"Politik muss uns ernst nehmen"

Hochemotionale Debatten, schmutzige Intrigen, geteilte Euphorie – mit einem Planspiel zur Europawahl haben sich rund 60 junge Politikbegeisterte in Bremen auf die Europawahl vorbereitet. Vier Tage lange schlüpften die Akteure während der Jugendkonferenz "Take V" in die Rollen von Parteien, NGOs, Bürgerinitiativen und Medien. Haupterkenntnis des Verhandlungsmarathons: Politik muss immer wieder neu ausgehandelt werden, Demokratie ist kein Selbstläufer.

Mit dabei auf der Jugendkonferenz: Ousman Drammeh aus Gambia. Der 19-Jährige Flüchtling macht gerade seinen mittleren Schulabschluss in Bremen. Später möchte er eine Ausbildung beginnen, am liebsten als Ergotherapeut.

JfE: Ousman, was war Deine Motivation an dem Event teilzunehmen?

Ousman Drammeh: Ich kannte dieses Projekt zuvor gar nicht, aber der Bremer Jugendring hat mich drauf angesprochen und dann fand ich es sehr interessant. Ich wollte wissen, was dort genau passiert und wie über europäische Politik diskutiert wird.

Welche Rolle hast du ausgefüllt?

Ich war Teilnehmer in einer von drei Bürgerinitiativen. Die hatte den Namen "Die Landläufigen". Das Besondere: Ich war eine Frau (lacht). Ich hatte die Rolle der "Ingrid Keller". Sie war die Fachexpertin der Bürgerinitiative 2.

Was musstest du da genau machen?

Wir sollten unsere eigenen Themen erst mal selbst herausfinden und dann vergleichen. Wichtig war die Frage: Welche Partei hat als Schwerpunkt unsere Themen? Wir hatten zum Beispiel als Hauptthemen "Plastikabschaffung" und "Menschenrechte". Wir sollten dann mit den Parteien reden und uns anschließend fragen: Welche Partei überzeugt uns als Bürgerinitiative? Wir haben auch Plakate gestaltet, etwa mit Sprüchen wie "Plastik abschaffen". Außerdem haben wir einen Fisch gebastelt und ihn mit verschiedenen Gefahren von Plastik für die Umwelt beschriftet.

Wir haben intensive Gespräche mit insgesamt drei Parteien geführt und die je nach Sympathien intensiviert. Ein Herzensthema für mich persönlich sind "Menschenrechte" und dann habe ich vor der Wahl überlegt, welche Partei die mir wichtigsten Themen am besten kombiniert und entsprechend entschieden.

Was hat gut geklappt, was nicht?   

Die kollektive Arbeit hat wirklich sehr gut geklappt. Ich hatte einen netten Kollegen in der Bürgerinitiative und wir haben uns super verstanden. Meine Gruppe war einfach total cool. Und was ich auch richtig gut fand, war, dass die Jugendlichen so viele Ideen über die Europapolitik hatten. Ich habe auch Unterstützung in meiner Rolle bekommen, wenn ich eine Aufgabe nicht gleich verstanden hatte. Am besten gefiel mir, wie Parteien, NGOs, Bürgerinitiativen und Medien ihre Meetings gemacht haben. Man traf sich auf dem Marktplatz, tauschte sich aus, stritt sich, usw. Das war wirklich wie in der Politik.

Als die echten Politiker dann noch zu Besuch kamen, habe ich viel besser verstanden, wie Politik funktioniert. Denn Politik heißt nicht, dass ich nur eine Meinung präsentieren und vertreten muss, sondern man muss auch wirklich darüber nachdenken, was danach mit den Ideen passiert. Man kann nicht nur Plastik abschaffen, man muss auch gute Lösungen zum Ersatz von Plastik finden. Nur so lässt sich etwas verbessern. Geklappt hat also eigentlich alles, einziger Wermutstropfen: Das Planspiel war einfach zu schnell vorbei

Gab es ein konkretes Ergebnis?

Ja. Die Partei, die gewonnen hat, war aber nicht meine erste Wahl. Und jetzt sehe ich genau, was das Problem von Politik ist. Jeder will nur seine Themen wählen, aber wir schauen nicht wirklich, was dahintersteckt. Wir wählen automatisch die Partei, die unsere Themen nennt, ohne zu überprüfen, ob sie sich wirklich Gedanken zu besseren Lösungen gemacht hat. Gleichzeitig wählen die Parteien Themen aus, von denen sie wissen, dass sie die Leute leicht überzeugen. Auf der Pressekonferenz gab es einen Parteichef, der hat mit dem Herzen geredet - plus Gehirn natürlich – das war zumindest mein Eindruck und das hat mir sehr gut gefallen. In ihm sah ich jemanden, der mit seinem Herzen die Menschen ernst nahm und der ehrlich versucht hat, Gutes zu tun. Dieser Parteichef hat die Wahl aber leider nicht gewonnen.

Schockiert hat mich am Ende, wie parteiisch die Medien waren. Der aktivste Journalist war letztendlich für die Sieger-Partei und hat mit ihnen auf der Wahlparty gefeiert. Dass er davor den anderen Parteien immer extra blöde Fragen gestellt hat, ist mir während des Planspiels gar nicht so aufgefallen. Erst am Ende und dann war ich umso schockierter.

Wie schaust du nach dem Planspiel auf die Europawahl?

Ich darf leider nicht wählen, weil ich Geflüchteter bin. Aber ich fände es definitiv toll, eine Chance zu haben und zur Wahl zu gehen. Dann würde ich mir auch mehr Mühe für die Politik machen. In meiner Heimat ist Korruption ein großes Problem. Da hat man natürlich eine sehr negative Meinung zu Politikern und ist schnell von ihnen genervt. Als ich meine Heimat verlassen habe, war ich aber auch noch gar nicht wahlberechtigt. Könnte ich jetzt für die Europawahl wählen gehen, würde ich das auf alle Fälle tun und für eine Partei stimmen, die Geflüchteten politische Teilhabe und Wahlrechte ermöglicht. Das fände ich super.

Wie würdest du Menschen überzeugen, wählen zu gehen?

Darüber habe ich auch viel in meiner Heimat mit Menschen gesprochen und ich habe immer versucht, Nicht-Wähler zum Wählen zu motivieren. Wenn ich wähle, habe ich das Recht zu sagen: Wir haben die Partei für dies und das gewählt und wenn wir darin nicht ernst genommen werden, dann gehen wir demonstrieren. Wenn gar nichts klappt, ist das auch ein bisschen meine Verantwortung als Wähler und dann vergleiche ich neu, welche Partei zu der Gesellschaft, in der ich lebe, am besten passt. Oft habe ich leider das Gefühl, dass Politiker uns nur ausnutzen. Das demotiviert mich. Ich will Politiker, die sich ehrlich an unsere Seite stellen und verstehen, wo unsere Probleme liegen.

Was interessiert dich politisch besonders?

Ich bin jemand, der sich für Menschenrechte interessiert. Das Wort "politisch" ist nicht eindeutig zu definieren. Für mich heißt "politisch", zu versuchen, etwas zu verbessern. Auch in der Familie macht man Politik, indem man zum Beispiel versucht, die Situation seiner Familie zu verbessern. Die Politiker müssen verstehen: Wir nehmen sie ernst und im Gegenzug müssen sie uns ernst nehmen. Wir brauchen Repräsentanten, die zuhören und sich für ihr Land und die Menschen dort verantwortlich fühlen

Was regt dich in der Politik besonders auf?

Internationale Machtkämpfe finde ich besonders schlimm. Man muss Partnerschaften bilden. Ich denke da an die Europäische Union. Viele Dinge sind dadurch für Europäer einfacher geworden, in Afrika gibt es so etwas nicht. Manche sagen ECOWAS wäre vergleichbar, aber das ist nur ein leerer Name. Wenn Leute nach Mali von Gambia aus fahren, müssen sie ihren Personalausweis zeigen und etwas bezahlen - und das ist ja immer noch Westafrika (ECOWAS).

Das Gleiche passiert, wenn man nach Burkina Faso fährt. Nur zwischen Gambia und Senegal gibt es das nicht. Sobald man etwas bezahlen muss, kann man sich nicht frei bewegen. Und das ist falsch. Wenn alle Politiker aus dieser Welt einfach EINE Welt ohne Grenzen machen würden, wäre das perfekt. Aber die Politiker wollen nur zeigen: Sie repräsentieren das beste Land. Und so werden die Probleme dieser Welt nie gelöst werden. Leider.

(Das Interview führte Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa / Foto mit freundlicher Genehmigung des Bremer Jugendringes)

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Weiterführende Informationen

Link: Die Jugendkonferenz "Take V" wurde organisiert vom Bremer Jugendring. Mehr Informationen zu dem Event gibt es unter www.take-v.eu.

Link: Gefördert wurde das Projekt über die Leitaktion 3 des EU-Programms Erasmus+ JUGEND IN AKTION. Alle Informationen hierzu finden Sie auf unserer Programmseite zu Erasmus+ JUGEND IN AKTION...

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