Second thoughts: Stimmen aus der Internationalen Jugendarbeit zu #FreeInterrail

Nun hat es die Idee eines kostenlosen Interrailtickets für alle bis in die Budgetberatungen für 2017 geschafft. Und das Nachdenken darüber kommt so langsam in Fahrt. Auch manche Akteure der Internationalen Jugendarbeit scheinen hin- und hergerissen zwischen euphorischen Erinnerungen an die eigene jugendliche Bahnfreiheit und fachlichem Kopfzerbrechen.

Schon am 03. Oktober 2015 hatten die Jungen Europäischen Föderalisten auf ihrem 62. Bundeskongress einen „Beschluss Interrail“ verabschiedet. „Die Jungen Europäischen Föderalisten unterstützen diese Idee, weil sie alle jungen Menschen unabhängig vom Bildungshintergrund fördern würde.“ Am 28.09.2016 erneuerte der JEF-Bundessekretär Vincent Venus die Forderung nach einem ein kostenlosen Interrail-Ticket zum 18. Geburtstag für eine pro-europäischere Generation. https://www.youtube.com/watch?v=FHtqL9JY6yw. Damit war wohl alles gesagt, vielleicht auch deswegen, weil der Beschluss unterstellt, dass es „bislang […] fast ausschließlich Studierende [sind], die von der Europäischen Union durch das Erasmus-Plus-Programm zum Austausch animiert werden. Dadurch wurden Nicht-Akademiker lange missachtet.“  Eine gewagte Einschätzung, wenn man bedenkt, dass Erasmus+ inzwischen auch die berufliche Bildung umfasst und es darüber hinaus im Jugendkapitel um nicht formale Bildungsmaßnahmen für alle Jugendlichen geht – 2015 waren allein in Deutschland 27.344 an solchen Maßnahmen beteiligt.

Auf treffpunkteuropa.de, dem Onlinemagazin der Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) stieß der Vorsitzende der christdemokratischen EPP-Fraktion im Europaparlament Manfred Weber, der die Idee der Berliner „2 man agency Herr&Speer“ im Europaparlament einbrachte, in das gleiche Horn: „Ich bin davon überzeugt, dass das InterRail-Ticket zum 18. Geburtstag ein Leuchtturmprojekt werden kann, das eine gemeinsame europäische Identität näher bringt. Und im Gegensatz zu den Erasmus-Austauschprogrammen stünde dieses Programm allen jungen Leuten offen. Man muss weder Student noch berufstätig sein und man muss für einen zwei- bis dreiwöchigen Trip durch Europa auch nicht lange im Voraus planen. Alles was man für InterRail braucht sind ein paar Wochen Zeit und viel Neugier.“ http://www.treffpunkteuropa.de/gastbeitrag-von-manfred-weber-unterstutze-interrail-vorschlag

Imageproblem Erasmus+?

Hat Erasmus+ also ein Imageproblem und steht die Marke dann doch immer noch für akademisches Lernen? Sucht man populistisch nach Moblitätsangeboten für alle, obwohl es die längst gibt? Georg Pirker vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten sieht das genau so: „Reisen bildet und Politiker/-innen möchten geliebt werden. Dass sich die EU-Kommission und eine ganze Reihe Parlamentarier/-innen bemüßigt fühlen, den Vorschlag aufzugreifen und den Versuch unternehmen, dieses Vorhaben pilotreif zu machen, zeugt meines Erachtens von einer gewissen Ratlosigkeit und Panik, die sich derzeit allerorten auf der europäischen Politikebene breitmacht.“ Dr. Markus Ingenlath, Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW), sieht das ähnlich: „Das Thema `Jugend in Europa´ ist in schwierigen Zeiten ein dankbarer Topos in der Rhetorik und für Verlautbarungen.“ Es sei sicherlich zu begrüßen, „dass europäische Jugendpolitik auf originelle Weise erneut auf die Agenda der politischen Entscheider kommt“. So mache man es sich aber zu einfach: „Wir wissen aus über 50 Jahren Erfahrung bei Austauschprojekten, dass der bloße Kontakt mit Menschen einer anderen Kultur oder eine Auslandsreise nicht notwendigerweise zu Verständigung, Respekt und gegenseitigem Verständnis führt. Im Gegenteil: Ohne gut geschulte Begleitung findet häufig eine Verstärkung bereits vorhandener negativ besetzter Vorurteile und Abwehrmechanismen statt. Grundvoraussetzung für die Entwicklung eines individuellen europäischen Bürgerschaftsgedanken bei Jugendlichen ist der Einstieg in einen interkulturellen Lernprozess, der ein Leben lang anhalten kann. Es handelt sich um einen hochkomplexen Vorgang, der pädagogisch gut vorbereitet, begleitet und nachbereitet wird.“

Die Hoffnung, durch ein großzügig verteiltes Bahnticket die Lösung für Ungerechtigkeiten im Bildungssystem ausgleichen zu wollen, ist also trügerisch. Denn auch die von Europaparlamentarier Manfred Weber benannten Hürden sind größer als man denkt. „Ein paar Wochen Zeit“ haben viele Jugendliche, die zwischen Schule und Beruf, in der Ausbildung oder in SGB-gestützten Maßnahmen hängen, gar nicht, ganz zu schweigen von den Finanzmitteln für Unterkunft und Verpflegung. Und auch das mit der Neugier (und Mut? interkulturelle Offenheit? Sprachkenntnisse?) zählt zu einem kulturellen Kapital, das viele Jugendliche nicht besitzen, allerdings in pädagogisch begleiteten Maßnahmen lernen können.  

Genau da sieht Ulrika Engler den Knackpunkt. Sie ist Leiterin des aktuellen forums, eine Organisation, die auf Internationale Jugendarbeit mit benachteiligten Jugendlichen spezialisiert ist. „Die Erfahrungen mit unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigen, dass viele gar nicht an die entsprechenden Informationen zu Auslandsaufenthalten kommen. Und dann handelt es sich um Jugendliche, die häufig nicht einmal die Grenze ihres Stadtteils überschreiten, geschweige denn allein ins Ausland reisen würden. Die schnappen sich nicht den Rucksack und denken `nichts wie raus´. Aber wenn sie in der Gruppe sind, gut vorbereitet, unterstützt und begleitet werden, dann können sie die gleichen guten interkulturellen Erfahrungen machen wie andere Jugendliche auch.“ Ingenlath sieht das ähnlich. Die so genannte `Erasmus-Generation´, die nach ihren Interrail-Trips in ein Auslandsstudium gehen, könne man „getrost als Selbstläufer erachten“, meint er. „Es geht vielmehr darum, diejenigen in eine Mobilitätserfahrung zu bringen, die nicht aus eigenen Stücken oder angeregt durch ihr familiäres und soziales Umfeld auf die Idee kommen,  weil sie mit sozialen, wirtschaftlichen, geographischen, kulturellen, gesundheitlichen u.a. Mobilitätshindernissen zu kämpfen haben. Hier kommt es darauf an, diejenigen, die oft kaum das eigene Stadtviertel oder Dorf verlassen haben, mit Hilfe gut geschulter Fachkräfte behutsam an eine Austauscherfahrung heranzuführen.“ Die Idee #FreeInterrail verkenne „die derzeitigen Herausforderungen der europäischen und internationalen Jugendpolitik“.

Ansichtssachen

So sind sich auch die Jugendverbände nicht einig. Auf der letzten Vollversammlung des DBJR am 29.10.2016 wurde der Antrag der JEF auf Befürwortung eines Free-Interrail-Ticket für alle jungen Europäer nach Debatte und zwei Änderungsanträgen zurückgezogen. (siehe: https://www.dbjr.de/antrag/web/vv2016/motion/74/pdf).

Tobias Köck, Vorstandsmitglied der Europäischen Bewegung Deutschlands und Sprecher des Deutschen Nationalkomitees für internationale Jugendarbeit (DNK), erklärt die Ja-Aber-Haltung. Einerseits freut er sich über diese „verkehrspolitisch richtige“ EU-Parlamentsinitiative: „Bahnreisen ist in der Tat eine nachhaltige, umweltschonende Möglichkeit unseren Kontinent, seine Menschen und deren Kulturen zu erfahren". Ein kostenfreies Interrailticket als Geburtstagsgeschenk für jede und jeden 18-jährigen würde dies fördern und mehr junge Menschen auf die Schienen bringen“, meint er. Aber er schränkt ein: „Ein rotes Signal gäbe es von uns Jugendverbänden dagegen, wenn das Bildungs- und Jugendaustauschprogramm Erasmus+ dafür benutzt oder bei anderen jugendbezogenen Förderprogrammen gespart wird!“

Ganz persönlich reagiert seine Verbandskollegin Lisi Maier (BDKJ und DBJR): „Mit 18 bin ich selbst das erste Mal mit Freunden und einem Interrailticket im Geldbeutel losgerattert. Für mich hat es die Liebe zur Bahn geweckt und mir einen neuen Freiraum in Europa eröffnet.“ Sie findet die Idee eines kostenfreien Interrailtickets daher reizvoll. Es könne für Jugendliche, „unabhängig vom eigenen sozialen Status, eine Chance sein ihren Kontinent zu entdecken und für den Kontinent selbst wäre es eine ökologische, verkehrspolitische und innenpolitische Chance!“ Auch sie betont aber, dass ein kostenloses Interrail „eine kohärente europäische Jugendpolitik, eine bedarfsgerechte Ausstattung des europäischen Jugendaustausches und damit einhergehend eine finanzielle und förderrechtliche Anpassung von Erasmus+“ nicht ersetzen könne. „Und: wenn man ein kostenloses Interrail wirklich ernst nimmt, dann gilt es auch die Freizügigkeit in der EU ernst zu nehmen!“

Noch mal Erasmus+

Es gibt also neben der Euphorie inzwischen auch „second thoughts“ – Gedanken über Bedingungen und Wirkungen eines kostenfreien Interrail-Tickets. So werden nach ersten Berechnungen der notwendigen Finanzmittel – die genannten Summen schwanken zwischen 1,9 und 2,1 Mrd. Euro – erste Refinanzierungsvorschläge gemacht, von einer Verlosung bis zur Aufforderung an die Bahngesellschaften, sich zu engagieren. Beides wirkt wie Rückzieher. Eine Verlosung wäre willkürlich, unter Umständen nicht gerecht und nicht zielführend. Die Bahngesellschaften wiederum müssten sich erinnert fühlen an ihr finanzielles Engagement für den Europarat, der damit jahrelang über die Europäische Jugendstiftung Bahntickets zu Internationalen Jugendbegegnungen subventioniert hat. Und nicht zuletzt könnte man meinen, dass die EU in dieser Debatte die Erfahrungen aus den eigenen Mobilitätsprogrammen und ihre selbst auferlegten Qualitätsmaßstäbe nicht ernst nimmt. Im Fall von Interrail werden wohl Teilnehmerlisten oder Evaluationen (die Zwischenevaluation von Erasmus+ steht gerade ins Haus) nicht greifen. Oder wird es ein Datentracking geben, wie viele Jugendliche wann wohin gefahren sind, dort wie lange bleiben, wen treffen und sich worüber austauschen? Wüsste man, wie Georg Pirkler zu bedenken gibt, warum jemand eventuell „seine Vorurteile bestätigt findet“ oder was passiert, „wenn einem bspw. nachts am Bahnhof Schwarzburg das Portemonnaie geraubt wird?“ Und „wer garantiert, dass nicht wieder die übliche Gruppe privilegierter junger Menschen das Angebot überproportional nutzt?“

Schon gibt es weiteres Nachdenken darüber, wie die Idee trotz dieser nicht von der Hand zu weisenden Argumente gerettet werden kann. Die Jungen Europäischen Föderalisten schlagen in  ihrem Beschluss vor, die Interrail-Maßnahme an das Erasmus-Programm anzugliedern, „aber aus einem zusätzlichen Budget“ zu finanzieren. https://www.jef.de/wp-content/uploads/sites/4/2016/01/2015_BuKo_Berlin_Beschluss_Interrail.pdf . Ulrika Engler meint, in der Idee „sei doch „Potenzial drin“. Wie schön wäre es, wenn die Milliarden dafür genutzt werden könnten, Interrail-Tickets für alle Erasmus+ Teilnehmende zu spendieren, die sich Teilnahmegebühren nicht leisten können. „Das würde das Programm entlasten und das freiwerdende Geld könnte für eine gute Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung eingesetzt werden.“ Markus Ingenlath würde die Mittel gern in Sprachförderung investiert sehen: „1,9 Mrd. Euro sind hier gut  oder gar besser  investiert als im Interrailticket für alle“, meint er. Und Georg Pirker schlägt vor, die jungen Erwachsenen während ihrer Interrailreise anzuhalten, ein- zwei Jugendbegegnungen in Jugendzentren zu besuchen, bspw. in den durch den Europarat mit dem Quality Label for Youth Centres ausgezeichneten Bildungsstätten (http://www.coe.int/t/dg4/eycb/Programme/QualityLabel_en.asp). „Da könnte die EU gleich den in der Europäischen Jugendstrategie so eindrücklich geforderten Beitrag zu sozialer Inklusion und Teilhabe durch die Ausschöpfung des Potentials von Jugendzentren und Bildungsstätten als Lernorte konkret umsetzen.“

Die preiswerteste Idee stammt von Marie Menke, einer ehemaligen Europäischen Freiwilligen. Sie befand am 7. Oktober 2016 auf „treffpunkteuropa.de“: „Zum achtzehnten Geburtstag einen Brief von der EU zu erhalten, das ist ein Konzept, das ich gut finde. Das schafft ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl und eine Möglichkeit für die EU, junge Bürger über ihre Möglichkeiten zu informieren, um Europa zu erkunden. Wir haben bereits Programme, die es wert wären, all das Geld, das Interrailtickets für alle Achtzehnjährigen kosten würden, in sie zu investieren – und darin, sie bekannter zu machen.“ (http://www.treffpunkteuropa.de/interrail-fur-mehr-europagefuhl-eine-utopie).

(Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)