28.10.2016Europäisches Parlament

"Und natürlich ist auch der vorhandene EFD schon jetzt ein Solidaritätsdienst"

JUGEND für Europa sprach auf dem Festakt "20 Jahre Europäischer Freiwilligendienst" mit EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der schon mal zwecks Perspektivwechsel vor einem Schreibtisch gekniet hat.

JfE: Herr Schulz, Sie haben vorhin darüber gesprochen, wie wichtig der Europäische Freiwilligendienst ist. Sie haben seine politische Reichweite betont, die Multiplikation seiner Wirkungen. Nehmen wir noch die Jugendbegegnungen im Programm Erasmus + dazu, dann haben wir mit dem Jugendprogramm doch ein Instrument, mit dem das soziale Europa gestärkt wird. Warum hat es das Programm so schwer, akzeptiert zu werden?

Martin Schulz: Ich glaube, dass wir selbst nicht genug Werbung machen für dieses Programm. Wir müssen vor allem unter den Entscheidern Informationen dazu verbreiten. Damit meine ich die Abgeordneten im Europaparlament, die Entscheidungsträger, diejenigen, die die Programme ins Parlament bringen. Damit meine ich auch mich selbst. Ich bin heute mal wieder wachgerüttelt worden, dass wir, Herr Juncker, ich, Herr Tusk, Regierungschefs, Minister, Staatssekretärin Frau Ferner zum Beispiel, also diejenigen die einen entscheidenden Einfluss haben, etwas dafür tun können, das Programm populärer zu machen. Ich erlebe im Europaparlament in den Haushaltsberatungen, dass ganz viele meiner Kolleginnen und Kollegen es nicht kennen. Sobald sie es aber kennengelernt haben, unterstützen sie das Programm.

JfE: Es scheint so, als setze die EU nicht allzuviel Vertrauen in die Jugend.

Martin Schulz: Ich schon! Ich glaube, wir steuern auf eine Situation zu, in der die jungen Leute sich fragen müssen, ob die Zukunft auf der gleichen respektvollen Gegenseitigkeit in Europa aufgebaut sein wird wie bisher, oder ob die Propagandisten der Grenzzäune mit allen damit verbundenen Auswirkungen gewinnen. Das ist offen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich das Engagement hier heute sehe, dass die Befürworter dieser Zusammenarbeit von Nationen über Grenzen hinweg gewinnen werden. Und dass sie notfalls bereit sind, dafür aufzustehen. Die Erfahrung des kommenden Brexit hat schon viele junge Leute wachgerüttelt. Die Jugend hätte ihn verhindern können. Ich glaube da bewegt sich etwas.

JfE: Was halten Sie vom geplanten Europäischen Solidaritätskorps? Sollte es einen eigenen Dienst geben oder nicht eher eine Ausweitung des EFD, wie es Herr Wicke (Leiter von JUGEND für Europa, Anm.d.Red.) gefordert hat?

Martin Schulz: Ich habe das, was der Herr Wicke gesagt hat, sehr aufmerksam aufgenommen. Denn dass wir mit dem EFD gemeinsame Standards für den Freiwilligendienst geschaffen haben, ist in der Tat ein großer Erfolg. Und natürlich ist auch der vorhandene EFD schon jetzt ein Solidaritätsdienst. Wenn wir ein Europäisches Korps aufbauen, müssen wir die Vergleichbarkeit, aber auch die Vielfalt innerhalb der vorhandenen Strukturen erhalten. Auf keinen Fall sollten wir die Verwaltung zentralisieren. Je näher die Ansprechpartner an den jungen Leuten sind, desto besser ist es. Herr Juncker hat die Idee des Solidaritätskorps gewählt, um den EFD zu unterstützen - ganz sicher nicht, um die Entwicklung des Freiwilligendienstes zu behindern.

JfE: Wir haben gerade den Freiwilligen Leon Brülke gehört, der eingefordert hat, dass die Jugend mehr politische Mitspracherechte erhält. Sie haben die Freiwilligen aufgefordert, bei ihren Altersgenossen für mehr Beteiligung zu werben. Warum dieser Appell an die Freiwilligen?

Martin Schulz: Nun, ich kann ja schlecht hingehen und sagen: „Interessier dich doch mal für Politik!“ In der Regel interessieren sich Menschen, gerade auch junge Leute, aus unmittelbarer Betroffenheit, aus eigener Erfahrung für Politik. Wir haben ja gerade gehört, dass viele junge Menschen im Europäischen Freiwilligendienst solche Erfahrungen sammeln, die sie motivieren, sich politisch zu engagieren. Der EFD ist politisches Engagement. Er ist eine politische Botschaft.

JfE: Die EFDler sind sicher gute Botschafterinnen und Botschafter. Aber hat nicht auch die Politik eine Bringschuld in dieser Sache?

Martin Schulz: Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Ich habe als junger Bürgermeister - ich war damals 31 Jahre alt - eine Lektion erteilt bekommen. Eines Tages forderte mich ein italienischer Professor auf, mich in seinem Büro vor seinen Schreibtisch zu knien. Nach einigem Widerstand kniete ich mich hin und kam mit der Nasenspitze gerade bis an den Rand seines Schreibtisches. Und dann sagte er: „Das ist der Blick von Kindern auf unsere Welt der Erwachsenen.“ Das habe ich nie wieder vergessen. Ein Kind sieht die Welt anders als ein Erwachsener, ein Jugendlicher sieht die Welt anders als ein Alter. Die amtierenden Politikerinnen und Politiker, die in der Regel zwischen 40 und Mitte 60 Jahre alt sind, müssen sich darüber im Klaren sein, dass ihre Entscheidungen Entscheidungen für die nächste Generation sind. Deshalb müssen die Alten oder Älteren eine Politik machen, die, ich spreche jetzt mal im Bild, aus der Knieperspektive kommt. Wenn wir das beherzigen, können wir mehr für die jungen Leute tun. Die jungen Leute müssen nur dafür sorgen, dass wir das nicht vergessen.

JfE: Wie können sie das tun?

Martin Schulz: Politiker und Politikerinnen müssen, ich meine auch mich selbst, jederzeit die Bereitschaft haben, mit jungen Leuten zu reden. Und selbst wenn die jungen Leute „nerven“, selbst wenn sie vielleicht nicht so kundig sind, nicht im Detail drin stecken – die Jugendlichen sollten wissen, dass wir ihnen zuhören. Denn dann sind sie auch bereit, die Zurückweisung eines Arguments zu akzeptieren. Es geht um das Gefühl, das rüberkommt, wenn sie fordern: „Ich möchte, dass du mich ernst nimmst. Ich möchte, dass du an meine Zukunft denkst.“. Dazu fordere ich sie auf. Denn das ist absolut berechtigt.

JfE: Wir nehmen Sie beim Wort. Dürfen wir Sie bei der nächsten Gelegenheit wieder einladen? Kommen Sie?

Martin Schulz: In jedem Fall, ich komme gern!

(Das Interview führte Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

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