Konsensfindung mit der Schere: Eindrücke von der EU-Jugendkonferenz in Rom

Christine Pollithy, 22 Jahre alt, studiert Media and Communication Management im Bachelor. Ehrenamtlich ist sie bei dem Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder engagiert. Simon Dümig, 25 Jahre alt, studiert im Master Elektro- und Informationstechnik und engagiert sich ehrenamtlich für das Bayerische Jugendrotkreuz auf Orts- bis Landesebene. Zusammen mit Dinah Menz (Jugendbildungsstätte Berchum) sind sie die drei JugendvertreterInnen bei den EU-Jugendkonferenzen in Rom, Riga und Luxemburg. Über ihre Motivation, die erste Konferenz und Fazits, die sie wieder mit nach Deutschland genommen haben, sprachen sie mit JUGEND für Europa.

In welchem Zusammenhang steht Euer ehrenamtliches Engagement mit Eurer Motivation, Euch als JugendvertreterInnen bei den Jugendkonferenzen zu bewerben?

Simon Dümig: Beim Jugendrotkreuz bin ich seit meinem sechsten Lebensjahr, mit 16 hab ich den Gruppenleiterlehrgang gemacht, da ich anderen Jugendlichen das zurückgeben wollte, was ich selbst tolles in unserer Jugendverbandsarbeit erfahren durfte. Bei uns wird auch international recht viel angeboten, so dass ich sehr motiviert war, weiterhin dabei zu bleiben. Dazu kommt, dass ich mich als jüngstes Mitglied im Gemeinderat engagiere, hier kann ich Politik an der Basis gestalten, für den Ort. Aus diesem Grund interessierte mich das Thema der Jugendkonferenz „Political Empowerment“ umso mehr, da ich vor Ort bereits mit unseren Jungs und Mädels spreche und wir versuchen, politische Mitgestaltung Jugendlicher auf Gemeindeebene zu organisieren.

Christine Pollithy: Ich hatte auch das Glück, in der Jugendarbeit aufzuwachsen und ich möchte, dass mehr Leute diese Chance haben: selbstbestimmte und selbstbewusste Menschen zu werden. Ich habe in der lokalen Ortsgruppe der Pfadfinder angefangen, früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und hatte vor allem viele MentorInnen, Leute, die dir in jungen Jahren viel zutrauen, die dich ermutigen, deine Meinung zu sagen, auch, wenn die mal unbequem ist und vor allem nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln. Das Ganze trug sich dann weiter auf die Landesverbandsebene in Bayern, da bin ich auch heute noch in der Landesleitung und bin in den letzten Jahren auf diese internationale Ebene gekommen. Der konkrete Auslöser, mich als Jugenddelegierte zu bewerben, kam kurzfristig nach meiner Teilnahme am World Scout Youth Forum diesen Sommer, sozusagen die Jugend-Empowerment-Plattform des Weltpfadfinderverbandes. Das war so eine prägende Erfahrung: die weltweite Gemeinschaft zu erleben, in der Leute versuchen, durch Jugendarbeit eine bessere Welt zu machen. Thematisch passend kam danach die Ausschreibung, sich als Jugenddelegierte zu engagieren.

Ist das eine Voraussetzung, als Jugenddelegierte bei den Konferenzen mitzuarbeiten – jahrelange Vereinsarbeit auf Orts- und Landesebene?

Christine Pollithy: Verbandsarbeit ist tatsächlich keine Voraussetzung. Unsere Dritte im Bunde, Dinah Menz, kommt nicht aus der organisierten Jugendarbeit, sondern aus einer Initiative. Voraussetzungen sind vielmehr eine große Leidenschaft für dieses Thema, ein persönlicher Bezug dazu und die Kompetenz, Leute dafür zu begeistern, ihre Positionen zu vertreten. Wir sind ja im Prinzip das Sprachrohr der Meinungen, die in Deutschland über den Strukturierten Dialog gesammelt werden. Also sind Sprech- und Formulierungskompetenzen auch wichtige Punkte für die Auswahl.

Simon Dümig: Ich erinnere mich an die Worte des stellvertretenden Vorsitzenden des DBJR Tobias Köck, der meinte: „Ihr seid so fit in Eurer Jugendarbeit, ihr lebt die Jugendarbeit, ihr könnt da nichts falsch sagen.“ Ich denke, das ist ein wichtiges Kriterium: dass man auf Grund der Jugendarbeit so viel Wissen und Kompetenzen mitbringt und die Sprache der Basis spricht.

Apropos „Sprache der Basis“: Wie viel Respekt hattet Ihr vor der Konferenz in Hinsicht auf Formulierungskompetenzen und Deutungshoheiten?

Simon Dümig: Bei unserem ersten Treffen vor der Konferenz hatten wir schon Respekt, letztendlich waren dort aber auch nur junge Menschen, die Interesse haben, Jugendpolitik zu gestalten. Das waren Leute wie wir.

Christine Pollithy: Die Leute sind auf der Jugendkonferenz, um gemeinsam an einer Sache zu arbeiten und es herrscht nicht dieser Konkurrenzkampf, ein Thema durchzubringen. Ich habe auf der Konferenz zu vielen Themen auch neue Perspektiven kennengelernt und das funktioniert ja nur, wenn man von vornherein offen ist, die eigene Position erweitern und ergänzen zu können.

Welchen Workshop hast Du, Christine, auf der Konferenz besucht und welche Fazits scheinen Dir daraus die Wichtigsten?

Christine Pollithy: Ich war im Workshop „Enhancing the participation of young people in social life and their active participation“ - wie kann man junge Menschen außerhalb von Organisationen zur sozialen Partizipation ermutigen, er gehörte zum Schwerpunktthema „Young people's access to rights“. Ein großer Punkt war für uns, dass wir uns für mehr Sozialkundeunterricht in Schulen einsetzen. Der sollte in allen Schulformen und für jede Klassenstufe verpflichtend und intensiver werden, denn nur, wer seine Rechte kennt, kann sie auch nutzen. Das zweite Fazit ist, dass auf allen Ebenen Mechanismen entstehen sollen, innerhalb derer Jugendliche tatsächlich an Entscheidungsprozessen mitwirken und nicht nur gefragt werden. Ich persönlich fände es zum Beispiel spannend, politische Mandate an Jugendvertretungen von Verbänden zu vergeben, da sie die ExpertInnen sind, oder Innovations-Task-Forces zu initiieren: Ideen, die in solchen Gremien entstehen, sollen niedrigschwellig umgesetzt und ausprobiert werden. Denn häufig scheitern Jugendideen daran, dass keiner an eine Umsetzung glaubt. Wenn man es aber erst einmal ausprobiert hat, geht’s dann doch.

21 Menschen, die sich in 150 Worten auf ein Fazit einigen – wie hast Du die Konsensfindung in Deinem Workshop erlebt, Simon?

Simon Dümig: Zunächst sollten vier Sätze formuliert werden, die uns wichtig sind. Danach sind wir ins Opinion Boulevard gegangen, da präsentieren die unterschiedlichen Workshops ihre vier Sätze und können noch einmal Input von anderen Konferenzteilnehmenden bekommen und sehen, was in den anderen Workshops besprochen wurde. Einer der vier Punkte wurde priorisiert und den haben wir uns dann vorgenommen. Im ersten Moment hatte jedeR einen Stift und nur rumgeschmiert. Da hab ich dann eine Schere genommen, die Wörter ausgeschnitten, so dass wir die einzelnen Wörter wieder neu ordnen konnten. Auf Grund des Zeitdrucks haben wir es schließlich geschafft, in unserem Workshop ein Fazit zu formulieren, welches für jedeN tragbar war.

Einige Empfehlungen der Papers klingen recht selbstverständlich und wurden in verschiedenen anderen Zusammenhängen bereits diskutiert, z.B. die faire Bezahlung von Azubis und PraktikantInnen. Warum musste das Thema nun noch einmal auf die Agenda?

Christine Pollithy: Ich denke, dass das in einigen Bereichen noch immer nicht selbstverständlich ist. Damit ein solches Thema nicht in Vergessenheit gerät, muss es immer und immer wieder angesprochen werden. Auf der anderen Seite bezahlen viele Firmen ihre PraktikantInnen okay, es gibt sehr, sehr faire ArbeitgeberInnen. Firmen schießen sich ins eigene Knie, wenn sie PraktikantInnen ausbeuten. Das ist keine Firma, wo sich ein guter und fähiger Mensch später vorstellen kann zu arbeiten, das ist eine Frage des Respekts. Ich denke allerdings auch, dass es utopisch ist, nur an das Herz der Firmen zu appellieren, da bedarf es einer gewissen Regulierung, zu Anfang zumindest, wenn das nicht von selbst kommt. Trotzdem glaube ich, dass man die Intelligenz der Wirtschaft nicht unterschätzen darf. Die suchen nach fähigen Leuten und fähige Leute bekommst du durch Respekt.

Warum, meint Ihr, waren keine VertreterInnen anderer Ministerien, z.B. der Wirtschaftsministerien auf der Konferenz anwesend, wenn es doch um disziplinübergreifende Themen faire Behandlung von PraktikantInnen und Azubis ging?

Simon Dümig: Für diese Leute ist eine solche Konferenz und beispielsweise das Thema respektvoller Umgang mit Azubis und PraktikantInnen doch uninteressant – wieso sollten die mehr bezahlen wollen? So etwas muss reguliert werden, da haben wir keine Möglichkeit, mit denen in einen Dialog zu treten. Am Ende zählt das, was unten raus kommt.

Christine Pollithy: Der Punkt “Cross Sectorial Youth Politics“ wurde auf der Konferenz durchaus angesprochen. Das Jugendministerium ist nicht der einzige Ansprechpartner für Jugendpolitik. Das muss auch ins Arbeitsministerium, ins Verkehrsministerium und so weiter. Im Weiteren geht es aber darum, dass Jugendpolitik nicht nur in der Politik und nicht nur bei der Jugend landen darf. Da geht es um die Einbindung von Firmen, von Jugendorganisationen, dass man also mehr Stakeholder in diesem Prozess beteiligt. Ich denke, dass die Macht der Privatwirtschaft noch nicht ausreichend genutzt wird, um positive Veränderungen voranzutreiben. Klar haben Firmen die Absicht, Profite zu machen, doch sind Firmen nicht generell böse und nicht generell blöd. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen, das sehe ich als eine Aufgabe, die aus dem Strukturierten Dialog kommen kann.

(Das Interview führte Babette Pohle im Auftrag von JUGEND für Europa.)

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