12.07.2016Nicht formale Bildung

"Konsequent für die Jugendhilfe gedacht“: Eckpunkte-Papier schlägt Validierungsverfahren unter Beteiligung der Jugendhilfe vor

Rita Bergstein von JUGEND für Europa hat gemeinsam mit sechs weiteren Autorinnen und Autoren das Papier „Kompetenzen junger Menschen anerkennen - den Berufseinstieg fördern. Eckpunkte zur Anerkennung non-formal und informell erworbener Kompetenzen junger Menschen auf dem Weg in den Beruf“ veröffentlicht. Dr. Helle Becker fragte nach den Hintergründen.

JfE: Frau Bergstein, schon 2012 gab es ein Eckpunktepapier (siehe NEWS), in dem sich die Autorengruppe mit dem Thema Anerkennung von informell und non-formal erworbenen Kompetenzen und ihrer Einordnung in einen deutschen Qualifikationsrahmen beschäftigt hat. Warum gibt es jetzt ein neues?

Rita Bergstein: Nach der Veröffentlichung des ersten Eckpunkte-Papier im Februar 2012 wurde im Dezember 2012 die Ratsempfehlung zur Validierung non-formalen und informellen Lernens (siehe NEWS) verabschiedet. Darin werden die Mitgliedstaaten u.a. aufgefordert, bis 2018 Validierungssysteme einzuführen. Damit ist die Diskussion und die Weiterentwicklung fachlicher und politischer Maßnahmen in den Mitgliedstaaten neu angeschoben worden. Zudem sind wir als Autorengruppe miteinander in Kontakt geblieben und haben das Thema in verschiedenen deutschen und europäischen Veranstaltungen weiter diskutiert.

JfE: Was ist neu im Papier?

Bergstein: Wir denken nach wie vor, dass die Anerkennung non-formal und informell erworbener Kompetenzen vor allem für den Berufseinstieg – die Berufsausbildung oder auch das Studium -  verbessert werden und dafür der Fokus stärker auf dem Erwerb von Kompetenzen außerhalb von formaler Bildung gelegt werden sollte. Wir haben daher unseren Vorschlag zur Installierung eines neuen Anerkennungsprozesses von Kompetenzen, die in non-formalen und informellen Kontexten erworben wurden, geschärft. Dafür haben wir uns an dem in der Ratsempfehlung von 2012 vorgeschlagenen kompetenzbasierten Validierungsmodell orientiert.

JfE: Wie sieht das aus?

Bergstein: Die Ratsempfehlung hat die Phasen eines Validierungsprozesses konkretisiert. Das Modell sieht fünf Schritte, genauer 0 – 4, vor:  Information und Beratung - das gilt als Phase 0, Phase 1: Identifizierung der Lernergebnisse, die eine Person auf non-formalem oder informellem Weg erzielt hat, Phase 2: Dokumentierung der Lernergebnisse, 3. Bewertung und 4. Zertifizierung nach Standards. Für die Phasen 1 bis 4 bedarf es eines anerkannten Verfahrens, denn nur dann ist eine Validierung und formale Anerkennung im Sinne der EU-Ratsempfehlung möglich. Wir haben dieses Modell auf die deutsche Situation bezogen und die Möglichkeiten der Jugendhilfe, sich an der Anerkennung non-formal und informell erworbener Kompetenzen zu beteiligen, geprüft.

JfE: Welche Rolle kann die Jugendhilfe spielen?

Bergstein: Wir schlagen vor, dass die Phasen 0 bis 3 vorrangig im Bereich der Jugendhilfe umgesetzt und verantwortet werden. Das sollte natürlich in enger Kooperation mit den Akteuren anderer verantwortlicher Bildungsbereiche passieren und auf bestimmten Qualitätsanforderungen basieren. Wie schon im ersten Papier gefordert sollte die Verantwortung für die Umsetzung auf kommunaler, örtlicher Ebene liegen. Die örtliche Jugendhilfe sollte festlegen, welche Stelle in ihrer Stadt, welches Jugendzentrum, welcher Verein, welcher Wohlfahrtsverband Anlaufstelle sein kann. Junge Menschen benötigen einen niedrigschwelligen Zugang.

JfE: Was kann denn die Jugendhilfe da leisten?

Bergstein: Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit bieten die Möglichkeiten und sind oftmalserste Ansprechpartner, wenn sich ein junger Mensch über seinen weiteren Weg klarwerden möchte. Sie sollten die Beratungskompetenz und entsprechende Instrumente für diese „Phase 0“ haben. Gerade auf kommunaler Ebene sollte es in der Jugendhilfe Angebote geben, den Jugendlichen in den ersten drei Schritten zu begleiten. Schritt 1 und 2 , die Identifizierung und Dokumentation, können beide leisten. Die  Jugendsozialarbeit hat jetzt schon Instrumente, Potentialanalysen und Kompetenzprofile, aber auch die Jugendarbeit arbeitet inzwischen mit Dokumentations- und Nachweissystemen wie den „Nachweisen International“ und natürlich den Youthpass. Diese Instrumente kann man auch Blick auf eine Berufsausbildung oder ein Studium nutzen und  Erlebnisse und Erfahrungen berufsorientiert beschreiben. Darum geht es beim dritten Schritt, wenn jemand seine Kompetenzen bezogen auf ein Berufsprofil darstellen möchte.

JfE: Diesen dritten Schritt möchten Sie auch der Jugendhilfe überlassen.

Bergstein: Wir schlagen vor, Schritt  3 komplett in der Jugendhilfe zu belassen. Dafür müssten Methoden entwickelt werden, die es erlauben, zusammen mit dem Jugendlichen abzugleichen, welche Kompetenzen für z.B. ein Berufsprofil anrechenbar sein könnten. Ziel ist es, dass diese in der offiziellen Validierung auf eine Berufsausbildung anerkannt werden und diese Anerkennung Zugänge ermöglichen oder Ausbildungszeiten verkürzen kann. Diese Zertifizierung erfolgt in einem letzten Schritt. Für den sollte die zuständige Berufs- oder Studienstelle zuständig sein, das so genannte Referenzsystem. Das Referenzsystem zertifiziert, nicht die Jugendhilfe.

JfE: Welche Resonanz auf Ihren Vorschlag erwarten Sie aus der Jugendhilfe?

Bergstein: Für die Jugendhilfe ist es eine große Herausforderung, solche Verfahren überhaupt erst einmal durchzudenken. Abgesehen von der Jugendsozialarbeit sieht man sich nicht in der Rolle und zurzeit auch nicht in der Lage, ein solches Angebot zu machen. Viele, vor allem in der Jugendarbeit, fürchten eine zu große Umorientierung auf berufliche Lernziele und auf die Entwicklung von Beschäftigungsfähigkeit als Beitrag zur Berufsbildung.

Und dann hätte dieser Verfahrensvorschlag weitere Konsequenzen. So müssten entsprechende Beratungskompetenzen zum Beispiel in der Ausbildung von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen berücksichtigt werden. Die Jugendhilfe müsste unter Umständen viel enger mit dem formalen Sektor, mit Berufsbildungsbereichen und Universitäten zusammenarbeiten, Akzeptanz herstellen und ein institutionelles Vertrauen in die Jugendhilfe. Andererseits war es immer ein Kerngedanke der europäischen Vorschläge, durch die Anerkennung von non- formal und informell erworbenen Kompetenzen die Anerkennung der Effektivität von Jugendhilfe zu stärken. 

JfE: Haben die Bedenkenträger Recht?

Bergstein: Wir argumentieren in unserem Papier ist, dass wir die Stärken des Jugendbereiches erhalten und die Unterstützung junger Menschen ausbauen wollen. Validierung kann in Zukunft eine wichtige Phase im Leben junger Menschen sein. Hier hat auch die Jugendarbeit Möglichkeiten und die Verantwortung, junge Menschen zu unterstützen. Es geht nicht darum, die gesamte Jugendarbeit zu verändern; es geht darum, Anschlussfähigkeit herzustellen. Und betrachtet man diesen Prozess aus Perspektive der jungen Menschen, so sollte klar sein, das ein derart zielorientiertes  Verfahren nicht ohne eine bewusste Entscheidung des jungen Menschen durchgeführt werden würde.

JfE: Wie geht es nun weiter?

Bergstein: Die Antwort hängt zusammen mit der Frage, wie wir den Prozess in Deutschland bewerten und wie die Umsetzung der Ratsempfehlung erfolgt. Dieser Prozess ist nach wie vor nicht wirklich transparent. Es wird vor allem zu wenig öffentlich informiert und diskutiert. Mit dem Deutschen Qualifikationsrahmen, so wie er jetzt ist, ist jedenfalls das Ende der Diskussionen in diesem Bereich nicht erreicht. Bezüglich der Anerkennung non-formal und informell erworbener Kompetenzen zeigt die Autorengruppe durchaus andere Wege auf als die bisher beschrittenen. Wir finden, dass jeder Mensch das Recht auf Validierung seiner Fähigkeiten hat.. Derzeit ist das nicht so.

Wir nehmen uns ein Beispiel an anderen europäischen Ländern, die die Ratsempfehlung für die Jugendhilfe, die Jugendsozialarbeit und die Jugendarbeit offensiv nutzen. Hier gibt es bereits laufende Verfahren, die zeigen, wie es mit Beteiligung der Jugendhilfe gehen könnte. Wir sehen unseren Vorschlag auch als Beitrag zur europäischen Debatte. Deswegen wird das Eckpunkte-Papier ins Englisch übersetzt; für das Frühjahr 2017 planen wir eine Veranstaltung auf internationaler Ebene.

Ich gehe davon aus, dass es im Rahmen des Aktionsbündnis Anerkennung für alle, die sich an der weiteren Debatte beteiligen wollen, Möglichkeiten geben wird, dies zu tun.

In diesen wichtigen Bildungsdebatten passiert nach wie vor zu vieles  hinter verschlossenen Türen, in Expertenkreisen. Wir müssen eine breitere Diskussion in der Jugendhilfe anregen mit dem Ziel, dass diese die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen selbst gestaltet.

Das Interview führte Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa

Dokumente

  • Kompetenzen junger Menschen anerkennen – den Berufseinstieg fördern

    Eckpunkte zur Anerkennung von non-formal und informell erworbenen Kompetenzen junger Menschen auf dem Weg in den Beruf. Autoren: Rita Bergstein, Dr. Eberhard Funk, Christian Hampel, Dr. Birgit Marx, Andrea Pingel, Klaus Wagner, Walter Würfel. 2016
    Dieses PDF-Dokument mit dem Dateinamen "Eckpunktepapier_Juni_2016_final.pdf" ist 649,59 kB groß.
  • Zum Hintergrund: Grenzüberschreitende Mobilität als Lernort und die Dimensionen seiner Anerkennung

    Zweisprachige Dokumentation dt./engl. Hrsg.: JUGEND für Europa / IJAB. Bonn 2013. Im Rahmen der Fachtagung wurden die Instrumente zur Bescheinigung non-formalen und informellen Lernens sowie notwendige Strategien zur Anerkennung der internationalen Jugendarbeit auf politischer, gesellschaftlicher und persönlicher Ebene diskutiert.
    Dieses PDF-Dokument mit dem Dateinamen "gold_JfE_Dok_NI_Youthpass.pdf" ist 7,14 MB groß.

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