„Internationale Beziehungen funktionieren nicht so, dass man Vorgaben machen und die Zielerreichung anschließend abfragen kann.“

Prof. Dr. Gerd Taube, 1. Vorsitzender der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ)

„Internationale Jugendpolitik und internationaler Jugend- und Schüleraustausch sind feste Bestandteile der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik.“ (Bundestagsbeschluss S.1) Wie bewerten Sie es, dass der Bundestag den Internationalen Schüler- und Jugendaustausch in der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik verankert?

Gute Jugendpolitik muss immer Ressort- und Querschnittspolitik sein und sich dementsprechend in die verschiedene Politikfelder einbringen, manchmal auch einmischen, um dem Ziel einer jugendgerechten Gesellschaft näher zu kommen. In diesem Sinne ist es offensichtlich, dass Internationale Jugendarbeit mit ihren vielfältigen Angebotsformen für Jugendliche und Fachkräfte immer im Überschneidungsbereich von Auswärtiger Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) und internationaler Jugendpolitik angesiedelt ist.

Sehen wir es doch einmal mit den Augen unserer Partnerorganisationen im Ausland: Für sie ist es nicht vorrangig wichtig, ob ihre Begegnung mit deutschen Jugendlichen mit Geldern des Auswärtigen Amtes (AA) oder des Bundesjugendministeriums (BMFSFJ) gefördert wird. Wichtig ist zunächst, dass der Bund insgesamt so erfreulich viel in den internationalen Austausch investiert, dass die geplante Begegnung aufgrund der Förderung stattfinden kann, und dass die beteiligten zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen gemeinsam frei bestimmen und planen können, welche Schwerpunkte die Jugendlichen im Rahmen des Begegnungsprogramms gemeinsam bearbeiten wollen.

Wichtig ist dabei, dass sich die Ressorts innerhalb der Bundesregierung dazu regelmäßig und mit gemeinsamen strategischen Zielsetzungen aufeinander, und am besten gleich noch gemeinsam mit den Bundesländern, abstimmen. An dieser mangelnden Abstimmung hapert es in unserem Land eher als an der Frage, welches Ressort letztlich den Hut „internationaler Jugendaustausch“ aufhaben sollte.

„Durch internationale Austauschprogramme für Jugendliche, die speziell auf die Ziele unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik abgestimmt sind, kann es gelingen, diese insgesamt noch wirksamer und nachhaltiger zu gestalten. Die der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik zugrunde liegenden Werte wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit können so noch effektiver vermittelt werden. Programme im internationalen Jugend- und Schüleraustausch führen daneben nachweislich zu einer Stärkung von Wissenschafts- und Kulturkooperationen weltweit.“ (Bundestagsbeschluss S.1/2) Teilen Sie diese Auffassung? Welche Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach eine solche Verankerung auf die jugendpolitische Verortung der Internationalen Jugendarbeit?

Die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) ist ja ganz originär für den internationalen Jugendkultur- und den entsprechenden Fachkräfteaustausch zuständig. Der befindet sich schon immer im Schnittfeld von AKBP und internationaler Jugendpolitik. Aber die unzähligen lokalen, regionalen, landes- und bundesweiten Träger von internationalen Begegnungen, die die BKJ vertritt, sind nicht als zivilgesellschaftliche Mittlerorganisationen und im Politikfeld der AKBP bekannt und noch weniger anerkannt. Das zu ändern ist ein Ziel, das die BKJ seit einigen Jahren aktiv verfolgt, wie z.B. durch eine erste grundlegende Studie „Kulturelle Bildung im internationalen Austausch“, die in Kürze vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) veröffentlicht werden wird.

Auf dieser neuen Informationsgrundlage wollen wir die Erfahrungen und die Professionalität des Jugendkultur- und Fachkräfteaustauschs in eine engere Kooperation mit den Akteuren der AKBP einbringen und dabei unsere jugendpolitischen Ziele sehr deutlich vertreten. Diese lassen sich übrigens oft sehr gut mit den außenkulturpolitischen Zielen in Verbindung bringen, wie z.B. erfolgreiche Kooperationen von BKJ-Mitgliedern mit einzelnen Goethe-Instituten belegen. Wir empfehlen also Selbstbewusstsein der jugendpolitischen Akteure im Umgang mit den KollegInnen der AKBP, Einmischung in die Konzepte der AKBP im Sinne von Querschnittspolitik und Ausbau sinnvoller Kooperationsstrukturen statt langwieriger Debatten über Zuständigkeiten.

„Die internationale Jugendarbeit hat dabei das Ziel, gegenseitiges Verständnis junger Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen über die Auseinandersetzung mit jugendrelevanten Themen zu fördern, Toleranz zu stärken, Vertrauen zu schaffen und ein positives Deutschlandbild zu vermitteln.“ (…)„Dazu könnten durch die Einbeziehung des deutschen Auslandsschulwesens und der Goethe-Institute die Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Jugendlichen aus der ganzen Welt das erfolgreiche deutsche Modell der dualen beruflichen Bildung näherzubringen.“ (Bundestagsbeschluss S.1 /2) Wie bewerten Sie diesen Bezug auf Deutschland? Ergeben sich in der globalisierten, europäisierten Welt nicht andere Anforderungen?

Internationale Beziehungen funktionieren nicht so, dass man Vorgaben machen und die Zielerreichung anschließend abfragen kann. Die Einstellung, schon zu wissen, was für die ausländischen Partner wohl das Beste sein wird (hier z.B. die duale berufliche Bildung), bevor das erste gemeinsame Gespräch stattgefunden hat, ist heute keine Grundlage für internationale Kooperationen mehr, egal ob jugend- oder außenkulturpolitisch begründet, egal ob mit europäischen oder z.B. lateinamerikanischen Partnern. Solche Ansätze sind zum Scheitern verurteilt und würden auch vom Bereich jugend.kultur.austausch in der BKJ-Geschäftsstelle nicht mit Fördergeldern unterstützt. Der jugendpolitische Bereich mit seinen Akteuren ist deutlich kooperativ aufgestellt: Subsidiarität, Dialog und partnerschaftliche Zusammenarbeit, auch über Hierarchieebenen hinweg, sind gemeinsam mit den Grundprinzipien der aktiven Teilhabe der Jugendlichen selbst beste Voraussetzungen, um grenzüberschreitende Partnerschaften zu entwickeln, die diese Bezeichnung wirklich verdienen. Als Dachverband halten wir uns daher sehr damit zurück, den Trägern vor Ort nahezulegen, mit welchen Inhalten sie sich bei ihren internationalen Begegnungen beschäftigen sollten. Das wissen sie gemeinsam mit ihren Jugendlichen und ihren Partnern rund um den Globus selbst am allerbesten.

(Das Interview führte Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

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