Ohne meinen Bundestag sag' ich nichts: Jugendaustausch für den Tourismus von morgen?

Bundestagsabgeordnete der CDU/CSU und der SPD haben einen Antrag eingebracht, in dem sie fordern, "Tourismuskooperation und Jugendaustausch mit den neuen EU-Staaten" zu fördern. Kritische Stimmen aus den Verbänden.

via Deutscher Bundestag / JUGEND für Europa

Der Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages hatte die Erfahrungen von grenzübergreifenden Tourismuskooperationen am 23. April 2008 in einer Anhörung thematisiert und zusammengetragen. Als Ergebnis der Anhörung hält der Antrag die Forderung nach mehr "Tourismuskooperation" fest. In diese Forderung wird auch der Jugendaustausch eingereiht: "Eine grenzübergreifende Zusammenarbeit im Bereich der Jugendpolitik ist auch für Deutschland als Wirtschafts- und Tourismusstandort bedeutsam, weil die deutsche Wirtschaft von guten Kontakten mit den neuen EU-Staaten profitiert und Jugendliche aus diesen Staaten, die im Rahmen eines Austauschs Deutschland besuchen und kennen lernen, eine positive Beziehung zu unserem Land aufbauen und später häufig als Touristen wiederkehren." Als Beleg für die Nachhaltigkeit des internationalen Jugendaustauschs wird umfassend die Studie "Langzeitwirkungen der Teilnahme an internationalen Jugendbewegungen auf die Persönlichkeitsentwicklung der TeilnehmerInnen" der Universität Regensburg zitiert.

Der Antrag der Bundestagsabgeordneten von CDU/CSU und SPD leitet dabei seine Forderungen nicht aus pädagogischen Gründen, sondern aus der Tatsache ab, dass die neuen EU-Mitgliedsländer durch ihr wirtschaftliches Wachstum in den vergangenen Jahren "als Quellmarkt für den Deutschlandtourismus" interessant geworden sind. "Es liegt im Interesse Deutschlands und der Länder Bayern, Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, grenzübergreifende Kooperationen im Tourismusbereich zu fördern und Marketingmittel zu bündeln, um gemeinsam eine größere Außenwirkung zu erzielen."

Forderungen

In der Liste von 21 Forderungen beziehen sich 12 auf den internationalen Jugendaustausch. Beispielweise fordern die Abgeordneten von der Bundesregierung,

  • die nationalen Austauschprogramme mit den neuen EU-Staaten kontinuierlich weiterzuentwickeln sowie zusätzlich neue Austauschprogramme mit den noch nicht zur EU gehörenden Staaten Südosteuropas (Kroatien, Serbien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Albanien, Montenegro, Kosovo) zu initiieren;
  • die bereits bestehende Förderung des Jugendaustausches mit den neuen EU-Mitgliedsstaaten weiterhin angemessen mit finanziellen Mitteln auszustatten;
  • sich dafür einzusetzen, dass sich die Anzahl der Freiwilligen in gesetzlich geregelten grenzüberschreitenden Freiwilligendiensten erhöht und das freiwillige Jahr und die Freiwilligendienste ausgebaut werden;
  • bei den Ländern darauf hinzuwirken, dass die Bedeutung von Besuchen der Gedenkstätten an die Opfer des Nationalsozialismus in Polen, Tschechien und anderen Staaten durch deutsche Schulen und Jugendgruppen noch stärker unterstützt wird;
  • den mit der Einführung des Programms für lebenslanges Lernen im Jahr 2007 erfolgten Ausbau der EU-Förderung der Programme Leonardo da Vinci, Erasmus, Comenius und Grundtvig sowie das EU-Programm JUGEND IN AKTION an Schulen, Berufsbildungseinrichtungen, Hochschulen und Erwachsenenbildungseinrichtungen bekannt zu machen.
Lothar Harles (aksb), Vorsitzender von IJAB: Antrag ist auf den "zweiten Blick" konsequent

Die zunächst irritierende Verbindung des Antrags von Tourismus und Jugendaustausch – "weil eigentlich die Bildungsaspekte und die Idee der Völkerverständigung im Vordergrund stehen sollten" - findet Lothar Harles (aksb), Vorsitzender von IJAB, "auf den zweiten Blick" konsequent: "Während des Zukunftskongresses von IJAB im Juni letzten Jahres wurde vielfach gefordert, dass internationale Jugendpolitik in den Zusammenhang mit anderen Politiken gestellt werden muss. Der Bundestagsantrag ist ein Beispiel dafür, was alles davon berührt wird, wenn man Kontakte mit dem Ausland sucht." Er hält es für beruhigend, dass auch beim Thema Tourismus und Wirtschaft die Inhalte des Jugendaustausches nicht zu kurz kommen. Im Übrigen käme "die hervorragende Studie zu den Langzeitwirkungen internationaler Begegnungen zu Ehren einer Bundestagsdrucksache". Allerdings renne der Antrag in einer Reihe von Punkten offene Türen ein. An anderen Stellen seien "die Erwartungen an die vorgeschlagenen Maßnahmen einfach zu hoch geschraubt und es geht auch um zu viele Themen. Manchmal werden die falschen Akteure angesprochen, weil die Handelskammern, die Unis und die KMK nicht vorkommen. Wer genau hinschaut, wird aber auch eine Reihe von Anregungen finden, die einen Beitrag zur Verbesserung der internationalen Beziehungen Deutschlands leisten können."

Pirker (AdB): Parlamentarier und BMFSFJ sollten verstärkt Rücksprache halten

Ähnlich argumentiert Georg Pirker, internationaler Referent beim Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB). Er war vorher Referent bei Tandem, dem Koordinierungszentrum für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch. Aus Sicht des AdB sei die Intensivierung des Jugendaustausches mit den neuen EU-Mitgliedsstaaten und speziell mit den ehemaligen jugoslawischen Republiken sehr zu begrüßen, "vor allem weil es bei diesen über eine lange Gastabeitergeschichte ein riesiges Anknüpfungsfeld für die politische Bildungsarbeit gibt." Anliegen der politischen Bildungsarbeit wie Gedenkstättenarbeit und Erinnerungsarbeit an die Opfer des Nationalsozialismus in Mittel- und Südosteuropa sollten noch viel stärkere Unterstützung erfahren, speziell in der Kooperation mit den jugoslawischen Nachfolgestaaten. Der AdB frage sich an dieser Stelle allerdings, „wie der Antrag mit den aktuellen Planungen des BMFSFJ zusammengehen soll, die ja eine deutliche Verengung auf Kernländer und wenige Lernfelder zum Ziel haben. Wir möchten anregen, dass die Parlamentarier mit der internationalen Jugendarbeit im Jugendministerium hierzu verstärkt Rücksprache halten.“

So ganz glücklich ist auch Pirker mit der Verknüpfung von Tourismus und Jugendaustausch nicht: „Jugendreisen- und Ausbildungskooperationen sind nicht gleichzusetzen mit Jugendaustausch! Internationale Jugendbegegnungen haben generell Unterstützungsbedarf. Sie finden im Bereich der politischen Bildung im Rahmen pädagogisch begleiteter Settings statt, die mit der vorhandenen KJP-Förderung längst an ihre finanziellen Grenzen stößt. Gerade um gesellschaftlich 'benachteiligte bzw. besonders förderungswürdige' Gruppen an Austauschen so teilhaben lassen zu können, dass sie davon in ihrer persönlichen Entwicklung profitieren, bedarf es einer deutlichen Aufstockung von Betreuungsschlüsseln und Fördermitteln, die derzeit nicht ersichtlich ist.“

Jugendaustausch sei so gesehen auch mehr als Völkerverständigung. "Jugendaustausch ist ein entscheidendes und umfassendes Feld für Kompetenzerwerb - die Nachweise International sind hier ein vom Bund mitentwickeltes Instrument - auch und gerade für die deutschen Teilnehmenden."

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