17.04.2015Nicht formale Bildung

Treibsand oder fester Grund: Was ist Jugendarbeit in Europa?

Howard Williamson hat den schwierigen Versuch unternommen, eine Grundlage für ein gemeinsames Verständnis von Jugendarbeit in Europa zu formulieren.

Nicht dass es nicht ausreichend Stoff gäbe für den Versuch, Jugendarbeit quer durch Europa zu definieren und ihre Gemeinsamkeiten aufzulisten. Ausgehend von den Paradigmen, welche die offiziellen Papiere von Europäischer Union und Europarat hergeben, aber auch von den Definitionen, wie sie der erste Europäische Fachkongress zur Jugendarbeit im Jahr 2010 formulierte, macht Howard Williamson, Professor für Europäische Jugendpolitik an der Universität Südwales, den Versuch, die „Horizonte der Jugendarbeit in Europa im 21. Jahrhundert“ abzubilden und zu untersuchen. Sein Aufsatz „Gemeinsame Nenner finden“ (frei übersetzt), mit dem ihn die Kommission beauftragt hatte, soll als Vorbereitungspapier für den „Fachkongress zur Europäischen Jugendarbeit  2015“ vom 27.-30. April in Brüssel (www.eywc2015.be) dienen.

Ein schwieriges Unternehmen. Denn meist, merkt der Autor schon zu Beginn an, werde Jugendarbeit durch das definiert, was es nicht sei – kein Unterricht, keine Sozialarbeit, keine Beratung. Also versucht er es umgekehrt. In einem weiten Bogen über 16 europäische Länder und dem europäischen Jugendforum skizziert er unterschiedliche professionelle und politische Ansätze und Ausformungen von Jugendarbeit. Dabei lässt er schnell erkennen, wie divers Selbstbilder, politische und gesellschaftliche Anforderungen, Strukturen und Bedingungen sind. Jugendarbeit bewegt sich danach in einem, je nach Perspektive, spannenden Feld oder in einem Spannungsfeld zwischen professionell angeleiteter Bildungsarbeit, neuerdings gern in Kooperation mit oder Anbindung an formale Bildung, und selbstorganisierter Jugend(verbands)arbeit, zwischen Freizeitangebot und Sozialarbeit.

Williamson benennt Tendenzen, die zwar nicht alle Länder betreffen, aber aus seiner Sicht Fingerzeige sind. So diagnostiziert er politische Angriffe auf Parameter wie Freiwilligkeit und Selbstorganisation sowie eine wachsende Anbindung an formale Bildungs- und Arbeitsmarktanforderungen. Die Verengung auf gesellschaftspolitische Herausforderungen wie auf die Sorge um benachteiligte, ausgegrenzte oder, neuerdings, extremistische Jugendliche sieht er ebenso kritisch wie den Ruf nach dem nachzuweisenden ökonomischen Output von Jugendarbeit, die ihren Wert bemessen soll.

Was macht Jugendarbeit aus?

Der Parforceritt durch die europäische Jugendarbeit kann nur andeuten, was eigentlich umfänglich geklärt und systematisiert  werden müsste, beispielsweise welche Parameter zur Beschreibung von Jugendarbeit taugen. Was macht sie aus? Die Art und Orte der Aktivitäten? Das besondere Verhältnis der handelnden Akteure zueinander oder die Zielgruppen? Spezielle (pädagogische) Intentionen und Wirkungen? Strukturell lassen sich Traditionen, rechtliche und politische Absicherungen und vor allem das Professionsprofil der Akteure (sowie deren Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten) unterscheiden. Pädagogisch geht es um Merkmale wie Freiwilligkeit, Partizipation und Emanzipation, Stärken- und Prozessorientierung oder Selbstbildung und -organisation.  Von der Begrifflichkeit – was ist Sozialarbeit, was Offene Jugendarbeit – ganz zu schweigen.

Auch Williamsons Beschreibungen wechseln zwischen diesen Aspekten. So fühlt man sich je nach Perspektive einmal wie auf Treibsand – Jugendarbeit ist gekennzeichnet durch mangelnde strukturelle und finanzielle Absicherung, keine klare Professions- und damit auch keine Ausbildungsbeschreibung, große politische Erwartungen, dafür schlechtes gesellschaftliches Ansehen. Das andere Mal hält man sich in selbstbewusster Bodenhaftung angesichts der Vielfalt von Orten, Formaten und Methoden, mit denen Jugendarbeit flexibel und adäquat auf Zielgruppenbedarfe sowie gesellschaftliche Herausforderungen antworten kann. Ein Dilemma: „Die Vielfalt der Jugendarbeit wurde lange gefeiert“, so Williamson, „aber man kann aus einer externen Perspektive auch den Eindruck gewinnen, dass es sich um ein ziemlich chaotisches und umstrittenes Praxisfeld handelt.“

Für einen tatsächlichen Vergleich der Systeme und Ausformungen in den europäischen Ländern isr der Überblick nicht gedacht, dafür ist er zu zufällig und lässt es an Vergleichsgrößen mangeln. Vergleichen will Williamson allerdings auch nicht. Seine Intention ist es, die Übereinstimmungen zu beschwören, um auf gemeinsame Nenner („common ground“) zu kommen und von dort in eine Diskussion – Ende offen.

Europa und Jugendarbeit

Allerdings argwöhnt Williamson insgeheim auch, dass es mit dem offenen Ende schon nichts mehr werden würde. Gerade die durch Europäische Kommission und Europarat formulierten Definitionen nämlich würden zwar eine „holistische“ Praxis beschwören, bezeugten aber in Wirklichkeit nur das Spannungsfeld, das von unterschiedlichen Werteerwartungen und politischen Anforderungen geschaffen werde: „Ob man es nun soziale Bildung, informelle Bildung, positive jugendliche Entwicklung, personale und soziale Entwicklung, nicht formale Bildung oder anders nennt, „Jugendarbeit“ ist ausnahmslos auf der Spitze wetteifernder Zwänge und Erwartungen positioniert – zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, zwischen Vergesellschaftung und Wandel.“ An diesen Zwänge und Erwartungen wirken EU und Europarat kräftig mit, da das schillernde Bild der Jugendarbeit zuviel Raum für Interpretationen lasse. So bewege sich auch die EU-Jugendstrategie weg von der klassischen Position, dass Jugendarbeit sich an den Interessen der Jugendlichen ausrichte, in einer freiwilligen Beziehung, rund um Werte wie Rechte, Partizipation und Befähigung, und hin zu einer Position, welche sich an den gegenwärtigen Sozialproblemen ausrichte wie Jugendarbeitslosigkeit, Risikoverhalten und Devianz. „Jugendarbeit, so glaubt man, könne helfen, junge Menschen zurück in die Spur zu bringen oder sie dort zu halten, in ihrem Übergang zum erwachsenen Bürger, zu aktiver Beteiligung und für die Eingliederung in den Arbeitsmarkt.“

Die Zeit ist reif

Höchste Zeit also, so der Autor, dass Jugendarbeit zu einem Konsens komme, was sie denn sein will. Denn den leiten auch die von Williamson in einem zweiten Aufschlag gesammelten politischen Deklarationen und wissenschaftlichen Untersuchungen nicht her, auch wenn er damit weiteres Material für die Daseinsberechtigung von Jugendarbeit liefert und letztendlich für „konsistente und voraussagbare Ergebnisse der vielfältigen Jugendarbeitspraxis“ plädiert, um deren Glaubwürdigkeit und politische Anerkennung zu stärken.

Der Versuch des Rundumschlags ist aller Ehren wert, das Material gibt genügend Futter, die Zeit, so das Resümee des Autors, ist reif. Jetzt ist es am 2. Fachkongress, eine „konzentrierte Salve aller Akteure“ (O-Ton Williamson)  zu organisieren.

(Dr. Helle Becker für JUGEND für Europa)

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