Jugendliche mit Hilfe kreativer Methoden aktivieren: Strukturierter Dialog beim Bremer Jugendring

„Wir wollen Formate finden, in denen sich die Jugendlichen wohlfühlen und ausdrücken können“, sagt Ulrike Oltmanns, zuständig für Jugendpolitische Schwerpunkte beim Bremer Jugendring. JUGEND für Europa sprach mit ihr über die Arbeit des Bremer Jugendrings als regionale Koordinierungsstelle für den Strukturierten Dialog und wie man durch einen kreativen Ansatz ein politisches Bewusstsein junger Menschen vorantreiben kann.

JfE: Der Bremer Jugendring führt als regionale Koordinierungsstelle zum Strukturierten Dialog zum einen eigene Projekte  durch, zum anderen ist er regionale Koordinierungsstelle für Projekte von Jugendverbänden und -initiativen , die sich mit dem Strukturierten Dialog beschäftigen. Wie funktioniert die Unterstützung der Jugendverbände und -initiativen?

Ulrike Oltmanns: Wir sind seit 2010 Ansprechpartner für Jugendverbände und Jugendinitiativen in Bremen für den Strukturierten Dialog. Als regionale Koordinierungsstelle stellen wir einen Antrag bei Erasmus+ Jugend in Aktion auf Förderung von Projekten des Strukturierten Dialogs – neben der Förderung für unsere eigenen Veranstaltungen und für Projekte mit Kooperationspartnern motivieren wir Jugendverbände und -initiativen dazu, selbst Projekte zu initiieren. In letzterem Fall sehen wir unsere Aufgabe in der  Projektbegleitung, Vermittlung von Hintergrundwissen zum  Strukturierter Dialog, und dem Austausch über die europäische Dimension bei den Projektthemen. Darüber hinaus leisten wir Unterstützung bei der Kontaktherstellung zu politischen Entscheidungsträgern.

Wie wird Euer Angebot von den Jugendverbänden und -initiativen angenommen?

Es wird recht gut angenommen. Es gibt immer wieder Jugendinitiativen, die  ihre Chance  darin sehen, mit Unterstützung ein eigenes kleines Projekt durchzuführen. Im Gegensatz zu Jugendverbänden, die auf feste eigene Strukturen zurückgreifen können, ist es allerdings bei Jugendinitiativen schwieriger, sie über einen längeren Zeitraum in den Strukturierten Dialog einzubinden. Die Kontinuität im Gesamtprozess stellen wir als regionale Koordinierungsstelle beim Bremer Jugendring letztendlich her.

Wie funktioniert die Koordinierung kleinerer Projekte organisatorisch – wisst Ihr, welche Projekte sich beteiligen, bevor Ihr den Förderantrag stellt?

Wir setzen uns zunächst mit den Akteuren zusammen, die bereits konkret wissen, dass sie ein Projekt durchführen wollen. Diese nehmen wir dann mit in einen neuen Antrag auf. Darüber hinaus beantragen wir auch eine Förderung für Projekte, die thematisch in die Schwerpunkte des Strukturierten Dialogs passen, die wir dann zusammen mit Kooperationspartnern durchführen. Da wir ein Dachverband für die Jugendverbände im Land Bremen sind, stehen wir in engem Kontakt mit den Jugendverbänden und wissen, welche Themen anstehen und welche Kapazitäten es gibt.

Wo liegen die Herausforderungen bei der Koordinierung von Jugendinitiativ-Projekten?

Wir müssen flexibel genug zu sein, auch kurzfristig Projektideen aus Initiativen aufzugreifen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Projekte umsetzen. Oft geben die Strukturen von Jugendinitiativen es nicht her, selbst einen Antrag zu stellen, auf das Geld zu warten und am Ende des Projektes die Abrechnung zu machen.

Wie könnt Ihr sicherstellen, dass in Projekten kleinerer Initiativen und Verbände die europäische Dimension Eingang findet?

Natürlich versuchen wir, den Initiativen möglichst viel Spielraum zu geben, doch ist eine der Bedingungen, die wir in den Vorgesprächen bereits stellen, dass die europäische Dimension sich im Thema des Projektes wiederfinden soll. Dafür gibt es die enge Betreuung durch uns. Ein Ansatz, die europäische Dimension in den kleinen Projekten zu verankern, ist, Europa im Alltag zu finden. Immerhin befinden wir uns mitten in Europa, wir sind Europäer und oft sind heutige Themen sowieso auf irgendeine Art und Weise mit der europäischen Ebene verbunden.

Eines Eurer eigenen Projekte war „Europa und Du!“, bei dem Jugendliche mit Hilfe des Mediums Film zu europapolitischen Themen gearbeitet haben. Kannst Du kurz erläutern, wie das ablief?

Dieses Projekt haben wir in Kooperation mit dem ServiceBureau und vomhörensehen durchgeführt. An zwei Seminarwochenenden ging es darum, einen Kurzfilm zu drehen. Einziger thematischer Input: Das Thema sollte etwas mit Europa zu tun haben. Bei einem Brainstorming haben die Jugendlichen ihre Themen zusammengetragen. Zu diesen bildeten sich Gruppen, die jeweils einen Kurzfilm erstellt haben. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung war ein Bestandteil des Seminars eine Einführung in die Technik und ein Tag, an dem die Filme geschnitten wurden. Die Abschlusspräsentation fand in einem Kino statt, in dem die Filme gezeigt und Diskussionen mit politischen Entscheidungsträgern geführt wurden. Drei der Filme haben sich mit dem Thema Flucht auseinandergesetzt, einer war zu TTIP und einer zur Beeinflussung durch Medien.

Welche Rolle spielt der kreative Ansatz, der immer wieder in Euren Projekten zu finden ist, für die politische Bildung?

Die Frage ist immer: Wie erreiche ich Jugendliche? Wie erreiche ich Jugendliche, die sich nicht von vornherein als politisch interessiert bezeichnen oder die nicht in politischen Gremien aktiv sind? Wir wollen Formate finden für Jugendliche, in denen sie sich wohlfühlen und sich ausdrücken können. Das Interessante an dem Projekt „Europa und Du!“ war zum Beispiel, dass die Jugendlichen hauptsächlich teilgenommen haben, weil sie sich für das Medium Film interessierten. Sie haben sich nicht als politisch aktiv verstanden. Wenn man aber einen Kurzfilm drehen will, braucht man ein Thema und auf diese Weise gab es eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung. Vor der Diskussion mit den politischen Entscheidungsträgern bei der Abschlusspräsentation hatten die Teilnehmenden zunächst Bedenken, weil sie meinten, dass sie inhaltlich nicht gegenüber Politikern bestehen könnten. Da die Filme bei der Präsentation im Publikum aber sehr gut ankamen und die Jugendlichen sehr stolz auf ihre Ergebnisse waren, haben sie mit einem anderen Selbstwertgefühl und sehr aktiv an der Diskussion teilgenommen.

Wie kann das Engagement, welches die Jugendlichen bei einem solchen Projekt entwickelt haben, und wie können die entstandenen Filme noch weiter genutzt werden?

Es ist geplant, die Filme im Rahmen von Schulveranstaltungen zu zeigen und dazu auch die jugendlichen Filmschaffenden als Experten einzuladen. Außerdem können Veranstaltungen in Bremen und überregionale Veranstaltungen wie z.B. die JuPid genutzt werden, die Filme einem breiteren Publikum vorzustellen. Unsere Aufgabe als regionale Koordinierungsstelle sehe ich in dem Zusammenhang darin, dass wir Projekte wie „Europa und Du!“ weiterhin in unsere Netzwerke einspeisen oder in Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern einbringen.

Diese Art von Netzwerkarbeit ergibt sich ja häufig spontan und ungeplant. Ist es da von Vorteil, dass Bremen relativ klein ist?

Das denke ich schon, die Wege sind relativ kurz. Gerade im Bereich der politischen Bildung kann die Tatsache sehr von Nutzen sein, dass wir auf kleinem Raum alles vor Ort haben und schnell Kontakte herstellen können.

Bei einem anderen Eurer Projekte, „Take 5 for Europe“, führen vier Bundesländer (Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein) im Wechsel jeweils eine gemeinsame, überregionale Jugendkonferenz durch. Kann so eine überregionale Zusammenarbeit ein Erprobungsfeld für spätere internationale Kooperationen sein?

Ja, sicher. Es führt aus dem eigenen Kreis heraus und man kann im Kleinen erfahren, wie eine Zusammenarbeit mit internationalen Partner funktionieren könnte. Allein zwischen den beiden Stadtstaaten Bremen und Hamburg und den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein gibt es schon sehr große Unterschiede bei der Umsetzung von Projekten und der Vernetzung der Akteure untereinander. Eigene Vorstellungen, wie etwas laufen soll, werden bei einer solchen Zusammenarbeit ständig in Frage gestellt, da Partner ihre ganz anderen Ideen mit einbringen. Dies empfinde ich aber stets als Bereicherung.

Das Interview führte Babette Pohle im Auftrag von JUGEND für Europa.
Foto: Babette Pohle

Info zum Bremer Jugendring

Der Bremer Jugendring beteiligt sich seit 2010 am Strukturierten Dialog. Er organisiert und koordiniert vielfältigste Projekte in Bremen und Bremerhaven. Dabei werden Jugendliche selbst aktiv und über die Thematisierung von Europa in deren Alltag eine europäische Dimension hergestellt. Der Bremer Jugendring kooperiert mit Jugendorganisationen, Jugendverbänden, der Landeszentrale für politische Bildung, den senatorischen Behörden für Jugend und Bildung und verschiedenen PolitikerInnen in Bremen. Außerdem ist er Partner im Netzwerk „Take Five“, in dem die Bundesländer Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein seit 2010 überregional im Strukturierten Dialog zusammenarbeiten.

bremerjugendring.de/abgeschlossene-projekte/

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