"Label sind für Klamotten - und nicht für Menschen": Peer Learning in Sachen Partizipation

Neunzehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer trafen sich am 24. und 25. April 2013 in Berlin zum Auftaktseminar des Multilateralen Peer Learning-Projekts "Partizipation junger Menschen in einem demokratischen Europa".

Mit diesem Peer Learning-Projekt nimmt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein umfängliches Themenfeld der EU-Jugendstrategie auf: „Partizipation“, ein komplexer Begriff, der gerade für einen interkulturellen Austausch erst einmal selbst Gegenstand der Verständigung sein muss. So stand auch in Berlin zunächst die Frage im Raum, was die Kolleginnen und Kollegen aus Großbritannien, Polen, Deutschland und Litauen (die israelische Delegation musste kurzfristig absagen) mit dem gemeinsamen Thema verbinden.

Die Briten brachten die jüngsten Teilnehmer mit. Der gerade einmal 15 Jahre alte Joe Hopkins ist Mitglied des Jugendparlaments von Harringey, einem Londoner Stadtteil. In Harringey setzt man Jugendliche als „Inspektoren“ der kommunalen Politik und als Sachwalter eines Budgets für Beschäftigungsprojekte für junge Leute ein. Rebekah Dike, ebenfalls 15 Jahre alt, ist „Jugend-Bürgermeisterin” aus dem Londoner Stadtbezirk Newham. Sie wurde im Oktober 2012 mit einer Super-Quote von 61% der 11 bis 18-Jährigen Wählerinnen und Wähler gewählt.

Von welcher Partizipation sprechen wir?

Der Nutzen von Partizipation junger Menschen ist offensichtlich: „Wer sich aktiv beteiligt, macht von seiner Freiheit Gebrauch zu gestalten, sich einzumischen, etwas zu bewirken, zu verändern oder Neues zu schaffen, so das Eröffnungsstatement von Herrn Dr. Obst, Unterabteilungsleiter im Bundesministerium.

Einen hilfreichen ersten Aufschlag zur Begriffsklärung machte Benedikt Widmaier, Leiter des Hauses am Maiberg, einer Akademie für politische und soziale Bildung der Diözese Mainz. Er unterschied soziale und politische Partizipation. Während die Teilhabe am sozialen Leben von der bloßen Teilnahme an kommerziellen und zivilgesellschaftlichen Angeboten bis zum freiwilligen gesellschaftlichen Engagement reichen kann, definierte er politische Partizipation als Teilhabe an politischen Bewegungen, Initiativen oder Parteien – vom sporadischen Engagement bis zur Mitgliedschaft. Anhand von wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen präsentierte er die Situation in Deutschland. Entgegen mancher Vermutung lässt sich zeigen, dass viele Jugendliche sehr engagiert sind, dass dieses Engagement aber meist zeitlich begrenzt ist. Langjährige Beteiligung oder Mitgliedschaften sowie das Interesse an Leitungsfunktionen sind dagegen selten. Vor allem das Interesse an traditionellem politischem Engagement wie die Mitgliedschaft in Parteien oder die Beteiligung an Wahlen ist sehr gering. Einig war man sich darin, dass Wege gefunden werden müssen, diejenigen Jugendlichen zu erreichen, die zwar motiviert sind, aber aus Zeitmangel oder einfach fehlenden Informationen nicht mitmachen. Auch sei bisher ungeklärt, ob und welche Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Formen des Engagements bestehen, ob also beispielsweise soziales Engagement politisches nach sich ziehen kann.

… und von welchen „Zielgruppen“?

Damit waren die Fragen umrissen, die in einer „Tour de table“ aus Sicht der beteiligten Länder beantwortet wurden. Die dabei gefundenen Definitionen und Herausforderungen erweisen sich trotz unterschiedlicher gesellschaftlicher Bedingungen, Traditionen und Strukturen in Litauen, Großbritannien, Deutschland und Polen als ähnlich.

Die Identifizierung besonderer Zielgruppen ist nicht einfach, hier ist Sensibilität gefragt. „Definitionen“, sagte die 18-jährige Valerie Okoampah, ebenfalls Mitglied des Jugendparlaments in London-Haringey, „wechseln geradezu täglich“. Sie problematisierte, gemeinsam mit Rebekah Dike, das Problem der Zielgruppendefinition als „Labelling“, das äußere Merkmale einschließe. Dies empfinde sie in erster Linie als diskriminierend.

Kontrovers wurde es auch mit der Frage, welche zielgruppengerechten Zugänge als geeignet erscheinen. Eingeleitet wurde diese letzte Runde durch ein Referat von Wiebke Kohl von der Bundeszentrale für politische Bildung. Sie stellte die Studie „unsichtbares Politikprogramm“ vor, mit der das Sinus-Institut Heidelberg im Auftrag der Bundeszentrale die „heimlichen“ Politikinteressen von benachteiligten Jugendlichen identifizierte. Die im Anschluss an die dort aufgestellten Thesen konzipierten Angebote der bpb erweisen sich in den Augen der ausländischen Partner als eher kulturspezifisch und abhängig von der Frage, wie eng oder weit man den Partizipationsbegriff fasst. Hier standen hippe und niedrigschwellige Informations-Formate wie Computerspiele, TV-Spots, LAN-Parties oder Peer-Teaching-Projekte neben den guten alten Debattierclubs oder Jugendparlamenten. Offen blieb, ob ein Rapper Sido (oder eine Sido-ähnliche Identifikationsfigur) auch in Polen oder Litauen Jugendliche an die Wahlurnen locken könnte.

Die nächsten Treffen sehen eine Vertiefung des Themas, eine vergleichende Diskussion über das Thema „Demokratische Werte“ und wenn möglich auch Praxisbesuche vor. Dazwischen ist - der hohen Beteiligung junger Menschen an der Runde angemessen - ein lebhafter Austausch auf Facebook zu erwarten.

(JUGEND für Europa)

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