Interview vom 09.03.2010Strukturierter Dialog mit der Jugend

„Jugendliche in reale politische Prozesse ernsthaft einzubinden - daran müssen wir arbeiten.“

JUGEND für Europa sprach mit Dr. Herbert Wiedermann, Abteilungsleiter Landesjugendamt/Überregionale Förderung und Beratung in der Behörde für Soziales-, Familie-, Gesundheit und Verbraucherschutz der Freien und Hansestadt Hamburg.

via JUGEND für Europa

JfE: Herr Dr. Wiedermann, die Stadt Hamburg hat ein „Europapolitisches Jugendkonzept für Hamburg“ verabschiedet. Wie kam es dazu?

Wiedermann: Wir wollen dazu beitragen, dass junge Menschen mehr von Europa haben. Damit setzen wir die im Koalitionsvertrag von 2008 zwischen CDU und GAL getroffene Vereinbarung um, die Jugendpartizipation zu stärken und Jugendliche an das Thema Europa heranzuführen. Wir können und wollen nicht damit leben, dass bei den Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2009 die Wahlbeteiligung der 18- bis 24-Jährigen bei gerade mal 24 Prozent lag. Der Senat hat am 2. Februar 2010 das Europapolitische Jugendkonzept für Hamburg beschlossen und der Bürgerschaft zugeleitet. Neu war, dass wir schon bei der Konzipierung der Drucksache Jugendliche beteiligt haben.

JfE: Wie haben sie das gemacht?

Wiedermann: Jugendliche und Jugendverbände sollten bei der anspruchsvollen Weiterentwicklung des Konzepts und der engagierten Umsetzung mitwirken. Junge Menschen bekommen hier echte Mitwirkungsmöglichkeiten und echte politische Teilhabe. Deshalb sind bereits in der Entwicklungsphase des Konzepts Jugendliche und an Europapolitik interessierte Jugendorganisationen miteinbezogen worden.

Wir haben Workshops mit ganz unterschiedlichen Jugendlichen organisiert - solchen, die arbeiten, die zur Schule gehen, die in einem Jugendverband aktiv sind oder die einen Migrationshintergrund haben. Mit kulturellen Elementen wie Hip-Hop haben wir diese farbenfrohen Treffen interessant und die Teilnehmenden mit den politischen Themen vertraut gemacht. Sie haben das Konzept entscheidend bereichert, indem sie ihre Sicht und ihre eigenen Vorschläge eingebracht haben.

JfE: Welche Anliegen hatten die Jugendlichen?

Wiedermann: Bildung und Beschäftigung waren die ganz großen Themen für die Jugendlichen. Der Diskussionsbogen reichte von der Klage über unmotivierte Lehrer bis hin zu der Frage, welche Möglichkeiten junge Menschen haben, eine sinnvolle Ausbildung und Beschäftigung zu finden. Auch die Frage, ob internationale Erfahrungen in Europa jungen Menschen dabei helfen können, auf die Erfolgsspur zu kommen war ein wichtiges Thema. Stark diskutiert haben sie Handlungsfelder wie Kultur und Sport sowie die Möglichkeiten eines europäischen Austausches in diesen Feldern. Grundsätzlich sprachen die Jugendlichen dabei erst einmal von ihrem Lebensumfeld, also der regionalen Ebene. Das politische Europa liegt ihnen vergleichsweise fern. Sie sind international, aber eben (noch) nicht auf Europa fixiert.

JfE: Was sind nun die inhaltlichen Schwerpunkte des Hamburger Konzepts?

Wiedermann: Die inhaltlichen Schwerpunkte entsprechen weitgehend den Anliegen der Jugendlichen. Im Vordergrund stehen die folgenden Handlungsfelder

  • Entwicklung des Interesses an europäischen Themen und die Vermittlung von Europakompetenz durch die Allgemeine Bildung, Berufs- und Weiterbildung
  • der Beitrag der Jugendarbeit zu gelingenden Übergängen von der Schule ins Erwerbsleben
  • die Unterstützung und Einbeziehung junger Menschen mit schwierigen Rahmenbedingungen in den Jugendaustausch mit unseren europäischen Partnern
  • die Förderung der Qualifizierung und der Mobilität von Fachkräften für die europapolitische Jugendarbeit
  • die Partizipation junger Menschen im europäischen Kontext.

JfE: Das Konzept bindet also verschiedene Themenfelder und Ressorts zusammen?

Wiedermann: Ja, denn es geht uns nicht nur darum, ein Fachkonzept mit der Jugendhilfe zu entwickeln. Wir versuchen, einen interdisziplinären Querschnitt unter ein diskursives Dach zu bringen, dass von der Bildungs-, der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik bis hin zur Jugendhilfe reicht, um nachhaltige Verbesserungen für die jungen Menschen in Hamburg zu erreichen.

JfE: Ist das Konzept auch ein Aktionsplan oder nur eine gute Absichtserklärung?

Wiedermann: Diese Drucksache ist der Startpunkt einer weiteren dynamischen Entwicklung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: So vielfältig und kreativ wie die Stimmen Europas soll auch die geplante Jugendkonferenz in Hamburg werden. Hip Hop, Graffity, Break Dance, Rap, Filme und Diskussionen: Die Jugendkonferenz „take five for europe“ der fünf norddeutschen Bundesländer und der Landesjugendringe erteilt jungen Menschen auf unterschiedlichste Weise das Wort für Europa. Vom 28. Mai bis 30. Mai 2010 können 80 engagierte Jugendliche im Hamburger Kulturpalast im Wasserwerk Europapolitiker und Europapolitikerinnen treffen und ihre Vorstellungen und Wünsche für Europa deutlich machen. In Workshops können die jungen Menschen ihre Vorstellungen und Forderungen entwickeln und in den politischen Meinungsbildungsprozess einbringen. Dabei geht es um:

  • Jugend und Beschäftigung,
  • politische Partizipation sowie
  • die neue europäische Jugendstrategie.

Ein vielfältiges und buntes kulturelles Rahmenprogramm rundet die Konferenz ab.

Außerdem wollen wir die Fachkräfte der offenen Kinder- und Jugendarbeit in den Prozess einbinden und fortbilden. Deswegen wird der Jugendkonferenz eine Konferenz für Fachkräfte folgen. Wir werden einen runden Tisch für die beteiligten Behörden gründen, um unsere Aktivitäten aufeinander abzustimmen. Wir wollen beispielsweise einzelne Maßnahmen des Europäischen Sozialfonds der Behörde für Wirtschaft und Arbeit mit denen der Jugendbehörde verzahnen. Und schon jetzt gibt es eine gemeinsame Europawoche, in der wir europäische Themen in Hamburg gemeinsam diskutieren. Im kommenden Mai wird die Europawoche zum fünften Mal veranstaltet. So prägen europäische Themen langsam die Stadt.

JfE: Soll das Konzept Synergien schaffen oder auch Ressourcen sparen?

Wiedermann: Ressourcen zu sparen hat bei der Drucksachenerstellung keine Rolle gespielt. Für uns ist vollkommen klar, dass wir sowohl für die Steigerung der internationalen Attraktivität der Stadt als auch für ihre Attraktivität für Jugendliche deutlich mehr tun müssen. Junge Menschen profitieren von der internationalen Attraktivität der Stadt, aber die Stadt profitiert auch von der Internationalität ihre Jugendlichen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In Hamburg wird gemeinsam mit anderen europäischen Ländern der Airbus gebaut. Dafür braucht man Mitarbeiter, die auch in der Lage sind, interkulturell zu denken und zu handeln. Junge Menschen, die entsprechende Erfahrungen schon mal gemacht haben, haben hier die besseren Ausbildungs- und Beschäftigungschancen. Und wir investieren heute schon in Beratung für Europa. Wir finanzieren zum Beispiel e.p.a., das Europa JUGEND-Büro, das Hamburger Projekt der european play work association (e.p.a.), eine Beratungseinrichtung für europäische Förderprogramme. Daran werden wir grundsätzlich nichts ändern.

JfE: Was wird der wichtigste Schritt auf der politischen Agenda sein?

Wiedermann: Für uns steht im Mittelpunkt Europa für Jugendliche erfahrbar zu machen. Erfahrbar wird Europa für sie nur, wenn sie wirklich mitbestimmen. Wir müssen Jugendliche stärker einbinden in reale politische Prozesse. Wir haben das erstmalig versucht im Rahmen des BSSSC-Jugendnetzwerkes mit einer Konferenz zur der neuen EU-Ostsee-Strategie im Hamburger Rathaus. Jugendliche aus dem Ostseeraum haben ihre Stimmen eingebracht und sie wurden gehört. Die Formen, Jugendliche in reale politische Prozesse ernsthaft einzubinden - daran müssen wir stärker arbeiten.

(Das Interview führte Dr. Helle Becker, Expertise & Kommunikation, im Auftrag von JUGEND für Europa)