"Interregionale Zusammenarbeit befördert die Mobilität junger Menschen"

Regionen, Bundesländer oder Departements spielen in der EU-Jugendstrategie eine zentrale Rolle. So sieht es auch der EU-Ausschuss der Regionen (AdR). Alin Adrian Nica hat in den letzten zweieinhalb Jahren als Vorsitzender der Fachkommission Bildung, Jugend, Kultur und Sport die jugendpolitischen Schwerpunkte mitbestimmt. Ein Interview.

JfE: Herr Nica, als Bürgermeister der Stadt Dudestii Noi in Rumänien sind sie seit einigen Jahren als Vertreter im Ausschuss der Regionen aktiv. Welche Vorteile ergeben sich für die Bürger und Bürgerinnen und die jungen Menschen Ihrer Stadt daraus, auf europäischer Ebene vertreten zu sein?

Alin Adrian Nica: Auf der europäischen Ebene vertreten sein erlaubt den Bürgern und Bürgerinnen, die Gesetzgebung, die einen Einfluss auf ihr tägliches Leben hat, zu beeinflussen und zu verändern. Ein Beispiel dafür ist meine in 2012 erarbeitete Stellungnahme zu den Transeuropäischen Telekommunikationsnetzen. Angesichts des niedrigen Zugangs zu schnellem Breitband-Internet in Teilen Rumäniens und dem fehlenden wirtschaftlichen Wachstumsmöglichkeiten, die vorhandenem High-Speed-Internet in der Regel eröffnen, wollte ich sicher stellen, dass das Projekt die Verbreitung von Internet auch in die abgeschiedenen Regionen Rumäniens hinein sicher stellt, sowie in den Rest Europas. Mein beruflicher Hintergrund als Computeringenieur hat mir bei dieser Arbeit erheblich geholfen.

Ein anderes Beispiel ist das Projekt 'Alaturi de Mine' (Stay With Me) aus Dudestii Noi. Dafür wurden Fördermittel bei Jugend in Aktion beantragt. Es soll im November 2012 starten. Mit dem Projekt sollen Jugendarbeiter aus den verschiedenen europäischen Ländern die Möglichkeit erhalten, Ideen und gute Praxisbeispiele auszutauschen sowie in einem multikulturellen Umfeld zu arbeiten. Ob Fördermittel oder nicht, die Tatsache, dass Jugendarbeiter aus dieser Gegend sich engagieren und sich europäisch orientieren ist ein sicheres Zeichen dafür, dass meine Aktivitäten auf EU-Ebene andere inspirieren, dasselbe zu tun.

Auf europäischer Ebene vertreten sein ist entscheidend, besonders für junge Menschen. Beispiel ehrenamtliche Arbeit: der Europäische Freiwilligendienst erlaubt jungen Menschen in ein anderes Land zu gehen, neue Sprachen zu lernen, neue Berufswege auszuprobieren und sich selbst persönlich zu entwickeln. Die EU kann Mitgliedstaaten wie Rumänien stärken, Freiwilligenorganisationen bei der Überwindung der vielen Hindernisse (z.B. legale, finanzielle) zu helfen. Die EU verfügt außerdem über wichtige Förderprogramme, wie den Europäischen Sozialfond und das Programm „Jugend in Aktion“, die nationalen, lokalen und regionalen Organisationen Unterstützung und Beratung bieten.     

JfE: Die Beteiligung und Integration junger Menschen, insbesondere durch Bildung, Ausbildung, Freiwilligenarbeit und Austausch sind grundlegend für mehr Beschäftigung, bessere soziale Integration, europäische Bürgerschaft und Identität. Was können regionale und lokale Behörden (RLB) hier tun?

Alin Adrian Nica: RLB können die grenzübergreifende Freiwilligenarbeit erleichtern, z.B. indem sie die Entwicklung von Sende- und Aufnahmeorganisationen unterstützen. Aber auch indem sie junge Menschen vor Ort für die internationale Freiwilligenarbeit motivieren.

Die Leitinitiative  „Jugend in Bewegung” der Europäischen Union kann nur mit  regionalen und lokalen Behörden erfolgreich umgesetzt werden, weil sie durch die Nähe zu jungen Menschen am besten ihre Realitäten und Lebenslagen verstehen. Regionale und lokale Behörden können Strukturen zur Förderung von Mobilität in beruflichen Aus- und Weiterbildungsprogrammen schaffen.

Sie können junge Menschen motivieren, sich in Entscheidungsprozessen vor Ort zu engagieren, wodurch die Jugend von heute sich stärker im wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben der Regionen einbringen kann. Dies kann auch dazu beitragen, sich zu gewissenhaften europäischen Bürgern zu entwickeln.

Die Stellungnahme des AdR zum Grünbuch „Förderung der Mobilität junger Menschen zu Lernzwecken” merkt an, dass  RLB einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Mobilität zu Lernzwecken leisten können. Das stimmt besonders, wenn es um Informationen, Beratung und Bewusstseinsbildung geht, aber in den meisten Fällen auch bei der Qualitätssicherung und der finanziellen Förderung.

JfE: Sollte Jugendarbeit als Anbieter nicht formaler Bildung in den Regionen gefördert werden? Könnte die interregionale Vernetzung helfen, die Wertschätzung von Jugendarbeit auf EU-Ebene zu verbessern?

Alin Adrian Nica: Sportvereine, Jugendclubs oder außerschulische Angebote gibt es in der Regel auf lokaler und regionaler Ebene. Natürlich findet es auch national aufgrund politischem Aktivismus statt (durch die Jugendorganisation einer politischen Partei oder themenbezogenes Engagement) oder auf internationaler Ebene durch Jugendaustausch. Trotzdem, die meisten jungen Menschen erleben nicht formale Bildung lokal vor Ort. Deshalb ist es wichtig, dies in den Regionen zu fördern, da diese die Lebensrealität junger Menschen kennen und diese erreichen. Auf jeden Fall sind es oft die kleinen Mobilitätsprojekte (auf lokaler Ebene), die entscheidende Auswirkung haben und dazu beitragen, ein europäisches Bewusstsein zu verfestigen und so die Menschen u.a. ermutigen, Demokratie und Zivilgesellschaft zu unterstützen.

Auch hier haben RLB oft die Aufgabe der Information und Beratung zu Mobilitätsmöglichkeiten und sie finanzieren substantiell.

JfE: Kann die interregionale Kooperation zwischen lokalen und regionalen Behörden jungen Menschen etwas bringen, und welche Rahmenbedingungen braucht es dafür?

Alin Adrian Nica: Ein Bereich der Jugendpolitik, der durch die interregionale Zusammenarbeit am meisten profitiert, ist die Mobilität. Die Kooperation zwischen Regionen könnte zum Freiwilligenaustausch führen, und tut es in vielen Fällen, durch den junge Menschen andere Regionen besuchen und andere Lebensweisen kennen lernen. VINE UK beispielsweise ist ein britisches Netzwerk von Wohltätigkeitsorganisationen, das den Austausch von Freiwilligen zwischen Regionen in Großbritannien als auch in anderen Ländern durchführt. Durch solche Organisationen können junge Menschen für geringe Kosten ihre Region verlassen und andere Lebenswege entdecken.

In seiner Stellungnahme zu „Jugend in Bewegung” regt der AdR auch an, dass die Kommission ein Online-Portal zum Austausch guter Praxisbeispiele auf lokaler und regionaler Ebene zur Integration junger Menschen in den Arbeitsmarkt aufbaut.

JfE: In der Stellungnahme des AdR zur EU-Strategie „In Jugend Investieren“ vom Juli 2010 regte der AdR zur aktiven Beteiligung der lokalen und regionalen Behörden im Peer-Learning Prozess für eine bessere Politikgestaltung und in der Umsetzung und Verbreitung von guten jugendpolitischen Praxisbeispielen an. Was hat er selbst bisher getan?

Alin Adrian Nica: Seit dem Lissabonvertrag aus 2008 muss der AdR zu jugend- und bildungspolitischen Themen durch die drei gesetzgebenden EU-Institutionen konsultiert werden: die Kommission, der Rat der EU und das Europäische Parlament.

Der AdR hat beispielsweise die Europäische Jugendwoche im Mai 2011 mitveranstaltet, auf Anfrage der Europäischen Kommission.  Im Mittelpunkt der Woche standen die Jugenddimension der Europa 2020 Strategie, „Jugend in Bewegung“, die Umsetzung der EU-Jugendstrategie, der Strukturierte Dialog und das Programm „Jugend in Aktion“.  Der AdR führte eine Veranstaltung zum Strukturierten Dialog durch, die jungen Menschen, Jugendorganisationen, Vertreter der EU-Präsidentschaften, das Europäische Jugendforum, nationale Jugendräte und Nationalagenturen „Jugend in Aktion“ zusammen brachte. Im Kern können junge Menschen über den Dialog den politischen Entscheidungsprozess im Jugendbereich auf EU-Ebene beeinflussen.

JfE: Sie haben den Vorsitz der Fachkommission nach zweieinhalb Jahren an Ihren Nachfolger weiter gegeben. Wie würden Sie die Entwicklungen im Jugendbereich während dieser Zeit beschreiben?

Alin Adrian Nica: Die Entwicklung im Jugendbereich der letzten zweieinhalb Jahre war unglaublich dynamisch. Die Europa 2020-Strategie wurde Anfang 2010 mit den Zielsetzungen ins Leben gerufen, u.a. die Quote der frühzeitigen Bildungsaussteiger auf 10% zu reduzieren und den Anteil der 30- bis 34-Jährigen mit abgeschlossener Hochschulausbildung auf 40 % zu steigern. Dafür wurden mehrere Initiativen auf den Weg gebracht, die helfen, das Leben von Millionen junger Menschen zu verändern. Die Initiative „Jugend in Bewegung“ beispielsweise zielt auf die erhebliche Reduzierung der Jugendarbeitslosigkeit bis 2020 durch die stärkere Verzahnung von Bildung und Beschäftigung. Das neue EU-Programm für Jugend, Bildung und Sport wurde vorgeschlagen, durch das die Zahl junger Menschen, die im Ausland studieren, erhöht werden soll.

Was zukünftige Aktivitäten im Jugendbereich betreffen, der Ausschuss veranstaltet am 13. Dezember 2012 eine Konferenz zu „Jugend in Bewegung”. Diese ist die erste in einer Serie von sieben, die in der Zeit bis Ende 2013 stattfinden und an den sieben Leitinitiativen der Strategie ausgerichtet sind. Der AdR bereitst für das Frühjahr 2014 eine Zwischenbewertung der Europa-2020-Strategie vor, in diese sollen die Ergebnisse der Konferenzen einfließen.

Mehr Informationen zu der Konferenz finden Sie hier.

(Quelle: JUGEND für Europa - Servicestelle für die Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland)

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