17.11.2010Soziale Integration

Prekäre Abwärtsspirale: Jugend in der Stadt

Die Belgische Ratspräsidentschaft lenkt das Augenmerk auf die Situation der Jugend in problematischen Stadtgebieten.

via Rat der Europäischen Union

Ein düsteres Bild von der Situation Jugendlicher in großstädtischen Gebieten vermittelt ein Papier der Belgischen Ratspräsidentschaft, das diese für eine Diskussion im Jugendministerrat am 19. November 2010 vorlegte.

Ökonomische Krise, Strukturwandel und Migration, heißt es im Papier, verschärfen die Segregationsprozesse in großstädtischen Gebieten. Entlang bestimmter Merkmale wie Einkommen, Bildung, Alter, ethnischer Zugehörigkeit oder Religion verteilen sich bestimmte Bevölkerungsgruppen immer einseitiger auf abgeschlossene Stadtgebiete. Die fehlende Heterogenität der Bevölkerung bringt für diejenigen Gebiete, die geprägt sind von wirtschaftlich und sozial schwächer gestellten Bewohnern, häufig eine Abwärtsspirale, die sich an Armut, einem Mangel an Infrastruktur und sozialem Zusammenhalt ablesen lässt. Gerade Kinder und Jugendliche erfahren nicht selten Gewaltanwendung, Bildungsversagen, Arbeitslosigkeit und die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen.

Vor allem das Thema Gewalt müsse differenzierter betrachtet werden, so im Papier. Jugendliche sind mit vielen Arten von Gewalt konfrontiert: häusliche Gewalt, Gewalt im Zusammenhang mit Drogen oder Trunkenheit, Gewalt in der Schule und im Sport, aggressives Verhalten und Bedrohungen, auch von Erwachsenen und öffentlichen Stellen gegenüber Jugendlichen. Dabei würden Beschwerden von Kindern und Jugendlichen übrigens allzu oft ignoriert. Der so genannten "Jugendgewalt" unterliegen wiederum oft dieselben Muster: Armut, enttäuschte Erwartungen, der Mangel an Perspektiven, an Selbstbewusstsein und Vertrauen in die Umwelt, aber auch die Unsicherheit der Behörden im Umgang damit, Ignoranz, Indifferenz und eben räumliche Abspaltung – Segregation. Die Frage sei also, wie eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts entstehen und wie man Jugendlichen realistische, konkrete Wege aus ihren Problemen eröffnen könne. Dazu zählten vor allem ökonomische Unabhängigkeit, aber auch das Recht "anders zu sein".

Die Ministerinnen und Minister waren aufgerufen, vor allem zwei Fragen zu erörtern, erstens: Wie kann im Rahmen der Erneuerten Jugendstrategie 2010-2018 die Situation der "städtischen Jugend" in Europa reflektiert werden? Welchen Mehrwert schafft in diesem Zusammenhang die Initiative "Jugend in Bewegung"? Und zweitens: Welche Beispiele guter Praxis gibt es in Ihren Städten und Ballungsräumen, die sich an diese jungen Menschen richten?

Drei Minuten hatten die Ministerinnen und Minister in der Ratssitzung jeweils, um eine dieser Fragen zu beantworten. Mehr Zeit wird es auf einem Kongress geben, den die Ratspräsidentschaft am 27. November 2010 in Brüssel ausrichtet. Unter dem Titel "Urban Youth and Europe" werden Jugendliche aus einem großstädtischen Umfeld und Vertreter von Jugendorganisationen aus Spanien, Belgien, Ungarn (dem derzeitigen Dreiervorsitz) und Polen (Erster aus dem folgenden Dreiervorsitz), der Öffentlichkeit ihre Projekte und Ideen vorstellen (Infos auf den Webseiten der Ratspräsidentschaft). Sie werden zusammen mit Politikern aus Belgien und Europa über ihre Nöte, Wünsche und Sehnsüchte und über die 8 Themenbereiche der europäischen Jugendstrategie diskutieren. Gleichzeitig soll der Kongress eine Plattform anbieten, auf der Jugendliche aus unterschiedlichen Stadtvierteln und Stadtteilen die Chance erhalten, ihre Kreativität zu zeigen. Damit hat die Belgische Ratspräsidentschaft zumindest Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt.

Dokumente

  • “Urban” Youth and Europe

    Presidency background paper / Questions for the exchange of view on 19 November 2010, Council of the European Union, 15230/10, Brussels, 28 October 2010
    Dieses PDF-Dokument mit dem Dateinamen "5_innercity.pdf" ist 137,79 kB groß.