Terry Reintke (MEP): "Mit Jugendlichen reden statt nur über sie"

jugendpolitikineuropa.de sprach mit Terry Reintke, Abgeordnete der Grünen Fraktion im Europäischen Parlament und Mitglied im Arbeits- und Sozialausschuss, über die Möglichkeiten Jugendlicher in Europa zu partizipieren.
 

JfE: Frau Reintke, Sie sind selbst erst 27 Jahre alt und waren bis vor einem Jahr Sprecherin der Jungen Europäischen Grünen. Wann sind Sie das erste Mal mit dem Thema Partizipation in Berührung gekommen?

Reintke: Ich bin mit 15 Jahren politisch aktiv geworden und für mich war schon immer die Frage zentral, ob Jugendliche bei Themen gehört werden, die sie direkt betreffen. Das kann zum Beispiel bei so banalen Fragen sein, wie: „Gibt es Nachtbusse und gute Anbindungen?“ Dabei habe ich positive Erfahrungen gemacht, aber auch viele negative. Und dann habe ich das Thema Jugendbeteiligung auf die europäische Ebene mitgenommen, weil häufig gesagt wird, dass Europa weit weg ist und dass es gerade für Jugendliche noch schwerer ist teilzuhaben. Wenn ich mir die Europäische Kommission anschaue und die jüngste vorgeschlagene Kommissarin 41 Jahre alt ist, dann haben wir keine Repräsentanz von jungen Menschen.

JfE: Inwiefern ist die Partizipation Jugendlicher auf der europäischen Ebene auch eine Chance für die EU die abnehmende Bindekraft der parlamentarischen Demokratie zu stoppen?

Reintke: Es muss bestimmte rechtliche Garantien geben, damit junge Menschen auch tatsächlich in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Wir bräuchten einen YouthCheck, damit alle Gesetzesvorhaben darauf geprüft werden, welche bestimmten Auswirkungen sie auf junge Menschen haben und das ist bei sozialpolitischen Entscheidungen, die vor allem die Krise und ihre Folgen betreffen, sehr relevant. Man kann nicht auf der einen Seite Gelder zur Verfügung stellen um Beschäftigung zu erhöhen und auf der anderen Seite mit Sparmaßnahmen genau das Gegenteilige bewirken. Genau das ist in Spanien geschehen, wo die Gelder für die Jugendpartizipation in der Krisensituation enorm gekürzt wurden – und das ist meiner Meinung nach das schlechteste, was man tun kann!

JfE: Was würden Sie sich wünschen, wie Jugendbeteiligung in Europa einen neuen Schub bekommen kann?

Reintke: Das, was in Europa fehlt, ist eine europäische Öffentlichkeit! Es ist sehr zentral, dass bestimmte europäische Organisationen an der Meinungsbildung teilnehmen und Jugendorganisationen und NGOs dabei sind. Und damit meine ich nicht, dass sie anwesend sind, sondern dass es eine echte Repräsentanz von Jugendlichen in allen europäischen Organisationen gibt. Junge Menschen müssen an zentralen Stellen eingebunden sein und zu Wort kommen. Demokratielernen und zivilgesellschaftliche Bildung sollten genauso zentral gesehen werden wie die klassische Schulbildung, weil das für eine Gesellschaft einen genauso wichtigen Mehrwert hat.

JfE: Und ist es vielleicht auch ein Problem der EU, dass die falschen Kanäle gewählt werden, um Partizipation anzukurbeln - Stichwort Neue Medien?

Reintke: Ich habe das Gefühl, dass schon relativ viel probiert wird: In der letzten Kommission hatten alle Kommissare und Kommissarinnen einen Twitter-Account, was zum Beispiel in Deutschland nicht bei allen Abgeordneten der Fall ist. Die Frage ist häufig das ‚Wie’: Meiner Erfahrung nach muss man soziale Medien so nutzen, dass sie für junge Menschen spannend sind, also auch Alternativen und Kontroversen aufzeigen. Das haben wir auf der europäischen Ebene gesehen, als es darum ging, ob das Europäische Parlament ACTA zustimmt. Da sind vor allem junge Leute auf die Straße gegangen, haben Petitionen unterschrieben und viele unterschiedliche Kanäle genutzt um ihre Meinung kundzutun.

JfE: Wenn Sie die Chance hätten eine Organisation auf europäischer Ebene zu gründen, was würden Sie machen?

Reintke: Was mir noch fehlt, sind noch mehr Organisationen, die Jugendliche ansprechen, die keinen akademischen Hintergrund haben, die sich vielleicht nicht schon in der Schule ganz intensiv mit Europa und den Institutionen auseinandergesetzt haben. Auch das Programm Erasmus+ wurde hauptsächlich von Menschen geplant, die einen akademischen Hintergrund haben und in den entsprechenden Entscheidungspositionen sitzen. Wenn man aber über Jugendpartizipation sprechen will, dann braucht man in den Gremien Leute, die aus einem anderen Hintergrund kommen, weil sonst einfach ganz viel fehlt.

(Das Interview führte Lisa Brüßler im Auftrag von JUGEND für Europa)

Bild: ©Lisa Brüßler

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