08.06.2015Nicht formale Bildung

Um es vorweg zu nehmen: Die Lage war entspannt

Anfang Mai kamen Expertinnen und Experten zur Fachtagung „Kompetent in die Zukunft“ zusammen, um sich zu den Themen Kompetenzmodelle und Validierung in der Jugendarbeit auszutauschen.

Durchführungskompetenz, Kernkompetenz, Humankompetenz, Selbstkompetenz, Kompetenzkompetenz… Nein, Peter Schlögl, Geschäftsführender Institutsleiter des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung wollte mit über 20 Kompetenzarten seine Zuhörer nicht auf den Arm nehmen, sondern einfach nur einstimmen in die Komplexität seines Themas. Das hatte er bezeichnenderweise „ Kompetenz zwischen theoretischer Fundierung, `verwertbarem Ungefähren´ und `fuzzy concept´ genannt.

Allerdings herrschte zu diesem Zeitpunkt in Freising bereits hochkonzentrierte Laborstimmung, so `fuzzy` waren die 30 ExpertInnen und MultiplikatorInnen aus Deutschland, Österreich, Belgien und Luxemburg also gar nicht. Sie wussten ja auch, worauf sie sich eingelassen hatten. Beherzt waren Sie der Einladung von JUGEND für Europa sowie der Nationalagentur Erasmus+ JUGEND IN AKTION in Österreich und der Geschäftsstelle von aufZAQ aus Wien vom 4. - 6. Mai 2015 gefolgt, um zum Thema Kompetenzmodelle und ihre Verortung in der Debatte um Europäischen Qualifikationsrahmen und Validierung zu arbeiten – alles Themen, die in der Vergangenheit oft hochkontrovers und emotional diskutiert wurden.

Nicht so in Freising: In Ruhe wurde sortiert und bewertet, was in polarisierten Debatten häufig durcheinandergeht.

Nachweise für Jugendliche

Da wäre zunächst die Sache mit den Nachweisen für Jugendliche. Es gibt bereits unzählige kleine und umfassende Instrumente, mit denen Kompetenzen, Talente und Interessen festgehalten werden können. Jugendsozialarbeit, Jugendverbandsarbeit und Jugendbildung arbeiten mit passgenauen Anerkennungsverfahren und -instrumenten non-formalen und informellen Lernens, von Teilnahmebescheinigungen über Portfolios, Messmethoden und dialogischen Kompetenznachweisen bis zu Berufswahlpässen und Potenzialanalysen. Die Instrumente sind in der Mehrzahl „formativ“ angelegt, das heißt, dass sie Prozesse beschreiben und Entwicklungen der Jugendlichen einschätzen, sie aber nicht wie in einem Zeugnis abschließend und standardisiert bewerten. Die Einsatzbereiche sind ganz unterschiedlich; viele Jugendverbände nutzen sie intern, andere Organisationen heben darauf ab, benachteiligten Jugendlichen über formale Hürden im Übergang von der Schule in Ausbildung oder Beruf zu helfen. Anne Sorge-Farner, Referentin für Qualifizierung und Weiterentwicklung der Internationalen Jugendarbeit bei IJAB, hat versucht, diese Verfahren zu systematisieren (siehe auch https://www.ijab.de/fileadmin/user_upload/documents/PDFs/Forschungsaufsaetze/FJI_2011_12_-_sorge_-_seite_298-316.pdf). Sie kennt die „Angst vor Verwertbarkeit“, die die Diskussion um DQR und Validierung begleiten, findet aber auch, „dass die Jugendarbeit in der Pflicht ist, Übersetzungssysteme zu schaffen“, schon weil Jugendliche vermehrt danach fragen.

Auch Andrea Pingel vom Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit glaubt daran, dass Nachweise Jugendlichen helfen können, formale Hürden zu überwinden und die Anerkennung ihrer Kompetenzen, die sie im Kontext von Jugendarbeit gezeigt haben, zum Beispiel für Bewerbungen zu nutzen. „Es geht aber vorrangig gar nicht um `Employability´“, meinte sie. Die Jugend(sozial)arbeit dürfe sich auch nicht „zum Ausfallbürgen des formalen Systems“ machen. Sie sieht die Instrumente vor allem als probates Mittel, das Selbstbewusstsein von benachteiligten Jugendlichen zu stützen und ihnen ihre Stärken bewusst zu machen. Richtig nützlich würden sie dann, wenn die Jugendlichen befähigt würden, ihre Talente auch selbst darzustellen.

Wolfgang Kellner vom Ring Österreichischer Bildungswerke plädierte deswegen für jugendgerechte Verfahren, in denen Jugendlichen gleichzeitig begleitet und in Sachen „Selbstkompetenz“ geschult würden, zum Beispiel in Schreibwerkstätten. Mit einer allgemeinen Beschreibung von Schlüsselkompetenzen sei ohnehin niemandem geholfen, meinte er. Texte, die von den Betroffenen selbst formuliert wurden, die spezifisch und authentisch sind, weniger elaboriert, „dafür auch weniger Bla-bla“, hält er auch im Hinblick auf deren Verwertbarkeit für erstrebenswerter. Der Ring Österreichischer Bildungswerke hat gemeinsam mit dem Österreichischen Bundesministerium für Familien und Jugend ein niedrigschwelliges Kompetenzbilanzierungsmodell erarbeitet, das darauf abzielt, 13- bis 16-Jährige für ihr erstes Bewerbungsgespräch und die Killerfrage „Was kannst du denn?“ vorzubereiten.

Mit dieser aktivierenden Funktion von Nachweisen konnten sich auch diejenigen einverstanden erklären, die vor „Creaming-Effekten“ warnten, wie Bildungsforscher Peter Dehnbostel. Anerkennungsinstrumente in der Jugendarbeit dürften nicht dazu führen, dass sie von denjenigen am gewinnbringendsten eingesetzt werden können, die sowieso schon privilegiert seien: „So wird der Abstand zwischen den Gruppen nur noch größer.“ Er plädierte für „entwicklungsorientierte Verfahren“, die, entsprechende diagnostische und pädagogische Kenntnisse des Personals voraussetzend, die Jugendarbeit für die Stärken von Jugendlichen sensibilisieren und für ihre Funktion der Begleitung und Unterstützung qualifizieren könnten. Dafür brauche man aber passgerechte „Kompetenzstrukturmodelle“, die der Ganzheitlichkeit der Bildungs- und Entwicklungserfahrungen im Kontext von Jugendarbeit gerecht würden (siehe auch Interview mit Peter Dehnbostel). Auch sein Kollege Manfred Zentner von der Donau-Universität Krems warnte vor der „Gefahr der Instrumentalisierung der Jugendarbeit als nonformale Variante der Schule“.

Vorsichtiges Abwägen, aber „aufZAQ“

Sichtbarmachung, Anerkennung, Sensibilisierung, Selbsterkundung und Selbstversicherung (Peter Schlögl) – schon die Wortwahl signalisierte ein vorsichtiges Rantasten und Abwägen. „Mich interessiert es, welche Chancen und Potentiale Zertifizierungen haben“, sagt denn auch Lea Sedlmayr vom Bayerischen Jugendring. Sie will „erstmal nur hören, welche Prozesse gerade laufen“. Sie registriert die sonst so „angstbehaftete Diskussionskultur“, die „mit diesem nicht so transparenten Prozess einhergeht“, möchte aber selbst prüfen, „wie begründet die ist“ und „ob das für uns sinnvoll ist, sich einzubringen.“

Ihr Kollege Jürgen Einwanger von der Österreichischen Alpenvereinsjugend, Segment Ausbildung und Bildung, hat dagegen eine ganz klare Agenda. Die Alpenvereinsjugend bildet ehrenamtliche Expertinnen und Experten für die Begleitung von Gruppen aus. Sie lernen, wie man didaktisch erlebnisreiche Zugänge zur Natur ermöglicht („Wir bezeichnen es als alpine Pädagogik.“). Für die 3.900 ehrenamtlichen JugendleiterInnen und circa 4.000 Tourenführer, die meisten Jugendverbandsmitglieder, „könnte es interessant sein, ihre Erfahrungen im Jugendverband beruflich zu verwerten“. Im nationalen Qualifikationsrahmen liegt die Zukunft, findet er. „Man wird ihn nicht verhindern können und ich finde es auch eine wünschenswerte Entwicklung, dass nicht formales und informelles Lernen einen echten Stellenwert bekommt. Wir haben als Alpenverein gesagt: Lieber gestalten wir mit, als dass wir es gestalten lassen und zum Schluss keinen Einfluss mehr darauf nehmen können.“ Der Österreichische Alpenverein war deswegen auch einer der Initiatoren der österreichischen Validierungsstelle „aufZAQ“. aufZAQ vergibt Zertifikate für Aus- und Weiterbildungsangebote für haupt- und ehrenamtliche JugendarbeiterInnen und JugendleiterInnen.

Zertifizierung für Fachkräfte

Damit haben wir den Sprung zum EU-Ratsempfehlung zur Validierung nichtformalen und informellen Lernens und zum zweiten Thema der Tagung gemacht. Denn auch wenn es immer wieder notwendig war, sich zu vergewissern („Wir haben es manchmal nicht auseinandergedröselt bekommen“, hieß es aus einer Arbeitsgruppe), über die Anerkennung von Kompetenzen des Personals in der Jugendarbeit ließ sich leichter sprechen. Das lag sicher auch daran, dass es für entsprechende „summative“ Verfahren, mit denen Kompetenzen und Qualifikationen identifiziert, dokumentiert, bewertet und abschließend zertifiziert werden, schon Vorbilder gibt. Rita Bergstein von JUGEND für Europa erläuterte ein Kompetenzmodell für Trainer/innen in der internationalen Jugendarbeit (siehe auch https://www.salto-youth.net/rc/training-and-cooperation/europeantotstrategy/trainercompetences/), das im Rahmen der Europäischen Trainingsstrategie in ERASMUS+ JUGEND IN AKTION entwickelt wurde. Und Karin Reisinger stellte die wba – Die Weiterbildungsakademie Österreich – vor, eine Zertifizierungs- und Anerkennungsstelle für ErwachsenenbildnerInnen. Sie vergibt über ein bereits 2007 in Österreich eingeführtes Zertifizierungs- und Anerkennungsverfahren „Zertifikate“ und „Diplome“. In dem berufs- und praxisbegleitenden Verfahren werden bereits vorhandene Qualifikationen und Kompetenzen in mehrstufigen Prüf- und Testverfahren für einen anerkannten Abschluss gebündelt; auch informell erworbene Kompetenzen werden berücksichtigt. Fehlende Kompetenzen können über akkreditierte und sonstige Weiterbildungsangebote erworben werden. Entsprechend Zertifikate sind in Österreich inzwischen Voraussetzung für die Vergabe von Fördergeldern. (Auch unser Moderator outete sich als österreichisch zertifiziert.).

Überhaupt die Österreicher: Die KollegInnen Kollegen aus dem Nachbarland entpuppten sich als unerschrockene Vorreiter einer Verberuflichung der Jugendarbeit. Herbert Rosenstingl, Leiter der Abteilung Jugendpolitik im österreichischen Bundesministerium für Familien und Jugend, zählt die Maßnahmen auf: „Zum einen sind wir in der Arbeitsgruppe, die gerade den Entwurf für ein Gesetz vorbereitet, das den europäischen Qualifikationsrahmen in einen nationalen Qualifikationsrahmen für Österreich übersetzt. Und dann gibt es einen Hochschullehrgang, der sich `FreizeitpädagogIn´ nennt. Der qualifiziert dazu, im schulischen Kontext die Alleinverantwortung außerhalb der Unterrichtszeiten zu übernehmen. Derzeit gibt es ein neues Gesetz, dass die Anrechnung von anderen Ausbildungen über diesen Hochschullehrgang ermöglicht. Da sind wir auch gerade im Gespräch.“ Das Ziel ist, eine Brücke zu einer Akademisierung der Fachkräfte in der Jugendarbeit und von der ehren- zur hauptamtlichen Tätigkeit zu schlagen und damit die Qualität der Jugendarbeit zu erhöhen. Seine einzigen Bedenken betreffen die Ressourcen, „denn die fallen nicht vom Himmel.“

Eine ähnliche Vorstellung treibt auch die KollegInnen von der Hochschule Kempten um. Hier gibt es seit dem Wintersemester 2014/2015 den berufsbegleitenden Bachelor-Studiengang „Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit“. Für den Bachelorabschluss werden eine vorausgegangene Ausbildung zur/zum staatlich anerkannten Erzieher/-in oder vergleichbare Bildungsabschlüsse angerechnet. Praktische Berufserfahrungen allein reichen – noch – nicht aus, das verhindert zurzeit das Bayerische Hochschulgesetz. Dennoch diskutiert man in Kempten natürlich heftig das professionelle Selbstverständnis der Jugendarbeit und die als notwendig erachteten Kompetenzprofile (siehe auch das Interview mit Thomas Miller).

Und wie geht es weiter?

Es tut sich was, keine Frage. Und obwohl immer wieder – ganz unängstlich und sehr selbstbewusst übrigens – Grenzen und Differenzierungen eingeführt wurden, scheint die Diskussion in eine konstruktive Phase zu gehen. Wie gesagt, unsere Nachbarn sind zuversichtlich. Herbert Rosenstingl antwortet auf die Frage, ob er keine Formalisierung der Jugendarbeit befürchtet: „Diese Angst ist natürlich vorhanden, sowohl bei den Organisationen als auch bei uns im Ministerium. Aber Jugendarbeit leistet viel und ist stark aufgestellt.“ Und was sagt Jürgen Einwanger vom Alpenverein? „Ich bin ein optimistisch-positiv denkender Mensch.“

(JUGEND für Europa)

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