Interview vom 12.05.2013Mobilität zu Lernzwecken

Lernmobilität: "Ohne Netzwerkarbeit geht es nicht"

Ende März fand in Berlin die erste Konferenz der Europäischen Plattform für Mobilität im Jugendbereich statt. Der Titel: „Mobility Spaces, Learning Spaces – Linking Policy, Research and Practice“. Mit dabei: Dr. Helmut Fennes, Forscher an der Leopold-Franzens-Universität im österreichischen Innsbruck.

Herr Fennes, Sie forschen zum Thema „learning mobility". Womit beschäftigen Sie sich da?

Ganz allgemein gesprochen geht es um die Auswirkungen von „learning mobility" auf die Beteiligten. Gemeint sind Teilnehmer und Projektverantwortliche sowie alle involvierten Organisationen, Gruppen und Institutionen - und zwar im Kontext des EU-Programms JUGEND IN AKTION.

Welche Rolle spielt das Thema derzeit im jugendpolitischen Kontext?
Ich würde „learning mobility" als weiteren Bildungsweg betrachten. Es ermöglicht nicht formales und informelles Lernen auf eine ganz spezifische Art und Weise und ist eine Herausforderung für alle Beteiligten.

Inwiefern?

Die Auseinandersetzung mit Neuem und Unbekanntem fördert und erfordert persönliche Entwicklung, um in dieser neuen und fremden Umwelt handlungsfähig zu sein. Gleichzeitig erlaubt diese Erfahrung die Reflexion des Lebens in der Herkunftsgesellschaft, in der man sozialisiert wurde und in der man normalerweise lebt. Das heißt konkret: Das, was man als selbstverständlich und „normal" erlebte, wird dadurch erst bewusst und besonders. Die Erfahrungen fördern die Entwicklung von Schlüsselkompetenzen - diese können dann sowohl zur gesellschaftlichen Partizipation als auch zur beruflichen Entwicklung beitragen.

Um welche Kernfragen geht es dabei?

Entscheidend ist: Was wird durch „learning mobility" gelernt? Welche Kompetenzen werden dadurch entwickelt? Und welche Situationen, Methoden und pädagogischen Interventionen fördern dieses Lernen? Wenn man evidenz-basierte Antworten auf diese Fragen hat, können Praxis und Politik die entsprechenden Rahmenbedingungen herstellen und umsetzen.

Wie kann man die Wirkungen von nicht-formalem Lernen eigentlich objektiv messen?

In der Tat ist es schwierig, die Wirkungen von „learning mobility"-Erfahrungen objektiv bzw. absolut zu bestimmen. Das ist methodisch sehr aufwendig. Was noch fehlt, ist die Entwicklung von komplexen Systemen von Indikatoren. Wir bräuchten - wie bei der formalen Bildung - umfassende Testinstrumente und Testverfahren, wie sie zum Beispiel bei großen internationalen Studien angewendet werden (Stichwort: PISA, TIMSS usw.). Dafür stehen die nötigen finanziellen Ressourcen aber leider nicht zur Verfügung.

Was kann man stattdessen tun?

Wir verwenden pragmatisch weniger aufwändige Forschungsmethoden, die einerseits auf subjektiven Wahrnehmungen aufbauen, andererseits einfach erheben, ob und in welchem Ausmaß sich etwas verändert hat - und zwar in groben Abstufungen. Hier können wir mit einem so genannten „Multi-Method-Ansatz" und dem Vergleich der Daten von verschiedenen Quellen (Triangulierung) schon relativ zuverlässige Ergebnisse gewinnen.

Was heißt das konkret?

Die Sinnhaftigkeit des nicht formalen Lernens ergibt sich einfach aus den bisherigen Forschungserkenntnissen: Es wirkt immer dann, wenn es in einem entsprechenden pädagogischen Rahmen stattfindet. Schlüsselkompetenzen können also mit relativ geringen Kosten erworben werden. Allerdings kann man das nicht formale Lernen nicht singulär betrachten, da Lernen immer in einem Kontinuum zwischen stark formalisierten Kontexten (Schule, Universität) und nicht oder gering formalisierten Kontexten (Stichwort „informelles Lernen") stattfindet. Die Lernprozesse in allen diesen Kontexten hängen also zusammen.

In Europa gibt es insgesamt noch sehr wenig Forschung zum Thema "learning mobility". Wird sich das bald ändern?

Ich vermute, dass das Forschungsinteresse zunimmt, aber nicht im Jugendbereich, sondern eher dort, wo es um das Thema Mobilität in Arbeitszusammenhängen bzw. Mobilität im Zusammenhang mit Bildungs- und Ausbildungszwecken (Universitäten, berufliche Bildung) geht. Hier spielt dann das arbeitsbezogene Lernen eine Rolle. Informelles und nicht formales Lernen werden als Ergänzung zum formalen Lernen gesehen.

Wie sollten Forscher, Praktiker und Politiker künftig am besten zusammenarbeiten? Ist eine Art Strukturierter Dialog denkbar?

Grundsätzlich ja, wobei es ja um einen „Trialog" geht. Primär kommt es auf die Qualität der Kommunikation und Kooperation an. Die drei Gruppen verstehen einander bislang nur begrenzt und können aufgrund unterschiedlicher Arbeitskulturen oft auch nur begrenzt miteinander zusammenarbeiten. Insofern sind alle gefordert im Sinne eines Sich-verständlich-machens und Verstehens. Da bedarf es entsprechender Übersetzungen, Transmissionsmechanismen und Mittler zwischen den verschiedenen Welten. Kommt es hier zu einer neuen Kultur der Verständigung und Zusammenarbeit, ist auch eine positive Entwicklung möglich.

Braucht die Forschung dafür zusätzliches Geld?

Ja. Sie braucht mehr Geld. Das ist aber nicht das einzige. Auch mehr Finanzierungssicherheit wäre wichtig. Derzeit ist unsere Forschung hoffnungslos unterfinanziert. Wir improvisieren von einem Jahr zum anderen. Da es sich um transnationale Lernmobilität handelt, von der alle Beteiligten in verschiedenen Ländern profitieren, wäre es naheliegend, die Fördermittel auf internationaler Ebene einzusetzen - in Europa also von der EU. Das klappt aber leider nicht. Wahrscheinlich brauchen wir erst mal eine größere Anerkennung des Werts von „learning mobility" und ihrer entsprechenden Forschung. Gerade dafür bräuchten wir dann aber eine verstärkte Forschung. Die Katze beißt sich also in den Schwanz.

Ist das Thema "interkulturelles Lernen" nicht schon genügend beleuchtet, definiert und mit hervorragenden Methoden ausgestattet? Mindestens beim nicht formalen Lernen?

Fakt ist: Es mangelt - wie auch in vielen anderen Bereichen - an der Berücksichtigung bzw. Umsetzung von Forschungserkenntnissen in Politik und Praxis. Einerseits sind oft die Rahmenbedingungen mangelhaft, andererseits mangelt es auch an entsprechender pädagogischer Kompetenz: Hier bedarf es einer stärkeren Aus- und Weiterbildung der Betreuer und Pädagogen, die interkulturelle Lernprozesse begleiten. Das trifft vermutlich auch auf die Betreuung und Begleitung von Erasmus-Studierenden zu.

Herr Fennes, was erwarten Sie von der neuen Europäischen Plattformin fünf Jahren?

Ich wünsche mir, dass wir uns auf der internationalen Ebene mit Forschern aus ganz Europa stärker vernetzen. Diese Netzwerkarbeit ist auch mit „learning mobility"-Experten aus anderen Bereichen wichtig. Außerhalb des Jugendbereichs wäre das die bereits angesprochene Mobilität in Arbeitszusammenhängen bzw. Mobilität im Zusammenhang mit Bildungs- und Ausbildungszwecken. Darüber hinaus liegt es mir am Herzen, eine Forschungs-Agenda mit entsprechendem Lobbying zu entwickeln. Bei konkreten Forschungsprojekten sollten wir die Kooperationen ausbauen.

(Das Interview führet Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa)

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