Qualitätsarbeit: Expertengruppe untersuchte QS-Systeme für Jugendarbeit

Im Auftrag der Kommission wird heftig für Qualitätsmanagement geworben – mit Ecken und Kanten.  

„Die Bedeutsamkeit von Jugendarbeit für die europäische und nationale Politik wächst ständig.“ So beginnt das Vorwort zum Bericht der „Expertengruppe für Qualitätssysteme der Jugendarbeit“, der im Titel mit den Worten „Qualität“, „Jugend“ und „Arbeit“ spielt. Das Vorwort markiert damit schon ein Dilemma, das den Bericht durchzieht. Denn die ebenfalls im Vorwort behauptete „starke Motivation zur weiteren Verbesserung“ des Sektors speist sich vor allem „aus der wachsenden Aufmerksamkeit für die Tatsache, dass die gegenwärtigen Ressourcen und die Unterstützung für Jugendarbeit nicht den ständig wachsenden Erwartungen bezüglich quantitativer und qualitativer Ergebnisse nachkommen“.

So scheint nicht die Qualitätsverbesserung der Angebote im Sinne des Wohls von Kindern und Jugendlichen an erster Stelle zu stehen, sondern eher der gegenwärtige gesellschaftspolitische Druck: „Standards und Indikatoren ebenso wie Methoden und Leitfäden werden entwickelt, um die Qualitätsentwicklung zu unterstützen, die es der Jugendarbeit ermöglichen soll, ihre Wirkung und ihren Wert für das Leben junger Menschen und der Gesellschaft zu verbessern und zu beweisen.“

Definitionsbauchweh

Wer sich Gedanken zur Qualität von Jugendarbeit machen will, muss definieren, was er damit meint. Die Autorinnen und Autoren des Berichts, Vertreterinnen und Vertretern aus 21 europäischen Ländern, überwiegend von Ministerien, aber auch Zivilgesellschaft und Kommunen, schicken denn auch zunächst bekannte Auslegungen der Europäischen Union voran, um das „verschwommene Bild“, das Jugendarbeit in der Regel abgebe, zu klären.

Die Arbeitsdefinition ist dann: Jugendarbeit sind „Angebote, die sich an junge Menschen richten, mit Aktivitäten, an denen sie freiwillig teilnehmen und die so gestaltet sind, dass sie deren persönliche und soziale Entwicklung durch nicht formales und informelles Lernen fördern“. Deutlicher wird man bei der Festlegung von „Kernprinzipien“, die zugleich die Leitziele darstellen sollen, die man für ein Qualitätsmanagement definieren muss. Danach sollte Jugendarbeit:

  • als attraktiv wahrgenommen werden, weil sie einen Mehrwert oder Spaß ins Leben bringt,

  • sich an den verschiedenen Bedürfnissen, Interessen und Erfahrungen junger Menschen ausrichten (so wie diese sie wahrnehmen) und inklusiv sein, alle Gruppen junger Menschen adressieren und willkommen heißen,

  • auf Freiwilligkeit und der aktiven Partizipation, dem Engagement und der Verantwortung junger Menschen gründen,

  • eine holistische Perspektive haben und junge Menschen als fähige Individuen mit Ressourcen ansehen sowie die Rechte junger Menschen unterstützen, ihre persönliche und soziale Entwicklung und Autonomie,

  • zusammen mit jungen Menschen gestaltet, durchgeführt und evaluiert werden und auf nicht formalem und informellen Lernen beruhen,

  • eine sichtbare Lernperspektive haben und die Aktivitäten nach klaren Lernzielen gestalten, die für die Beteiligung junger Menschen relevant sind.

Ob diese Definition - als „notwendige Basis und Startpunkt jeglicher Diskussion über die Qualität von Jugendarbeit“ bezeichnet - in allen Teilen konsensfähig ist, sie dahingestellt. Es muss auch die Frage gestellt werden, ob sie nicht vorwegnimmt, was doch auch erst Teil eines Qualitätsmanagements sein könnte: Die Definition eigener Ziele und Profile. Dass diese gesetzt werden müssen, worauf der Bericht eindringlich pocht, um die Maßgabe für Qualität und deren Einlösung im Qualitätsmanagement überprüfen zu können, ist nachvollziehbar.  

Wenn diese dann so aussehen sollten wie die Beispiele, die der Bericht aufführt, könnte man aber auch Qualitätsbauchweh bekommen. Denn diese lesen sich eher wie klassische, politisch gesetzte Zielmarken, wie man sie aus Förderrichtlinien kennt: Die „Zahl der Teilnehmenden“ oder „ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis“ werden als quantitative Qualitätsmerkmale aufgeführt, „verändertes Verhalten (z.B. gegenüber Migranten)“ oder „gewonnenes Wissen (z.B. über die Europäische Union)“ als qualitative, „eine geringere Kriminalitätsrate“ oder „mehr Wahlbeteiligung von Jugendlichen“ als eine Mischung von qualitativen und quantitativen Ansprüchen.

Die im Anschluss daran vorgestellte Systematik eines Qualitätszyklus - Zielformulierung, die Darstellung von Input-, Prozess- und Output-Qualitätssystemen und -Instrumenten, Qualitäts- und Indikatorendefinitionen sowie Instrumente zur Evaluation -  bietet dagegen ein Gerüst, an dem man eigene Qualitätsvorstellungen und -Prüfungen ausrichten kann.

Überblick über Qualitätssysteme

Gut so - denn Jugendarbeit hat Ecken und Kanten. Sie ist vielfältig, auch innerhalb der Mitgliedsländer, schon weil sie jeweils auf die Bedarfe und Interessen von Kinder, Jugendlichen und Gesellschaft reagiert. Auch ihre Outputs und Outcomes entstehen nur in Koproduktion mit den betreffenden Kindern und Jugendlichen. „Top down“-Lösungen wie verordnete Standards und Verfahren sind daher weder opportun noch durchsetzbar, das konstatieren auch die Autorinnen und Autoren des Berichts. „Qualitätsansätze müssen in Kooperation mit allen relevanten Stakeholdern entwickelt werden, mit jungen Menschen im Zentrum“, heißt es dort. Der Bericht gibt deshalb nicht „das eine“ Qualitätssystem vor, sondern präsentiert im Anhang Beispiele (für Formen der Jugendarbeit, für die Formulierung von Indikatoren) sowie einen umfassenden Überblick und eine Stärken-Schwächen-Analyse unterschiedlicher Ansätze von Qualitätstools und Qualitätsmanagementsystemen in den beteiligten Ländern.

Dieser Teil ist einer wahre Fundgrube, die deutlich macht, wie unterschiedlich Qualitätsinstrumente und –verfahren je nach Kontext (Selbstevaluation einer Jugendorganisation oder Qualifikationsprüfung von Jugendzentrumsleitungen oder die Prüfung staatlicher Rahmenvorgaben)  sein können.

So bleibt es auch nach fast 100 Seiten Werbung fürs Qualitätsmanagement bei der Eingangserkenntnis: „Die Bandbreite und Vielfalt (von Jugendarbeit) ist sowohl ihr Reichtum wie ihr Problem“.

(Dr. Helle Becker für JUGEND für Europa)

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