“. Vor- und Nachbereitung mit den teilnehmenden Gruppen verstärken das Wirkungspotential. Anderen europäischen Bildungsprogrammen werden positive Wirkungen nicht abgesprochen, aber den klaren Fokus auf nicht formale Lernprozesse und die damit verbundenen Möglichkeiten für neue und vor allem andere Lernerfahrungen gibt es nur in JIA.

  2. Kurzzeitpädagogische Projekte wie Jugendbegegnungen können durch ihren Erlebnischarakter (multikultureller Kontext) und ihre positiven Lernanreize (nicht formales und informelles Lernen) ebenso nachhaltige Wirkungen auf die Entwicklung von Lernkompetenz auslösen wie langzeitpädagogische Projekte, wenn diese Projekte in einem längerfristigen Lernkontext verankert sind. Anders können Impulse aus den Projekten im Hinblick auf mögliche nachhaltige Wirkungen nicht bewertet werden. Die in JIA bestehenden Möglichkeiten, Jugendlichen einen über das Kernprojekt hinaus reichenden Lernkontext anzubieten, sind in Bezug auf die auch politisch gewünschte Nachhaltigkeit der im Projekt gemachten Lernerfahrungen nicht ausreichend. Jugendliche nehmen Nachfolgeprojekte aus anderen Aktionen gerne wahr oder sind bereit, eigene Projekte zu initiieren, wenn sie hierzu Unterstützung und Angebote seitens der Träger oder anderer Einrichtungen erhalten.

  3. JUGEND IN AKTION Projekte zeigen in allen Programmaktionen einen unmittelbaren positiven Einfluss auf die Entwicklung von Schlüsselkompetenzen, in erster Linie auf die sozialen, personalen, fremdsprachlichen und interkulturellen Kompetenzen. Damit geben JIA Projekte zumindest indirekt auch motivierende Impulse für eine Verbesserung der Ausbildungs- und Beschäftigungsfähigkeit von vielen Jugendlichen. Jugendinitiativen und Europäischer Freiwilligendienst haben das Potential, auch direkt auf diese Verbesserung einzuwirken, ohne dabei den nicht formalen Lernkontext und die übergeordneten gesellschafts- und europapolitischen Ziele aufzugeben. Eine weitere „Ökonomisierung“ von JIA-Zielen wäre ein Paradigmenwechsel und ist in jedem Fall zu verhindern, weil damit übergeordnete Zielsetzungen wie Förderung gesellschaftlicher Teilhabe und demokratischen Engagements dem Arbeitsmarktbezug untergeordnet und der eindeutige Charakter des Programms als nicht formale Bildung verloren geben würden.

  4. Jugendliche an europäische Themen heranzuführen ist im formalen wie im nicht formalen Bildungssystem in Bezug auf kognitives Lernen eine Herausforderung. JIA Projekte haben gegenüber der Schule den Vorteil, dass durch die direkten Kontakte zwischen jungen Menschen neben der kognitiven auch eine emotionale Lerndimension angesprochen wird - „Lernen mit allen Sinnen“. Durch die direkte Auseinandersetzung mit für die Jugendlichen alltagsrelevanten Themen kommt eine exemplarisch-pragmatische Lernebene hinzu. Damit können JIA Projekte eher intrinsische Motivation schaffen, sich mit europäischen Themen und Europa auch nach einem Projekt weiter auseinander zu setzen.

  5. Der Youthpass ist ein geeignetes Instrument, um Projekte im Kontext des Europäischen Freiwilligendienstes sowie von Trainings- und Weiterbildungsmaßnahmen systematisch zu validieren und die individuellen Lernprozesse strukturiert auszuwerten und zu bescheinigen. Insbesondere für Teilnehmende des Europäischen Freiwilligendienstes ist der Youthpass ein wichtiges Instrument der Selbstreflexion. Im Hinblick auf Jugendbegegnungen ist dies nicht möglich, weil eine individuelle Beobachtung in einer großen Gruppe über wenige Tage mit dem in der Regel zur Verfügung stehenden pädagogischen Personal nicht geleistet werden kann. Die Nutzung des Youthpass bedeutet stets einen sehr hohen Aufwand für Einzelne; deshalb ist es wichtig, weiter daran zu arbeiten, dass der Stellenwert nicht formaler Bildung grundsätzlich durch die Politik aufgewertet und anerkannt wird. Dann wird der Youthpass auch außerhalb der Jugendszene mehr Akzeptanz finden. Als Teilnahmebestätigung konkurriert der Youthpass mit zahlreichen anderen, teilweise auch anerkannten trägerspezifischen Bescheinigungen. Besondere Wertschätzung durch die Jugendlichen als „europäisches“ Dokument erfährt der Youthpass nicht ungeteilt. Teilweise wird ihnen der persönliche Wert erst im Nachhinein bewusst und war nicht ausschlaggebend für ihre Motivation zur Teilnahme am Programm.

  6. Regelmäßige Beteiligung am JIA Programm hat vielfach auch Auswirkungen auf die Träger selbst: Vor allem werden neue Kooperationen auf europäischer Ebene eingegangen. Die eigene Organisationskultur, sofern nicht bereits durch eine europäische oder internationale Struktur geprägt, wird langfristig vielfältiger. Hier spielen vor allem die Europäischen Freiwilligen eine wesentliche Rolle. Ihre Mitwirkung in den Trägereinrichtungen führt häufiger auch dazu, dass auch im nationalen Bildungskontext Arbeitsfelder und Themen eine zusätzliche europäische Dimension erhalten. Dass regelmäßige europäische bzw. internationale Jugendarbeit auch die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herausfordert, beeinflusst und motiviert, ist kein Einzelfall.

  7. JIA Projekte zeigen sehr unterschiedliche Wirkungen auf der lokalen oder regionalen Ebene. Zum Teil hängt dies auch mit der Trägerstruktur zusammen. So haben größere Träger mit regelmäßig stattfindenden europäischen Projekten tendenziell häufiger eine Chance auf öffentliche Anerkennung ihrer (Weiter-)Bildungskompetenz, vor allem bei regionalen oder Landesförderstellen. Kleinere Träger stellen diese Anerkennung teilweise zwar ebenfalls fest, allerdings in der Regel nur dann, wenn sie mit ihrem Profil und ihren Aktivitäten sehr spezifisch im lokalen / regionalen Umfeld ausgemacht werden können. Im ländlichen Raum ist dies leichter zu erreichen als z.B. in einer Großstadt wie Berlin. Die Erfahrung, dass trotz regelmäßiger „bester“ Projektergebnisse und positiver öffentlicher Berichterstattung die europäische Arbeit eines Trägers durch die Öffentliche Hand ignoriert oder nicht wahrgenommen wird, ist kein Einzelfall. Auch wenn die lokale / regionale Ebene JIA Projekte als Bereicherung vor Ort ansieht und deshalb die Trägerkompetenz wertschätzt, ist eine Unterstützung der Träger – wenn überhaupt - meist ideeller und kaum materieller Art.

  8. JUGEND IN AKTION (Beitrag der Vorgängerprogramme eingerechnet) ist ein wesentliches Programm für europäische Jugendarbeit mit großer inhaltlicher Freiheit und Finanzierungsmöglichkeiten, die über andere Förderprogramme für bi- und multilaterale Jugendarbeit hinausgehen. Für Jugendliche, die einen eigenen Antrag stellen, ist das EU-Programm ein wichtiges und einzigartiges Instrument, um Förderung und Anerkennung für ihre Initiativen zu erhalten, auch wenn dies oft nur mit entsprechenden Unterstützungsstrukturen möglich ist.

  9. JUGEND IN AKTION wird generell nicht als ein Programm zum vorrangigen Einbezug von benachteiligten Jugendlichen gesehen, sondern als ein Programm, das diesen zwar einen leichteren Zugang als in anderen Programmen bieten soll, ohne ihnen „einen Stempel aufzudrücken“, aber grundsätzlich die „Teilhabe von Allen“ zum Ziel hat. Das Programm kann zur persönlichen Stärkung und Wertschätzung benachteiligter Jugendlicher beitragen (Empowerment-Funktion), allerdings ist hierbei eine entsprechende Unterstützung und Intention seitens der Träger entscheidend. Träger, die schwerpunktmäßig mit benachteiligten Jugendlichen arbeiten, schätzen JIA, weil das Programm die Intention verfolgt, auch solche Jugendliche in einen europäischen bzw. internationalen Lernkontext einzubinden und zu fördern, die sonst eher abseits gesellschaftlicher Teilhabe und abseits neuer und anderer Lernmöglichkeiten zu finden sind. Die Möglichkeiten zur Realisierung dieser Intention werden nicht widerspruchsfrei positiv gesehen.

  10. Die Entwicklung der EU-Jugendstrategie hat wenig zur Stärkung des Programms JUGEND IN AKTION beigetragen und seine Bedeutung ist bei der Entwicklung einer europäischen Jugendpolitik bisher nicht adäquat berücksichtigt worden. Wäre dies so gewesen, ...“gäbe es nicht diesen Kampf um ein Nachfolgeprogramm für JIA“. Positiver Lichtblick und für viele Träger eine neue jugendpolitische Erfahrung ist das „an einem Strang Ziehen“ von Verwaltung/Politik und Trägern im Kontext der Verhandlungen über das neue Programm ab 2014. Daran knüpfen sich viele Hoffnungen.

 

(Quelle: JUGEND für Europa)

Dokumente

  • Unter der Lupe

    Bericht zur dritten Phase der wissenschaftlichen Begleitung von JUGEND IN AKTION in Deutschland. Dr. Hendrik Otten; Dr. Barbara Tham; Eva Feldmann-Wojtachnia. Bonn und München. Juni 2012
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