Nichts kommt von allein: Benachteiligte Jugendliche in Auslandspraktika

Eine Studie untersuchte den Nutzen von transnationalen Mobilitätsprojekten im Programm LEONARDO DA VINCI für sozial benachteiligte Auszubildende. Ergebnis: Nur bei ausreichender Betreuung kommt was dabei rum. 

Auslandsaufenthalte zu Lernzwecken werden von europäischer und nationaler Politik als nahezu unverzichtbare Bildungsgelegenheit gepriesen. Deswegen beschlossen die Bildungsminister im November 2011, dass mindestens 20% der Absolventen höherer Bildungsgänge und mindestens 6% der 18- bis 34Jährigen in der Beruflichen Bildung einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland absolvieren sollten. Der EU-Kommission schwebte als Mobilitäts-Benchmark für nicht-formale Zusammenhänge gar eine Marge von 30% aller 15- bis 34Jährigen vor (vgl. NEWS). Tatsächlich nutzen nur wenige junge Menschen während ihrer beruflichen Erstausbildung die Chance, Berufserfahrung im Ausland zu sammeln. Im Jahr 2006 verbrachte in den meisten Ländern der Europäischen Union weniger als 1% der während ihrer Berufsausbildung einen Teil im Ausland (vgl. NEWS).

Im Auftrag der Nationalen Agentur ‚Bildung für Europa’ beim Bundesinstitut für Berufsbildung hat die GIB – Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung mbH – die Frage untersucht, welchen Nutzen Auszubildende in außerbetrieblichen Einrichtungen, die als sozial benachteiligt gelten können, aus der Teilnahme an transnationalen Mobilitätsprojekten im LEONARDO DA VINCI-Programm ziehen können. Kern der Untersuchung war eine Befragung der Jugendlichen nach ihren subjektiven Erfahrungen und Kompetenzzuwächsen, die durch konkrete emotionale Erlebnisse im Praktikum ermöglicht wurden. Gegenübergestellt wurden die Erfahrungen von Jugendlichen, die ein Inlandspraktikum absolviert hatten.

Kompetenzzuwachs erwiesen...

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass sich die Kompetenzen der Jugendlichen während der Auslandspraktika positiv entwickeln. In der Regel kann von Überforderung nicht die Rede sein. Dies war eine der Ausgangsvermutungen gewesen. Allerdings lernen sie sowohl nach eigener Einschätzung wie aus der Sicht der sie betreuenden Experten in einem Auslandspraktikum ebenso viel wie in einem Inlandspraktikum: Insgesamt waren die Kompetenzzuwächse in beiden Befragtengruppen ähnlich hoch – in Bezug auf einige nicht-fachliche Einzelkompetenzen ist der Kompetenzzuwachs der Auslands-Jugendlichen allerdings höher. Besonders auffällig und statistisch signifikant waren Kompetenzzuwächse bei der Teamfähigkeit der Jugendlichen.

Allerdings sind die Erfahrungen nicht unbedingt nachhaltig. So schwächen sich die deutlichsten Verbesserungen, die sich auch in einer erhöhten Motivation für die Ausbildung äußern, nach einem halben Jahr wieder ab. Die Autoren der Studie schließen daraus, dass „eine besonders strukturierte, intensive und längerfristige Nachbereitung der Auslandserfahrungen nötig“ sei. Vielleicht hat dies aber auch mit den Erfahrungen der Jugendlichen in der laufenden Ausbildung zu tun. Denn die Untersuchung zeigt auch, dass Kompetenzzuwächse offenbar weitaus häufiger durch positive als durch negative Erlebnisse entstehen. Was sich banal anhört, kennzeichnet den speziellen pädagogischen, ressourcenorientierten Zugang der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit. So zeigt sich auch In den qualitativen Interviews mit Projektträgern, dass diese dieses Prinzip bereits größtenteils berücksichtigen. Ihr pädagogisches Handeln zeichnet sich laut Studie „u.a. durch das Sichtbarmachen von Kompetenzen, durch viel positive Bestätigung und durch Geduld aus“.

...Beschäftigungsfähigkeit zweifelhaft

Oft beschworen wird die Erwartung, dass die durch das Auslandspraktikum erhöhten Kompetenzen der sozial benachteiligten Jugendlichen auch deren Beschäftigungsfähigkeit verbessern. Dies mag stimmen, ist aber nicht gleich zu setzen mit einer erhöhten Vermittelbarkeit. Die interviewten Sozialpädagoginnen, Ausbilder und Betriebe jedenfalls sahen hier keinen Zusammenhang. Dies ist auf ein ganzes Bündel von Gründen zurückzuführen. Zunächst sind die Auslandspraktika aus Sicht der befragten Betriebe in der Regel zu kurz, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Kurze Auslandsaufenthalte sind kaum „vermarktungsfähig“. Zudem spielen Auslandserfahrungen für die Mehrheit der befragten Betriebe keine große oder überhaupt keine Rolle. Auch Betrieben, die im Interview die Bedeutung von nicht-fachlichen Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Disziplin usw. für Einstellungsentscheidungen betonten, war der Nutzen der Auslandspraktika häufig nicht bewusst. Bei vielen Betrieben besteht die Auffassung, dass solche Praktika sowieso eher den Charakter einer Klassenfahrt haben.

Erheblicher personeller Aufwand nötig

Wirkungsvoll scheint es dagegen zu sein, wenn Projektträger oder Jugendliche das Auslandspraktikum aktiv zu „Werbezwecken“ nutzen, entweder indem der Träger Betriebe hierüber informiert oder indem die Jugendlichen daraufhin trainiert werden, das Praktikum positiv darzustellen. Zum einen muss den Jugendlichen deutlich sein, was genau sie geleistet und gelernt haben, zum anderen sollte auch häufiger trainiert werden, dies gegenüber einem Arbeitgeber darzustellen. Die schriftliche Dokumentation des Praktikums ist allein nicht ausreichend. Die Ziele des Auslandspraktikums sollten den Jugendlichen deutlich kommuniziert werden, und die Projektträger sollten Arbeitsagenturen und Jobcenter regelmäßig über von ihnen organisierte Auslandspraktika und deren Nutzen informieren.

Aber all das kommt nicht von allein: Sowohl ein erfolgreiches Praktikum wie auch seine nachträgliche „Vermarktung“ sind abhängig von einer intensiven Vor- und Nachbereitung der benachteiligten Jugendlichen durch die Projektträger. Deswegen lautet die letzte Schlussfolgerung der Wissenschaftler: „Nicht zuletzt sollte sichergestellt sein, dass ausreichend Mittel für die intensive Arbeit mit den Jugendlichen zur Verfügung steht. Dass Auslandspraktika auch für sozial benachteiligte Jugendliche sinnvoll sind, hat diese Studie gezeigt; damit die Praktika auch langfristig nutzbar sind, ist jedoch ein erheblicher personeller Aufwand nötig.“

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