Mehr als nur „bildungsbenachteiligt“: Roma-Kinder

Eine Studie zeigt die Diskriminierungen der Kinder von Roma in der EU im Bildungsbereich. Strukturelle Probleme sowie ein feststellbares Datendefizit erfordern effektiveren rechtlichen Schutz für die Betroffenen.

via European Union Agency for Fundamental Rights (FRA), euractiv.com

Im Rahmen des Förderprogramms gegen Diskriminierung hat das Europäische Netzwerk von Rechtsexperten im Bereich Nicht-Diskriminierung (European Network of Legal Experts in the non-discrimination field) einen Bericht zur Diskriminierung von Roma-Kindern im Bildungsbereich erstellt.

Die Diskriminierung von Roma und insbesondere die der Kinder, so stellt Lilla Farkas in ihrem Bericht fest, ist eines der drängendsten sozialen und Menschenrechts-Probleme in der Europäischen Union. Roma leben in fast allen EU-Staaten und überall sind sie mit diskriminierenden Lebensumständen konfrontiert. Dabei stellen sie insofern eine besondere Gruppe dar, als sie stärker als andere unter extremer Armut und Mangel leiden. Außerdem leben sie häufig in ärmlichen Randgebieten.

Die Situation der Kinder lässt sich besonders an deren Bildungsarmut festmachen. In den neuen EU-Mitgliedstaaten ist eine Aus- und Abgrenzung der Kinder innerhalb der Schule zu beobachten, zum Beispiel in eigenen Klassen oder anhand eigener Curricula innerhalb einer Klasse. Die ethnische Diskriminierung innerhalb des Bildungssystems hat drei Ursachen: das Leben in abgegrenzten Wohngebieten, inadäquate psychologische Tests, die dazu führen, dass Roma-Kinder unbegründet in Förderschulen untergebracht werden, und kulturelle wie ökonomische Gründe wie zum Beispiel konfessionelle Schulen oder Schulgeld für private Schulen, das nicht aufgebracht werden kann. Die individuelle Ausgrenzung, zum Beispiel durch (vermeintlichen) Unterricht zuhause –in manchen alten Mitgliedsländern gestützt durch Ausnahme-Erlasse -, ist ebenfalls weit verbreitet. In den alten Mitgliedstaaten zeigt sich das Problem der Bildungsbenachteiligung von Roma Kindern vor allem an der Anzahl der Schulabwesenheit und des Schulabbruchs – auch diese eine Folge der mangelnden Zugeständnisse des Bildungssystems an die Bedürfnisse von Roma Kindern.

Der Report „Ausgrenzung von Roma Kindern im Bildungsbereich – Struktureller Diskriminierung durch die Rassengleichheits-Richtlinie begegnen“ zeigt vor allem die strukturellen Hindernisse auf und differenziert dabei die Situation in den verschiedenen EU-Mitgliedsländern. Er analysiert, ob die jeweiligen Bildungsangebote alle Arten und Level gemäß des „4A-Schemas“ des Wirtschafts- und Sozialrats der Vereinten Nationen und der UNESCO (UNESCO-ECOSOC-Expertengruppe) einschließen. Nach dieser Definition besitzt das Recht auf Bildung vier entscheidende und vor allem empirisch überprüfbare Komponenten: die Verfügbarkeit von Bildung (availability), die Zugänglichkeit von Bildung (access), die Eignung von Bildung (acceptability) und die Anpassbarkeit von Bildung (adaptability).

Er geht dabei auch auf die rechtliche Beurteilung (vermeintlich) privater und öffentlicher Angelegenheiten ein. So werden individuelle Unterschiede in der Privatsphäre in der Regel toleriert, während für den öffentlichen Bereich, darunter fällt auch der formale Bildungsbereich, Konformität erwartet wird. Er plädiert dafür, die EU-Richtlinie zur Rassengleichheit (Racial Equality Directive, RED) verstärkt anzuwenden und vor den nationalen wie vor dem Europäischen Gerichtshof einzubringen. Nicht alle Probleme sind jedoch „Justiziabel“. So bleibt erheblicher politischer Handlungsbedarf. Unter anderem verlangt die Studie eine einheitliche europäische Definition der Bevölkerungsgruppe der Roma, die alle relevanten sozialen Merkmale umfasst.

Fast zeitgleich zur Veröffentlichung der Studie lehnte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in einem Präzedenzurteil die frühere Praxis in der Tschechischen Republik ab, die Kinder von Roma routinemäßig in spezielle Schulen zu schicken, die einen wesentlich geringeren Bildungsstandard vermittelten als Schulen für andere tschechische Kinder.

Dokumente

  • Lilla Farkas: Segregation of Roma children in education

    Addressing structural discrimination through the Race Equality Directive, European Commission, Directorate-General for Employment, Social Affairs and Equal Opportunities, Unit G 2., July 2007
    Dieses PDF-Dokument mit dem Dateinamen "ke7807289_en.pdf" ist 1,13 MB groß.