So fern, so nah: Junge Menschen wollen politische Mitbestimmung

Nein, sie sind es nicht: Wieder führt ein aktueller Bericht der EACEA vor, dass das auch wissenschaftlich häufig zementierte Urteil, Jugendliche und junge Erwachsene seien politikfern, falsch ist.

Ja, wenig Interesse und dürftiges Wissen über Politik, geringes Vertrauen in die politisch Verantwortlichen, ein wachsender Zynismus gegenüber demokratischen Institutionen können als Indikatoren für schwachen Bürgersinn und politischem Engagement unter Jugendlichen gewertet werden.  Aber, nein, so die Argumentation im Bericht „Politische Mitbestimmung und EU-Bürgerschaft: Wahrnehmung und Verhalten junger Menschen“, dieses Urteil beachte nur traditionelle Arten politischer Beteiligung an Wahlen oder Parteien.  

Für den Bericht wurden mehrere Eurobarometer-Studien des Jahres 2012 ausgewertet, für die in sieben europäischen Ländern junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren nach ihren Vorlieben und Interessen gefragt wurden. Er fasst nicht nur Befragungsergebnisse zusammen, sondern auch weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Lebenslagen und Begründungszusammenhänge zum Verhalten Jugendlicher. Er  wiederholt damit im Wesentlichen die Erkenntnisse, die schon in dem EACEA-Bericht „Youth Participation in Democratic Life“ im  Februar 2013 veröffentlicht wurden (siehe NEWS).

Mehr Mitbestimmung

Ergebnis: Eine klare Mehrheit der Jugendlichen fordert mehr, nicht weniger, politische Mitbestimmung. Natürlich, so die Autorinnen und Autoren, sie die Rede von „den“ Jugendlichen nicht zulässig. Zu unterschiedlich sind die Lebensbedingungen, politischen Traditionen und Systeme in den einzelnen Ländern. Diese bilden sich auch in der Einstellung von Jugendlichen und ihrem Verhalten ab. Und dann gibt es natürlich auch in einem Land Unterschiede, vor allem nach Geschlecht oder sozio-ökonomischem Status. Männer sind oft aktiver als Frauen, das Wahlverhalten Jugendlicher ist abhängig von Bildung und Einkommen und das politische Verhalten wird durch Gefühle von Ungleichheit und Ausgrenzung beeinflusst.

Neu ist besser

Allerdings bevorzugen junge Menschen neue Formen politischer Partizipation, die offensichtlich quer zu den genannten Kategorien liegen. Neu sind natürlich das Internet und Soziale Medien. Aber Forscherinnen und Forscher  führen auch an, dass einige traditionelle Formen, sich zu Wort zu melden oder einzumischen – Demonstrationen, Proteste, Petitionen, Boykotts – von Jugendlichen umgedeutet und umgenutzt werden. Politische Aktionen werden individualisiert, es gibt mehr ad-hoc-Aktivitäten und junge Menschen äußern sich themenspezifisch. Ihre Interessen sind zudem weniger gebunden an soziale Zuordnungen.

Manche Wissenschaftler machen einen „Generationswandel“ von „materialistischen“ zu „post-materialistischen“ Werten  für das veränderte politische Verhalten verantwortlich. Das Interesse junger Menschen, so die These,  sei eher auf Faktoren von Lebensqualität wie Umweltschutz und Menschenrechte gerichtet.  Daraus ergäben sich mehr themenspezifische, temporäre und kampagnenähnliche politische Aktionsformen. Viele junge Menschen wachsen in mehr als einem Land auf, sie machen die Erfahrung, dass ökonomische Prozesse und soziale Bewegungen die Grenzen überschreiten. Damit erkennen sie, dass der Einfluss nationaler Politiker, Parteien und Parlamente begrenzt ist, was wiederum alternative Beteiligungsformen hervorbringt. Je nach Perspektive fühlen sich Jugendliche damit näher oder ferner zu politischen Entscheidungen: näher und effektiver, weil die Aktivitäten unmittelbarere, sichtbarere Wirkungen haben können, ferner, weil alternative politische Formate weniger Akzeptanz erfahren.

Erfahrungen schaffen!

Werte und Prinzipien demokratischer Beteiligung müssen erfahren werden, wenn sie akzeptiert und übernommen werden sollen. So lernen junge Menschen nicht nur im Schulunterricht etwas über Politik, sondern vor allem durch entsprechende Aktivitäten in Schule, Gemeinde und nicht formalen Angeboten. Folgerichtig fordern die Forscherinnen und Forscher mehr davon und mehr Akzeptanz der Gesellschaft gegenüber jugendadäquaten Beteiligungsformen. Immerhin, so die Mahnung, dürfe man „ihr Potenzial, politische und soziale Veränderungen hervorzubringen“, nicht verspielen.

(JUGEND für Europa)

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