JEF-Deutschlandvorsitzender schlägt vor, FreeInterrail-Ticket mit internationalen Jugendmaßnahmen zu koppeln

JUGEND für Europa fragte Manuel Gath, Bundesvorsitzender der Jungen Europäischen Föderalisten (JEF), nach seiner Sicht auf #FreeInterrail.

JfE: Welche Erwartungen knüpfen Sie an ein kostenloses Interrail-Ticket?

Manuel Gath: Das Charmante an der Idee ist, dass solch ein Ticket gleich mehrere Funktionen erfüllen kann. Zum einen sensibilisiert es junge Menschen für das Bahnfahren und bringt mit Sicherheit einigen die Nutzung einer vergleichsweise umweltfreundlichen Art der Fortbewegung näher. Das ist die Umwelterwartung. Zum anderen stärkt es interkulturelle Begegnung. Allen 18-jährigen Bürgerinnen und Bürgern der Europäischen Union wäre es fortan möglich, in einen Zug zu steigen und in ein Land, eine Region, eine Stadt ihrer Wahl zu fahren. Das bringt vormals unbekannte Kulturkreise näher, man entwickelt einen Blick für die kleinen Unterschiede im Alltag der „anderen“ Europäer. Das ist ja der Kern der Losung „In Vielfalt geeint“. Es schafft Begegnung mit anderen jungen Menschen und das schon auf den Reiserouten selbst.

Für mich persönlich ist aber ein anderer Aspekt der FreeInterrail-Idee fast noch zentraler als das Reisen an sich, nämlich der direkte Kontakt der EU mit den jungen Menschen. Das Ticket als solches wird ja kombiniert mit dem Gedanken, dass jeder Jugendliche an seinem 18. Geburtstag oder zeitnah danach eine persönliche Information, sei es per Post oder per E-Mail, von der Europäischen Union mit der Information zum Ticket erhält. Das ist ein direkter Kontakt auf der individuellsten Ebene, die man sich vorstellen kann, und holt das ferne Brüssel ganz nah an die Menschen heran. Darüber hinaus  wird ein ganz gezielter und direkter Transfer sichtbar. Die Europäische Union ermöglicht mir persönlich jetzt genau diese konkrete Möglichkeit. Bürgernäher kann man sich die Europäische Union in der Situation doch überhaupt nicht vorstellen.

JfE: Wie wollen Sie sicherstellen, dass wirklich alle Jugendlichen teilhaben und nicht doch eher diejenigen reisen, die das ohnehin tun würden?

Gath: Hierfür müsste man zusätzlich zu der direkten Kontaktaufnahme auf die bestehende Infrastruktur des jugendlichen Alltags und der Jugendarbeit zurückgreifen. In Jugendämtern, in Gemeindebüros, in Schulen, überall sollten Informationen über dieses Angebot verfügbar sein und beworben werden. Damit lässt sich die Erstinformation der EU gut flankieren. Am Ende wird es aber wohl darauf hinauslaufen, dass erst eine verbreitete Kultur des „Interrailens“ in der Zeit nach dem 18. Geburtstag die Wahrnehmung dieser Möglichkeit nachhaltig im Bewusstsein verankert. Das wird sicherlich nicht von heute auf morgen passieren, sondern dürfte einige Zeit dauern. Umso wichtiger ist es, das gesamte Projekt, angefangen bei aktuellen Piloten bis hin zur Ausgestaltung von Details zu beobachten, zu evaluieren und wo notwendig weiterzuentwickeln.

JfE: Was würden Sie tun, um mögliche Hürden wie fehlendes Geld (z.B. für Unterkunft und Verpflegung, nicht nur fürs Ticket), fehlende Zeit (biografische Zeitfenster) und fehlende Offenheit (soziale Kompetenzen, Sprachkompetenzen) aus dem Weg zu räumen?

Gath: Das sind auf jeden Fall wichtige Punkte, die man beachten muss. Die Grundidee, eine einkommens- und statusunabhängige Möglichkeit der Mobilität zu schaffen, stößt natürlich genau hier an ihre Grenzen. Uns muss klar sein, dass die oben genannten Erwartungen auf Dauer nur erfüllt werden können, wenn die Hürden überwunden werden. Weniger pessimistisch glaube ich aber, dass es viele Akteure gibt, die ein hohes Interesse an einer Erhöhung von Jugendmobilität haben. Hierzu gehören nicht zuletzt Tourismusverbände oder Unternehmen wie Airbnb, die – sofern sie nicht ohnehin als aktive Unterstützer der Initiative gewonnen werden können – vielleicht in anderer Form am Prozess beteiligt werden können. Gleiches gilt für Stiftungen in ganz Europa, die sich der Förderung europaweiter Verständigung verschrieben haben.

Möglich wären z.B. auch die Kooperationen mit einem europaweiten Verbund an Jugendherbergen, die vergünstigte Preise für Interrail-Reisende garantieren. Eine Patentlösung hat die JEF hierfür nicht. Aber ich für meinen Teil finde es enorm wichtig, genau diese Debatte jetzt konstruktiv und mit Blick auf das geplante Pilotprojekt zu führen. Da lässt sich doch viel konkreter beobachten, wie das Angebot von wem in welchem Zeitraum genutzt wird und es deutet sich vielleicht schon an, ob und in welchem Umfang man mit privaten Unterstützungsstrukturen rechnen kann.

JfE: Glauben Sie, dass das bloße Reisen interkulturelle Barrieren und Vorurteile aus dem Weg räumt? Wie sinnvoll sind für Sie pädagogisch begleitete Programme wie die der Internationalen Jugendarbeit? 

Gath: Das bloße Reisen schafft Begegnung, vermittelt neue Eindrücke und die Überbrückung der Entfernungen mit Schnellzügen schärft ein Bewusstsein, wie nah Europa doch zusammenliegt. Es wäre natürlich schön, wenn das bereits ausreichen würde, um Vorurteile und Stereotype abzubauen. Studien bestätigen das in der Form leider nicht. Was mich an der Debatte derzeit aber ein wenig irritiert, ist das starre Gegenüberstellen von FreeInterrail auf der einen und pädagogisch begleiteten Programmen der Jugendbegegnung auf der anderen Seite. Warum denkt man das nicht viel stärker zusammen? Eine ganz konkrete Idee wäre, die Nutzung des FreeInterrail-Tickets an den Besuch einer internationalen Jugendmaßnahme zu koppeln. Was wäre denn, wenn auf einer europaweiten Online-Plattform mit Informationen über das Free Interrail-Ticket auch Informationen über entsprechende Jugendmaßnahmen zu finden wären? Wenn man mit wenigen Klicks Reisen und Angebote der Jugendarbeit verbinden könnte? Man würde ein europaweites Angebot an Veranstaltungen, Seminaren und Begegnungsprojekten präsentieren. Eine Gegenfrage kann ich mir aber an dieser Stelle nicht verkneifen: Sind denn pädagogisch aufbereitete Angebote wie internationale Exkursionen und Bildungsseminare, die ebenfalls mit Teilnehmendenbeiträgen arbeiten, wirklich inklusiver als ein Bahnticket für jeden? Mein Gefühl ist, dass die Gefahr, z.B. überwiegend Menschen mit einem internationalen „mind set“ anzusprechen, in beiden Fällen groß ist. Gerade deshalb ist die möglichst direkte Ansprache aller 18-Jährigen für mich der Kern der FreeInterrail-Idee.

JfE: Wie sollte #FreeInterrail finanziert werden?

Gath: Unsere Verbandsposition ist, dass wir gerne ein zusätzliches Budget dafür hätten, welches bestehende Programme des Austauschs und der Jugendarbeit ergänzen sollte. Was man dazu wissen muss, ist Folgendes: Unsere Beschlusslage entstand zu einer Zeit, in der FreeInterrail kaum mehr als eine lose Idee war und auf einzelne Debattenbeiträge zurückgeführt werden konnte. Die Beschlusslage ist also alles andere als ausgereift. Man wird aber nicht umhin kommen, zunächst mit einem Pilotprojekt zu testen, wie das Angebot angenommen wird. Ich bin z.B. auch dagegen, dass pauschal jede Person sofort ein richtiges Ticket in der Post hat, sondern dieses online abrufen muss. So entstehen für Menschen, die das Ticket dann nicht nutzen, auch keine Kosten. Das ist, glaube ich, eine wichtige Ergänzung zur aktuellen Debatte. Jugendarbeit hingegen ist seit Jahren chronisch unterfinanziert. Unter dem Strich ist unsere Haltung: Fördertöpfe für Jugendarbeit und -mobilität, allen voran Erasmus+ und Leonardo da Vinci, die auch wir in großem Maße für unsere Arbeit nutzen, müssen signifikant erhöht werden. Hiervon darf unter keinen Umständen Geld für FreeInterrail abgezweigt werden! Für eine Budgeterhöhung gibt es aber seit geraumer Zeit kaum politisches Momentum, ganz im Gegensatz zur aktuellen FreeInterrail-Idee. Wir plädieren dafür, diese Debatte aktiv zu nutzen und zu begleiten, um sicherzustellen, dass am Ende wirklich alle einen Mehrwert davon haben, alle jungen europäischen Bürgerinnen und Bürger, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund sowie die Akteure der Jugendarbeit, ob national oder international, haupt- oder ehrenamtlich. Das wäre doch etwas, was sich mit vereinten Kräften viel leichter erreichen ließe.

(Das Interview führte Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

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