„Müssen uns proaktiv einbringen“

Es ist einiges in Bewegung, was das Europäische Solidaritätskorps anbelangt: Manche Aspekte sind klarer geworden, werden nun positiver bewertet als noch vor sechs Monaten, andere wiederum sind immer noch sehr vage und stehen in der Kritik. Lisi Maier, Vorsitzende vom Deutschen Bundesjugendring (DBJR), über die Knackpunkte und was die EU-Jugendstrategie aus ihrer Sicht damit zu tun hat.

Lisi Maier vom Deutschen Bundesjugendring

JUGEND für Europa: Frau Maier, der DBJR hat ja schon in der Vergangenheit Kritik am Europäischen Solidaritätskorps geübt – was sind die Punkte, die euch momentan beschäftigen?

Lisi Maier: Wir sehen das Thema natürlich sehr stark aus einer Perspektive deutscher Jugendverbände und Trägerorganisationen von Freiwilligendiensten, sind aber natürlich auch im europäischen Austausch mit unseren Partnern. Während in den Ländern, wo bislang noch kein Freiwilligendienst existiert die Jugendverbände die Chance sehen in die Rolle von Trägern für Freiwilligendienste zu kommen, sehen wir aus Ländern, die schon Jugendfreiwilligendienste kennen, kritisch, dass die Qualitätsansprüche des zivilgesellschaftlich getragenen Freiwilligendienst die man bisher hat, mit guter Bildungsarbeit, Begleitungsstrukturen und Rückkehrendenangeboten, die von den zivilgesellschaftlichen Trägern gemacht werden, verwässert und verschlechtert werden.

JfE: Das klingt schon nicht mehr ganz so kritisch wie noch am Anfang des Jahres.  

Maier: Naja, der politische Prozess ist ja mittlerweile auch weiter fortgeschritten und wir gestalten diesen auch weiter konstruktiv mit. Zu Beginn hatten wir klar das Gefühl, dass das ein Schnellschuss ist: Auf einmal gibt es den Stern ESK am Himmel und all das, was wir in der EU-Jugendstrategie perspektivisch für nach 2018 erarbeitet haben gerät aus dem Fokus, wird quasi überstrahlt. Die Befürchtung, dass die Formate die wir dort weiterentwickelt haben und die konkreten Verbesserungsvorschläge, nicht ganz so spannend und medienwirksam sind und eher als Randprogramm gesehen werden, gibt es immer noch. Aus dem Erasmus+ Programm nimmt man nun mit dem ESK einen großen Anteil heraus und es wäre durchaus möglich, dass der non-formale Bildungsbereich dadurch geschwächt werden kann und zum Beispiel Gruppen- oder Fachkräfteaustausche an Relevanz verlieren. Gar nicht verstehen wir, wie man den Projekten im ESK so stark Solidarität zuschreibt, den Gruppenaustauschen oder Workcamps aber nicht. Und auch jetzt, nach der Veranstaltung, ist mir noch nicht klar, welche Formate Teil des ESK und welche noch Teil von Erasmus+ JUGEND IN AKTION sind.

JfE: In der Podiumsdiskussion hast du gefragt, was genau an den Arbeits- und Praktikastellen solidarisch sein soll. Was seht ihr an dem Beschäftigungszweig kritisch?

Maier: Wir sehen die Gefahr, dass vieles einer Verwertbarkeitslogik unterworfen wird: Die letzten Jahre haben jedoch gezeigt, dass der alleinige Fokus auf die berufliche Perspektive junger Menschen und nur die Beschäftigungsfähigkeit als Ziel zu haben, uns ja nicht weiter gebracht hat – junge Menschen definieren sich über mehr als ihre Arbeitskraft. Zudem sind die Nationalagenturen diesbezüglich vielleicht auch nicht der beste Ansprechpartner. Uns ist nicht klar, was für Beschäftigungsformate das sind und wie sie sich gegenüber anderen EU-Arbeitsmarktprogrammen abgrenzen sollen. Und auch um die Arbeitsmarktneutralität zu gewährleisten halten wir eine strikte Trennung zwischen Arbeits- und Freiwilligenangeboten mit unterschiedlichen Qualitätsansprüchen für unabdingbar.

JfE: Was bekommt ihr denn an Rückmeldungen von euren Organisationen nachdem sich manches geklärt hat, vielleicht auch vor dem Hintergrund der verstärkten Flexibilität und Inklusivität was Einsatzdauer und Inlandseinsätze angeht?

Maier: Die aktuelle Definition von Freiwilligeneinsätzen entspricht nicht unbedingt der Realität. Zudem ist es denjenigen, die bislang EFD-Einsatzstelle oder Entsendeorganisation waren, wichtig, dass ihre Kooperationen über die 28 Mitgliedsstaaten der EU hinaus weiter bestehen können und nicht – wie im ESK vorgesehen– nur zwischen den EU28. Das sind Strukturen in denen oftmals seit Jahren zusammengearbeitet wird, dann mit ihnen zu brechen und die Kooperation womöglich in fünf Jahren wieder versuchen aufzubauen, wenn die Förderung dann vielleicht wieder möglich ist, wäre fatal. Es gibt einige Organisationen, die das ESK interessant finden, um noch mehr zu machen, aber das hängt auch von der finalen Fassung des Rechtstextes ab. Und die Organisationen fragen sich natürlich auch, was die Rolle der Entsendeorganisationen ist.

JfE: Und was die Inklusivität angeht?

Maier: Bezüglich Inklusion ist es nicht nur wichtig, dass es zusätzliche Mittel gibt. Die Erfahrung aus den nationalen Formaten hat uns auch gezeigt, dass Geld alleine nicht reicht: Da war es so, dass es viele Einsatzstellen dann nicht abgerufen haben wegen des administrativen Mehraufwands und weil die Jugendlichen durch das Verfahren stigmatisiert worden wären. Da muss man unbedingt schauen, dass der administrative Aufwand zur Beantragung der zusätzlichen Gelder nicht zu hoch ist und auch keine Stigmatisierung der Freiwilligendienstleistenden mit Inklusionsbedarf entsteht. Zudem reicht ein Online-Portal nicht aus, persönliche pädagogische Betreuung und Begleitung ist nicht nur bei der Inklusion von benachteiligten jungen Menschen wichtig.

JfE: Bis Ende des Jahres können noch Punkte in den Rechtstext eingebracht werden – was ist euch da besonders wichtig?

Maier: Im Vergleich zu anderen Verfahren war unser Eindruck schon, dass die Kommission das ESK „durchgedrückt“ hat, sodass wir nicht so viel Einwirkungsmöglichkeiten hatten, weil es schon verabschiedet war, bevor es in den parlamentarischen Raum gegangen ist. Das hatte schon einen etwas faden Beigeschmack und ist kein transparentes Verfahren– auch im Vergleich zur Jugendstrategie, wo wir uns deutlich und stark einbringen. Wir haben Positionen verabschiedet um unsere Punkte in die Gremien zu tragen, aber da muss es auch ein offenes Ohr geben. Wir hoffen, dass das Europäische Jugendforum ganz konkret in Brüssel - gerade bei der Trennung von Arbeit und Freiwilligeneinsatz oder bei der Rolle der Nationalagenturen - mitgestalten kann und wir auf der nationalen Ebene den Nationalagenturen und Ministerien unsere Punkte mitgeben können. In beiden Fällen sollte ein Co-Management-Mechanismus, also eine verbindliche Beteiligung der Zivilgesellschaft in der Programmsteuerung im Rechtstext festgeschrieben werden.

JfE: Und inhaltlich?

Maier: Zum einen der Lerndienstcharakter: Herr France von der Kommission hat gesagt, dass Onlineportale, Apps und Onlinesprachekurse im ESK nur ein zusätzliches Angebot neben der persönlichen Begleitungs- und Betreuungsarbeit sind – das steht aber so nicht im Rechtstext drin. Da muss auf jeden Fall noch die Seminararbeit der Träger verankert werden: Online kann unterstützend sein – nur online ist aber nicht ausreichend. Es braucht eine klar verankerte Bildungs-, Begleitungs- und Rückkehrendenarbeit – die kostet Geld, ist aber wichtig! Wichtig ist uns auch, dass es eine gute EU-Jugendstrategie nach 2018 gibt, dass die Aufmerksamkeit auch dahin geht. Da sind noch so viele offene Fragen, die geklärt werden müssen, damit die Organisationen Klarheit haben. Ich nehme auf jeden Fall für mich mit, das wir als zivilgesellschaftliche Organisationen und als Trägerstrukturen nochmal proaktiv auf die entsprechen Stellen zugehen müssen – alles ist im Fluss, und da müssen wir mit am Tisch sitzen und unsere Positionen einbringen.

Das Interview führte Lisa Brüßler im Auftrag von JUGEND für Europa
Foto: Lisa Brüßler, Berlin

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