„Sich wappnen gegen die rechts- und linkspopulistischen Angriffe auf die Werte Europas.“

Mit Bezug auf die so genannte Pariser Erklärung diskutierten Akteure aller Bildungsbereiche die Möglichkeiten einer werteorientierten Bildung. Die deutschen Nationalen Agenturen Erasmus+ hatten zur Impulstagung für "Toleranz, Freiheit und bürgerschaftliches Engagement – Bürgerwerte gegen ‚neue Mauern" nach Berlin eingeladen.

Mit Bedacht war der Ort gewählt, die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Der zentrale Erinnerungsort an die deutsche Teilung erstreckt sich auf 1,4 km Länge über den ehemaligen Grenzstreifen inklusive Wachtürme. Passend, um über Toleranz, Freiheit und bürgerschaftliches Engagement nachzudenken und die Mauern in den Köpfen ebenso zu zitieren wie die realen Mauern, die nun wieder an europäischen Grenzen errichtet werden.

Vertreterinnen und Vertreter von Organisationen aus dem Jugendbereich, der Beruflichen Bildung, der Hochschulbildung, der Schulbildung und der Erwachsenenbildung trafen sich am 19. September 2016, um die Potenziale politischer und sozialer Bildung für die Verwirklichung europäischer Werte auszuloten. Dr. Hanns Sylvester, Direktor der Nationalen Agentur Hochschulzusammenarbeit im DAAD, begrüßte im Namen aller Nationalen Agenturen die Teilnehmenden und betonte, dass die Tagung Akteure aus allen Bildungssektoren zur Zusammenarbeit anregen sollte. Er forderte dazu auf, dafür die vielfältigen Möglichkeiten des Programms nutzen.

Anlass Pariser Erklärung

Die Tagung bewegte sich im Kontext der so genannten Pariser Erklärung (NEWS), in der die Bildungsminister der EU im März 2015 Maßnahmen zur Stärkung der europäischen Werte nach Artikel 2 des EU-Vertrags forderten, um der beobachtbaren Radikalisierung Jugendlicher entgegenzutreten. Die Erklärung identifiziert 10 allgemeine Ziele für das Bildungswesen, vier davon als gemeinsame Ziele der EU. Diesen vier Zielen entsprachen auch die Titel der Workshops der Tagung. Sie sollten dazu beitragen, über Projektbeispiele aus den verschiedenen Bildungsbereichen, mit denen europäische Bürgerwerte wie Aktive Bürgerschaft, Toleranz, Freiheit und ein friedliches interkulturelles Zusammenleben gefördert wurden, ins Gespräch zu kommen.

Problemfall Europäische Union

Zumindest zeitweise aber richtete sich der Blick weniger auf die Jugendlichen als Adressaten für präventive Maßnahmen, als vielmehr auf den Problemfall Europäische Union selbst. Dem Dilemma, angesichts einer zerstrittenen EU mit nationalistischen, antidemokratischen Tendenzen einzelner Mitgliedstaaten die „europäischen Werte“ zu beschwören, konnte hier und da nur mit Trotz oder Zynismus begegnet werden.  Hanns Sylvester mahnte, dass gerade Deutschland sich aktiv gegen die Errichtung neue Mauern in Europa wenden müsse. Die anwesende Vertreterin der EU-Kommission, Fiorella Perotto, stellv. Referatsleiterin Europa 2020 Investitionsplan, Allgemeine und Berufliche Bildung 2020 und zuständig für die Leitaktion 3 in Erasmus+, konnte einem jedenfalls leid tun bei der energischen Nachfrage, was die Kommission zu tun gedenke, um eine Umsetzung von entsprechenden Projekten in allen Programmländern sicherzustellen. Eigentlich nichts, so der Subtext ihrer Antwort, in der sie die Beschwörungen von Kommissionspräsident Juncker aus seiner Rede zur Lage der Union am Anfang der Woche wiederholte.

Erasmus+ hat das Potenzial

Denn dass Erasmus+ erheblich zur Vermittlung von Werten beitragen kann, darüber war man sich einig. Die Beispiele in den Workshops waren geprägt vom Bildungswert interkultureller Erfahrungen. Aus dem Jugendbereich gab es Projekte zum Strukturierten Dialog, zur „No Hate Speech“- Kampagne des Europarates sowie zur Einbeziehung Jugendlicher der sog. NEET Zielgruppe (Not in Education, Employment or Training). Die Anwendung jugendpädagogischer Grundsätze wie Anerkennung, Stärkenorientierung, Eigenverantwortlichkeit waren auch in Projekten aus dem Schul- und Hochschulbereich Gelingensfaktoren für eine oft lebensverändernden Erfahrung. Das Erleben demokratischer Werte und Grundrechte in der persönlichen Begegnung wurden als Grundlagen für die Entwicklung eines politischen Bewusstseins genannt.

Begegnungssituationen, so betonte in der Abschlussrunde der Inhaber des Jean-Monnet-Lehrstuhls an der Hochschule Fulda, Dr. Hans-Wolfgang Platzer, müssten eingebettet werden in Räume und Gelegenheiten, diese Werte zu reflektieren. Ingeborg Weisig, im Niedersächsischen Kultusministerium zuständig für Europäische und internationale Angelegenheiten, wies darauf hin, dass Lehrkräfte „mit Hochdruck“ daran arbeiteten, den Beschluss der Kultusministerkonferenz zur „Interkulturellen Bildung und Erziehung in der Schule“ umzusetzen und demokratische Werte zu vermitteln. Dennoch könne man die mangelnde Solidarität in Europa nicht schönreden. Lehrkräfte hätten es schwer, in einem europaskeptischen bis -feindlichen Umfeld europäische Werte zu vermitteln.

Der grassierenden Antieuropa-Stimmung nahm sich Fiorella Perotto an. Es stimme, was Juncker in seiner Rede gesagt habe, so die Kommissionsvertreterin. Nie zuvor habe es so viel Spaltung und so wenig Gemeinsinn in der Union gegeben. „Wir stehen nun vor einer sehr wichtigen Entscheidung“, zitierte sie ihn fast trotzig. „Verfallen wir allesamt in kollektive Depression? Wollen wir zusehen, wie sich unsere Union vor unseren Augen auflöst? Oder sagen wir: Ist das nicht der Moment, sich zusammenzureißen? Der Moment, die Ärmel hochzukrempeln und unsere Anstrengungen zu verdoppeln und zu verdreifachen?“

Die Frage blieb nicht einfach im Raum stehen. So betonte Sabrina Apitz, ehemalige Europäische Freiwillige und aktive EuroPeer, dass es bei der Wertevermittlung entscheidend auf das persönliche Erleben dieser Werte ankomme  Unverzichtbar hierfür seien Begegnungs- und Peerprojekte, in denen Jugendliche sich engagieren und eigene Erfahrungen teilen können. Und es war der Politikwissenschaftler Platzer, der Applaus bekam für sein Statement: „Nur Lernräume, in denen Werte reflektiert werden, wappnen uns gegen die rechts- und linkspopulistischen Angriffe auf die Werte Europas. Die von Innen und Außen verursachten Krisen müssen Anlass sein, nicht mit Hochglanzbroschüren affirmativ zu antworten, sondern sich kritisch mit den Bedingungen auseinanderzusetzen.“ Das kam an. Politische Bildung hilft also doch?

Hintergrund

Seit 2014 bringen die gemeinsamen „Impulstagungen“ der Nationalen Agenturen in Deutschland Stakeholder aus den verschiedenen Bildungsbereichen zusammen. Sie sollen Synergien für Aktivitäten in und zwischen den verschiedenen Sektoren anregen. Die letzte Tagung dieser Art fand am 19./20. April 2016 in Essen statt und thematisierte „Bildung, Partizipation, Integration – Erasmus+ und Geflüchtete" (NEWS).

Dr Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa

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