Sachsen-Anhalt: Strategisches Vorgehen beim Strukturierten Dialog

Es gibt Forderungen an Politik und Verwaltung, die werden abgelehnt. Doch kann man häufig trotzdem etwas verändern. Wenn man weiß, wie und wann man die eigenen Themen am besten platziert, wird man gehört. Daniel Adler ist Projektkoordinator von „Europa geht weiter“ bei der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e.V. / GOEUROPE!  und teilte mit JUGEND für Europa seine Tipps und Tricks für die Durchführung, das Follow-Up und ein gelungenes Agenda-Setting beim Strukturieren Dialog.

JfE: Welche Funktion hat in Deinen Augen der Strukturierte Dialog?

Daniel Adler: In erster Linie hat der Strukturierte Dialog für mich eine Informations- und Aktivierungsfunktion. Wer macht Jugendpolitik auf europäischer Ebene, wie läuft das ab und was hat das mit mir zu tun? Der Anreiz ist, einen Dialog mit den Entscheidungsträgern überhaupt erst einmal zu beginnen. Dafür wird von der EU ein Themenfeld vorgegeben, das eine jugendpolitische Relevanz in allen Regionen Europas besitzt und zu dem es eine politische Auseinandersetzung geben soll. Wenn dazu überall in den Staaten Gespräche vor Ort stattfinden, werden vielleicht einige davon aufgenommen und bringen den Prozess weiter – für die Organisation, die Jugendlichen oder die Politik.

Wie setzt Ihr das jeweilige Konsultationsthema bei GOEUROPE! um?

Das variiert von Jahr zu Jahr. Dieses Jahr hatten wir Vorbereitungsseminare mit jungen Leuten, die in den letzten Jahren teilgenommen haben, um die Workshops zu entwickeln, die wir dann zum Beispiel an Schulen durchführen. Außerdem wollen wir in diesem Jahr unsere Zusammenarbeit mit Jugendgremien, wie dem Kinder- und Jugendrat der Stadt Halle weiter intensivieren. Dieses Jahr haben wir das Motto „Für ein jugendgerechtes Europa“: was bedeutet Gerechtigkeit, was wünschen sich Jugendliche von der Politik in Europa und wie können sie selbst aktiv werden. Im Anschluss treffen sich alle Projektgruppen in Magdeburg, tragen ihre Ergebnisse zusammen und diskutieren ihre Ideen mit Landtagsabgeordneten, beim sogenannten „Jugendevent“. Einige von den Teilnehmenden der Projektgruppen werden nach Brüssel fahren und anschließend eigene Veranstaltungen mit der Politik vor Ort durchführen.

Was bringen die Gruppen aus Brüssel wieder mit?

Für uns ist die Brüsselfahrt eine Anschlussaktivität an das, was wir in Sachsen-Anhalt machen. Auch eine kleine Belohnung für die Jugendgruppen. Sie bringen viel Wissen, Selbstbewusstsein und die Begeisterung mit, und eben diese Begeisterung motiviert wieder andere Jugendliche in ihrem Umfeld. Außerdem machen sie die Erfahrung, in Brüssel mit Leuten zu sprechen, die beruflich direkt mit der EU zu tun haben. Dadurch wird die Distanz abgebaut, die häufig zwischen der Lebensrealität und Europa liegt.

Als landesweit agierender Träger kann man ja viele Themen anstoßen und Netzwerke herstellen – die Kapazität, die entsprechenden Projekte dann auch durchzuführen, ist aber vielleicht nicht immer gegeben. Wie kann man diese an andere Vereine oder Initiativen zur Ausführung abgeben?

Ich finde die Idee ganz gut, solche Themen an diejenigen weiterzugeben bzw. jene möglichst frühzeitig  ins Boot zu holen, die auf dem jeweiligen Gebiet sehr spezialisiert sind. Gerade innerhalb des Strukturierten Dialogs bearbeiten wir mit wechselnden Jugendgruppen und Organisationen die Themen nacheinander. Sicherlich sind da einige Netzwerke, die sich parallel mit dem gleichen Thema beschäftigen. Aber das wird der Strukturierte Dialog nicht von heute auf morgen ändern und schon gar nicht ersetzen. Manchmal ergeben sich interessante Kontakte erst nach einer Konsultation, obwohl wir vorher immer schon schauen, wer in dem Bereich aktiv ist. Es ist eben auch eine Frage der eigenen Ressourcen und des Timings. Häufig sind die Vereine auch sehr überrascht, dass wir dieses Thema bearbeiten und es eine europäische Dimension gibt. Das ist immer eine gute Ausgangssituation, um das Interesse für den Strukturierten Dialog zu wecken.

Ein Kritikpunkt, der sich in der Begleitstudie zum Strukturierten Dialog herauskristallisiert und der auch bei Eurem „Dialogforum“  im Januar in Magdeburg angesprochen wurde, ist die fehlende Rückmeldung aus der Politik. Wie stellt Ihr die reale und spürbare Rückmeldung aus der Politik in Euren Projekten sicher?

Beim Jugendevent im letzten Jahr haben wir die Rückmeldungen auf zwei Wegen eingebaut. Zum einen gab es eine Abschlusspräsentation, bei der alle beteiligten Abgeordneten  ihr persönliches Feedback zum Workshop mitgeteilt haben und sich dazu äußerten, inwiefern sie Anregungen für ihre politische Arbeit mitnehmen. Zum anderen fingen wir nach den Workshops Statements der Abgeordneten mit einer Kamera ein und veröffentlichten diese im Veranstaltungsvideo. Anschließend liegt es an allen, die Rückmeldungen ernst zu nehmen, nachzufragen und  herauszufinden, ob und wie diese Anregungen auch Eingang in die politische Debatte finden. Letztes Jahr haben wir ein viertel Jahr nach dem Jugendevent mit den Landtagsabgeordneten Kontakt aufgenommen und sie an einen runden Tisch eingeladen, um zu sehen, was aus den Statements geworden ist und wie es weiter geht. Parallel haben die Jugendgruppen eigene Veranstaltungen zum Beispiel mit ihrem Bürgermeister organisiert, um ihre Ideen vor Ort bekannt zu machen und ein Feedback zu erhalten.

Wie hartnäckig muss man sein, wenn man bestimmte Themen an Entscheidungsträger herantragen will?

Herantragen kann man ein Thema sicherlich immer und unkompliziert an die Politik. Das Internet macht ja alles und viel mehr möglich. Die Fragen, die sich dann stellen, sind, an wen wende ich mich, wie schnell erwarte ich eine Rückmeldung, eine politische Diskussion, Ergebnisse und Veränderungen? Es gibt ja keine Software, die mir meine Erfolgsquote oder die perfekten Ansprechpersonen vorher ausrechnet, wenn ich auf der einen Seite Informationen von Entscheidungsträgern eintrage, wie Alter, Partei, Fraktionsgröße, verbrachte Zeit mit Jugendlichen und Ausschuss, und auf der anderen Seite zum Beispiel Anzahl der Jugendlichen, verfasste E-Mails, organisierte Treffen, etc. Letztlich muss ich den Grad der „Hartnäckigkeit“ für mich selbst bestimmen und die Eigenständigkeit der anderen Beteiligten akzeptieren. Vor der Herausforderung stehen alle Beteiligten – die Jugendlichen im Austausch untereinander oder im Dialog mit Politik. Wir versuchen, alle Beteiligten dafür zu sensibilisieren, sie darauf vorzubereiten und zu begleiten.

Wie geht man weiter vor, wenn klar ist, dass ein Anliegen, welches man an die Politiker herantragen wollte, in der Politik bereits „durch“ ist?

Das muss auf jeden Fall kommuniziert werden. Im letzten Jahr gab es rege Diskussionen der Jugendlichen über die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre. Bereits vor dem Jugendevent wurde dies im Landtag abgelehnt. Die Ergebnisse der Abstimmung wurden dann als aktuelle Referenz für das direkte Gespräch genutzt und stellten für die Jugendlichen eine Möglichkeit dar, sich jugendpolitisch zu orientieren. Alle waren sich darin einig, dass Jugendbeteiligung wichtig ist. Doch die Lösungsvorschläge waren unterschiedlich, zum Beispiel sich mit politischer Bildung beschäftigen oder den Dialog zwischen Politik und jungen Menschen unterstützen.

Viele der Träger hier beim Vernetzungstreffen hatten ihre Befürchtung angebracht, dass durch einen Wechsel in den Reihen der Entscheidungsträger und womöglich der Parteien in bestimmten Ausschüssen auch die Kontinuität eines gemeinsamen Projektes im Strukturierten Dialog leidet. Was meinst Du dazu?

Es ist wichtig, sich darüber Gedanken zu machen und sich dann selbst darauf vorzubereiten. Bei aktuellen Kontaktpersonen könnte man vorsichtig nachfragen. Sicherlich kostet das alles Zeit, die man in den meisten Fällen nicht hat. Aber so oft finden im direkten Umfeld des Projektes ja keine Wahlen statt. Der Vorteil besteht meiner Meinung nach darin, dass jeder Wechsel wieder die vorhandene „Gruppendynamik“ anregt, wenn man den Jugendbereich mal als Gruppe betrachtet. Vorhandene, vielleicht eingefahrene, Rollenmuster brechen auf, neue Akteure werden besser integriert, alle zeigen sich von der besten Seite, suchen Kontakte und und und.Wenn man es schafft, in dieser Orientierungsphase mit den Entscheidungsträgern Kontakt aufzunehmen, kann man daran in der weiteren Arbeit anknüpfen. Darum stehe ich dem jetzt nicht so negativ gegenüber und sehe es als Chance.

Das Interview führte Babette Pohle im Auftrag von JUGEND für Europa.
Foto: Babette Pohle

Infos zur LKJ Sachsen-Anhalt

Die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Sachsen-Anhalt organisiert mit ihrem Projekt GOEUROPE! seit 2007 regionale Jugendbeteiligungsprozesse im Rahmen des Strukturierten Dialogs. Das Projekt „Europa geht weiter“ verbindet lokale Aktivitäten mit einem landesweiten europäischen Jugendevent. Die Aktivitäten finden in Kooperation mit verschiedenen Ministerien des Landes Sachsen-Anhalt, der Staatskanzlei, dem Landtag, Schulen, Jugendgremien und Jugendarbeit statt. Der kontinuierliche Dialog mit politisch Verantwortlichen sowie die Unterstützung Jugendlicher bei der Teilnahme an den europäischen Konsultationen zum Strukturierten Dialog zeichnen dieses Projekt aus.

europa-geht-weiter.de/

Kommentare

    Bislang gibt es zu diesem Beitrag noch keine Kommentare.

    Kommentar hinzufügen

    Wenn Sie sich einloggen, können Sie einen Kommentar verfassen.