„Jugendliche von Anfang an mit einbeziehen“

ePartizipation Jugendlicher: Der finnische Blick (Rauna Rahja)

Welche Chance bietet ePartizpation, die elektronische Partizipation übers Internet, für die Jugendbeteiligung? Feststeht: Junge Menschen verstehen digitale Medien und soziale Netzwerke als selbstverständlichen Teil ihrer Alltagswelt. Im Rahmen des Projekts „youthpart“, das den internationalen und nationalen Erfahrungsaustausch sowie die Modellentwicklung für mehr Jugendbeteiligung in der digitalen Gesellschaft fördern soll, fand Ende Oktober in Berlin ein erstes Werkstattgespräch statt. JUGEND für Europa und IJAB hatten dazu eingeladen.

An diesem nahm auch Rauna Rahja als Referentin teil. Die Finnin ist Projektkoordinatorin bei der „Finnish Society on Media Education“ (FSME), einer Non-Profit-Organisation, die 2005 gegründet wurde.

JfE: Frau Rahja, inwiefern haben Sie mit dem Thema ePartizipation in Ihrer Arbeit zu tun?

Ich kümmere mich vor allem um unsere Website www.mediaeducation.fi. Sie wird neben Finnisch auch in Schwedisch und Englisch geführt und ist das Portal, um sich in Finnland über Medienerziehung und Medienbildung zu unterrichten. Aber auch die Entwicklungen in anderen Ländern verfolgen wir sehr genau. Da spielt ePartizipation eine große Rolle. Die Seite wird vor allem von Lehrern, Jugendarbeitern und anderen Pädagogen genutzt. Wir haben rund 3500 User im Monat und eine Facebook-Community, die sehr aktiv ist.

JfE: Wie entwickelt sich die digitale Welt für Jugendliche derzeit in Finnland?

Da passiert schon eine Menge. In Sachen ePartizipation und Online-Jugendarbeit ist einiges in Bewegung. Ich glaube „Transparenz“ und „Offenheit“ sind die beiden Begriffe, mit denen sich die gegenwärtige Situation am besten in Finnland beschreiben lässt. Es gibt eine Fülle von Online-Projekten, bei denen Experten der verschiedensten Fachrichtungen mitwirken. Um es konkret zu machen: Wir identifizieren diejenigen Fachkräfte, die ohnehin schon viel mit Jugendlichen zu tun haben wie Jugendarbeiter, Schulpsychologen, Kinderärzte, Krankenschwestern oder auch die Polizei und bringen sie an einen Tisch. Dann überlegen wir, was wir mit dem gebündelten Wissen anstellen können und denken uns Partizipations-Möglichkeiten für Jugendliche im Netz aus.

JfE: Inwiefern macht der Staat bei solchen Initiativen mit?

Im August 2010 hat das finnische Ministerium für Bildung und Kultur 13 so genannte nationale Entwicklungs- und Servicecenter ins Leben gerufen. Eins davon heißt „Verke“ und ist das nationale Entwicklungs-Center für Jugendarbeit im Internet. Koordiniert wird es vom Jugendamt der Stadt Helsinki. Das Personal setzt sich aber auch aus Mitarbeitern des Sozial- und Gesundheitsamts sowie der Bildungsbehörden zusammen. Ein Fachmix, der der Jugend zugute kommen soll. Zielgruppe von „Verke“ sind aber nicht nur junge Menschen. Auch Studenten und Experten aus anderen jugendrelevanten Bereichen mischen da mit.

JfE: Wie muss ePartizipation gestaltet sein, damit sie junge Menschen auch erreicht?

Zunächst mal müssen wir die Jugendlichen selbst ernst nehmen. Sie sollten von Anfang an in ein Projekt eingebunden sein – von der Planung bis zur Durchführung einer Aktion. Wir müssen die Jugendlichen bei Ihren Bedürfnissen abholen und gut zuhören, was sie zu sagen haben. Was brauchen sie? Wie wollen sie gehört werden? Was wollen sie in der Gesellschaft verändern? Ob ePartizipation erfolgreich ist, hängt auch davon ab, ob wir junge Menschen früh genug in die Veränderungsprozesse mit einbeziehen. Übrigens sollten wir uns nicht nur auf Online-Partizipation konzentrieren. „Offline“-Angebote sind genauso wichtig für Jugendliche. Ich habe den Eindruck, dass wir Erwachsenen mit unseren Ideen da gerne mal einen Schritt zu spät kommen. Insofern würde ich auch den peer-to-peer-Ansätzen eine große Bedeutung beimessen.

JfE: Sind neue Internet-Plattformen für eine erfolgreiche ePartizipation nötig?

In manchen Fällen mag das wichtig und gerechtfertigt sein. Aber ich würde doch empfehlen, dass wir uns die existierenden Angebote im Netz erst einmal genauer anschauen. Der Trick ist doch ganz einfach. Wir sollten da präsent sein, wo die Jugendlichen längst schon sind. Und das sind zum Beispiel die Sozialen Netzwerke. Damit kann ePartizipation nicht nur erfolgreich werden, sie macht obendrein noch Spaß.

JfE: Welche Rolle spielt dabei die Medien-Kompetenz der Jugendlichen?

Die ist natürlich enorm wichtig. Jeder sollte die Medien-Kompetenzen mitbringen, die für sein Alter nötig sind. Da dürfen wir uns also nicht auf den bloßen Angeboten ausruhen. Wir müssen die Jugendlichen auch schulen und weiterbilden.

JfE: Welche Themen sollten in der ePartizipation eine große Rolle spielen?

Wir müssen die Themen wählen, die auch am nächsten am Leben der Jugendlichen dran sind.

Um das herauszufinden, muss man die jungen Menschen fragen. Wichtig ist, dass wir immer ganz niedrigschwellig mit den naheliegendsten Themen beginnen. Alltagsleben, Schule, Bildung, Jobaussichten, Umweltschutz, Freunde, Hobbies, Identität – das sind Themen, die Jugendliche beschäftigen. Erst wenn wir die jungen Leute auf diesem Weg erreicht haben, können wir einen Schritt weiter gehen – hin zu politischen, sozialen oder auch globaleren Fragen. Ich denke daher, dass sich ePartizipation nur Schritt für Schritt entwickeln kann und auch sollte.

Das Interview führte Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa

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