Luft nach oben: Zwischenbilanz für die dezentralen Aktionen in Erasmus+

Die Nationalen Agenturen in Europa wurden nach ihren Erfahrungen mit Erasmus+ befragt. Sie sprechen mit mancher Einschätzung den Antragsstellern aus der Seele.

Nach zweieinhalb Jahren Erasmus+ war das Europäische Parlament neugierig: Wie klappt die dezentrale Umsetzung? Eine Studie sollte die ersten Erfahrungen im Bereich der dezentralen Aktionen im neuen Programm untersuchen.  Dezentral verwaltet sind alle Aktivitäten, die in der Verantwortung der Nationalen Agenturen (NA) liegen, also die Leitaktion 1 (außer Erasmus Mundus Joint Master Degrees und Erasmus+ Master-Darlehen) sowie die Strategischen Partnerschaften unter Leitaktion 2 und der Strukturierte Dialog im Jugendbereich unter Leitaktion 3. Die Autorinnen und Autoren der Studie „Erasmus+: dezentralisierte Umsetzung – erste Erfahrungen” stammen aus der Academic Cooperation Association (ACA), einem Thinktank zum Thema internationaler Kooperation im Hochschul-Bildungsbereich. Auftraggeber war der Ausschuss des Europäischen Parlaments für Kultur und Bildung. 

Die Studie basiert auf einer Online-Befragung von 36 der insgesamt 61 Nationalen Agenturen für Erasmus+ sowie auf Interviews mit 10 Vertreterinnen und Vertretern von Nationalen Agenturen, von denen 4 aus Agenturen kamen, die sich nicht an der Online-Befragung beteiligt hatten. Ausschließlich für den Jugendbereich verantwortliche Agenturen waren dabei mit 8 Institutionen unterrepräsentiert. Außerdem standen den befragten Agenturen nicht für alle Antworten ausreichend statistische Daten zur Verfügung, so dass es sich in manchen Punkten um Schätzungen handelt. Diese Evaluation des Parlaments lief kurz vor der Halbzeit-Evaluation durch die EU-Kommission, die jedoch das Gesamtprogramm umfasst. 

Wie läuft´s?

Obwohl die Nationalen Agenturen in Sachen Verbesserungen noch viel Luft nach oben sehen, hält doch die Mehrheit das Erasmus+-Programm für einen „wichtigen Schritt voran“. Mit Ausnahme der für Jugend verantwortlichen Agenturen trauen sie dem Programm durchaus zu, seine Ziele zu erreichen. 52,8% sehen breitere Wirkungsmöglichkeiten für das Programm als für seine Vorläufer.

Als größte Errungenschaft werten 66,7% der befragten Nationalen Agenturen die sektorübergreifende Kooperation und zwar sowohl für die Antragsteller wie für die Nationalen Agenturen selbst. Allerdings geben fast zwei Drittel der Befragten an, dass es einen nur „moderaten“ Anstieg der sektorübergreifenden Projekte gab. Um da Abhilfe zu schaffen, sollte man, so ein Vorschlag der Befragten, die Definition von „sektorübergreifend (cross-sectorial)" schärfen. Das würde dabei helfen, die Werbung, Identifizierung und das Nachverfolgen solcher Projekte (die ja für jeden Sektor beantragt werden können) zu erleichtern.

In diesem Zusammenhang melden die meisten NA zurück, dass es neue Antragsteller in ihrem Sektor gibt: Unternehmen, öffentliche oder auch freie Träger, die bisher nicht am Programm teilgenommen haben. 41,7% der Befragten sind allerdings besorgt, dass das Programm vor allem große und institutionell abgesicherte Träger bevorteilt, während beispielweise kleine Nichtregierungs-Organisationen oder Jugendgruppen nicht zum Zug kommen. Hier, so ihre Meinung, sollte man eine Art „positiver Diskriminierung“ einführen, eine besondere Förderung der kleineren Antragsteller. Verbessert hat sich bis dato allerdings die Zusammenarbeit innerhalb oder zwischen den Agenturen auf nationaler Ebene, wie sie in Deutschland beispielsweise zwischen JUGEND für Europa, DAAD, BIBB und PAD besteht.

Zwar loben die Nationalen Agenturen die Architektur des Programms mit den drei Leitaktionen und  die Harmonisierung der Förderrichtlinien (58,3%), auch das vereinfachte Finanzmanagement und die höhere Budgetflexibilität (52,8%). Aber gleichzeitig klagen 75% über eine zu hohe und komplexe Bürokratie. Uneinig ist man sich in der Bewertung der „harmonisierten“ Förderrichtlinien, die ja für jeden Sektor gleich sind. Während das einige NA, vor allem die für Bildung und Ausbildung zuständigen, gut finden und sogar gern mehr davon hätten, geht die Harmonisierung den für Jugend zuständigen NA schon jetzt zu weit.

Je nach Land, und damit je nach nationalen bürokratischen Gepflogenheiten, gehen auch die Meinungen zur Budgetverwaltung auseinander. Die meisten Nationalen Agenturen bewerten die Pauschal-Förderung positiv, weil es das Finanzmanagement des Programms vereinfacht habe. In manchen Ländern muss aber generell nach realen Kosten abgerechnet werden, was dort zwei parallele Abrechnungsmodi zur Folge hat. Einige NA monieren zudem, dass die Pauschalen nicht den tatsächlichen Kosten entsprächen und Antragsteller deswegen Finanzierungsschwierigkeiten bekämen. So sei vor allem Leitaktion 2 in Teilen  unterfinanziert – noch ein Faktor, den große Träger besser verkraften können.

In Sachen Öffentlichkeitsarbeit haben manche Nationale Agenturen Sorgen, dass die Werbung für Erasmus+ in ihrem Land, gemessen am vorhandenen Etat, zu große Erwartungen weckt. Vor allem für die Leitaktion 2 gäbe es momentan schon wesentlich mehr Antragsteller als Geldmittel. Eher unversöhnlich sind dagegen manche mit dem umstrittenen Namen Eramus+. Er erleichtere zwar oberflächlich die Werbung, bilde aber die verschiedenen Bereiche des Programms nicht wirklich adäquat ab und verstärke so die Wahrnehmung als Studentenprogramm.

Tiefe Wunden haben die technischen Anfangsschwierigkeiten des Programms geschlagen. Denn mehr als einig sind sich die Vertreterinnen und Vertreter der Nationalen Agenturen in ihrer Sorge über die lange nicht funktionierenden Online-Instrumente. Auch wenn die Anfangs-Bugs inzwischen behoben wurden, rundum glücklich ist man immer noch nicht. Vor allem die Fülle und Unübersichtlichkeit der vorhandenen Instrumente werden als für NA wie Antragsteller schwierig kritisiert. Die Verbesserung der IT-Instrumente und ihre große Anzahl ist denn auch für 80,6% der Befragten die größte aktuelle Herausforderung des Programms.  

Auch in Sachen Zusammenarbeit auf EU-Ebene hängt der Himmel nicht voller Geigen. Anfangs muss es geknirscht haben, inzwischen ist haben sich die Beziehungen zwischen Nationalen Agenturen, Europäischer Kommission und EACEA konsolidiert. Weniger als fünf Nationale Agenturen sind zurzeit tatsächlich „unzufrieden“ damit. Allerdings hätten die NA gern mehr Informationen von der EACEA – diese Beziehung sei so gut wie nicht existent, heißt es im Bericht.  

Am Ende, wenig überraschend, wird empfohlen, dass eine „reale“ sektorübergreifende Zusammenarbeit innerhalb der Projekte gefördert wird, dass kleinere Antragsteller begünstigt werden, die Budgetverwaltung flexibler gehandhabt und die Harmonisierung der Richtlinien gestoppt werden, die IT-Instrumente verbessert und verringert werden sowie die Zusammenarbeit mit der EACEA einen formalen Rahmen bekommt. Mal schauen, was wird.

(JUGEND für Europa)

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