"Noch viel zu tun in den italienischen Regionen"

Ein Interview mit Giusy Rossi. Die Italienerin arbeitet als Jugendkulturmanagerin in der 50.000-Einwohner-Gemeinde Scandicci in der Provinz Florenz.

Frau Rossi, Sie sind für das öffentliche Kulturinstitut „Scandicci Cultura“ tätig. Können Sie uns einen kleinen Einblick geben, welche Rolle die Europäische Jugendpolitik in Ihrer Gemeinde bzw. in der Region Toskana derzeit spielt?

Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Die Autonomie der Regionen ist bei uns immer schon ein kontroverses Thema gewesen. Es gibt viele Menschen, die dem Staat grundsätzlich misstrauen – sei es nun auf staatlicher, regionaler oder lokaler Ebene. Wenn Sie mich fragen, sind institutionelle Reformen in Italien überfällig. Die Bürokratie muss abgebaut, die öffentliche Verwaltung effektiver gestaltet werden. Nur so können die Regionen auch ermutigt werden, eine aktivere und führende Rolle in der Jugendpolitik zu spielen.

Wie läuft die Umsetzung der Strategie in Italien denn konkret?

An oberster Stelle steht bei uns das Jugendministerium. Es überwacht und bestimmt, wie die Strategie im Land umgesetzt werden soll. Geht es um Jugendpolitik, steht das Ministerium in ständigem Austausch mit anderen Ministerien, der Nationalagentur sowie Regionen, Provinzen und Gemeinden. Mit allen Regionsregierungen sind Zielvereinbarungen getroffen worden, die so genannten „Framework Programme Agreements“. Ziel ist es, die Teilhabe junger Menschen im öffentlichen Leben zu stärken, ihre Selbstbestimmung als aktive Bürger zu fördern und den Strukturierten Dialog auszubauen. Jede Region kann innerhalb der Ziele der EU-Jugendstrategie aber auch eigene Schwerpunkte setzen.

Wie sieht das in der Region Toskana aus?

Unsere Region hat im Juni 2011 das Projekt „GiovaniSI“ ("Ja zur Jugend" www.giovanisi.it) auf den Weg gebracht. Damit sollen junge Menschen beim Übergang ins Erwachsenenalter und Erwerbsleben besser unterstützt werden. Hauptzielgruppe sind junge Frauen und Männer zwischen 18 und 40 Jahren. Eine große Altersspanne, aber bei uns in der Region stehen die Menschen auch vor großen Schwierigkeiten. Es gibt zu wenige Jobs und gute Praktika, qualifizierte Trainings- und Fortbildungsprogramme fehlen und dann haben viele noch ein ganz anderes Problem: Sie wollen endlich auf eigenen Beinen stehen. Weil das Geld aber fehlt, müssen sie zu Hause wohnen bleiben.

Was erwarten Sie selbst von der EU-Jugendstrategie?

Wir müssen jetzt den nächsten Schritt machen. Natürlich gibt es schon junge Menschen, für die Europa als Ganzes längst schon wie selbstverständlich zum Leben dazu gehört. Wegen ihrer Eigeninitiative und weil sie genügend Unterstützung erfahren. Das ist aber immer noch eine Minderheit. Ich möchte, dass alle jungen Menschen irgendwann mal eine Auslandserfahrung machen können. Egal, aus welchen Verhältnissen sie kommen und ob sie nun in einem anderen Land studieren, arbeiten oder einfach mal so im Ausland neue Erfahrungen sammeln wollen. Hier sehe ich die Regionen künftig stärker in der Verantwortung.

Hat Ihnen die Konferenz in Potsdam da neue Erkenntnisse gebracht?

Auf jeden Fall. Ich bewundere immer wieder diese deutsche Herangehensweise an solche Fragestellungen. Die Fähigkeit, Daten, Projekte und Ziele auch mal über einen längeren Zeitraum zu analysieren. Da können wir Italiener noch eine Menge lernen. Schauen Sie sich unsere Regierungen an. Da wechseln staatliche Zielvorgaben so schnell, da kommt kaum noch jemand hinterher. Trotz dieser Widrigkeiten gehören die meisten von uns aber zu den glühendsten Verfechtern Europas. Zumindest darauf kann man stolz sein.

(Das Interview führte Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa)

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