InterCITY - Interview mit Torsten Rutinowski: "Teilnahme an internationalen Begegnungen muss die Regel sein - nicht die Ausnahme"

Torsten Rutinowski ist Leiter der Fachstelle für internationale Jugendarbeit im Jugendamt Bochum.

Wohin steuert die Jugendpolitik in den verschiedenen Gemeinden Europas? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es auf lokaler Ebene? Und wie können Kommunen ihre jugendpolitischen Vorhaben mit regionalen und nationalen Entscheidungsträgern besser abstimmen und in Bezug auf Europa mehr von einander lernen? Mit diesen und weiteren Fragen haben sich Mitte Oktober in Leipzig rund 90 Vertreter von Kommunen, Trägern und Vereinen aus ganz Europa beschäftigt. Organisiert wurde die Fachkonferenz „InterCITY“ von JUGEND für Europa in Zusammenarbeit mit dem BFMSFJ und dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge.

Herr Rutinowski, Austausch beim europäischen Peer Learning auf der Ebene lokaler Jugendpolitik – so lautete ein Ziel der Fachkonferenz in Leipzig. Ist das Ziel aufgegangen?

Das Ergebnis oder der Lerneffekt der Konferenz war einmal mehr die Einsicht, dass Europa nur in der Vielheit seiner Stimmen zu haben und zu verstehen ist. Die Diversität der Länder verlangt nach unterschiedlichen Ansätzen und Lösungsstrategien, die nicht eins zu eins übertragbar sind. Diese Vielheit muss jedoch erst einmal wahrgenommen und akzeptiert werden. Nur so können Lösungsansätze geschaffen werden, die über bloße Absichts- und Zielerklärungen hinausgehen.

Was heißt das für die Europäische Jugendstrategie?

EU-Kommissionspräsident Barroso sprach vor Jahren noch von Europa als einem weltweit bedeutenden Wirtschaftsraum. Der Blick auf das tagespolitische Geschehen führt dies aber ad absurdum und verlangt nach einer entscheidenden Kurskorrektur hinsichtlich der Zielformulierung. Denn Mobilität per se garantiert noch keine Beschäftigungsfähigkeit – zumindest dann nicht, wenn die Mobilitäten nicht in ein System eingebunden sind, welches langfristig und nachhaltig auf diese hinarbeitet.

In welchen Ländern fällt Ihnen dieses besonders auf?

Portugal und Spanien zum Beispiel. Da gibt es einen Großteil von Jugendlichen, die zwar arbeitslos, aber dennoch gut ausbildet und mobil sind. Insofern müsste man sagen: Diese jungen Menschen sind absolut beschäftigungsfähig. Tatsächlich bleiben sie aber chancenlos und suchen außerhalb ihr Glück.

Was müsste also geschehen?

Solange arbeitsmarktpolitische Impulse ausbleiben, läuft die EU-Strategie ins Leere. Außerdem brauchen wir vielmehr konzertierte Kooperationen zwischen Arbeitsverwaltung, Jugendberufshilfe, Sozialhilfe und Jugendsozialarbeit – und zwar mit dem Fokus auf internationale Formate, ohne dabei die Situation vor Ort aus dem Blick zu verlieren.

Sie arbeiten im Ruhrgebiet, wie sieht die Situation denn dort aus?

Bei uns im Ruhrgebiet fehlen vor allem so genannte Einfachstarbeitsplätze für Jugendliche aus bildungsfernen Schichten. Häufig sind das Schulverweigerer oder Frühabgänger, manchmal kommt noch der Migrationshintergrund dazu.

Ihre Fachstelle kümmert sich schwerpunktmäßig um bildungsferne Jugendliche. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

In Bochum wollen wir uns dafür stark machen, dass die Teilnahme an einem Format der internationalen Jugendarbeit künftig nicht mehr als etwas Besonderes, sondern als etwas ganz Normales angesehen wird. Bezogen auf die EU-Strategie planen wir im portugiesischen Coimbrao ein Short-Term-EVS für 25 jugendliche Frühabgänger der Jugendwerkstatt – im Gegenzug soll es ein Jobshadowing für die portugiesischen Partner in Bochum geben.

Was ist das Besondere?

Die Mobilität ist in einen Prozess eingebunden, der auch nach den Erfahrungen im Ausland nicht abgeschlossen sein wird. Die Jugendlichen werden auch im Anschluss weiterhin betreut und begleitet, um den Übergang in Arbeit oder Ausbildung sicherzustellen. Eine Maßnahme bei uns in der Jugendwerkstatt dauert übrigens ein Jahr.

Haben Ihre Jugendlichen denn selbst auch den Wunsch, dass mehr passiert?

Auf jeden Fall. Die Motivation ist da. Und auch die Offenheit, die jugendliche Teilnehmer an Formaten der internationalen Jugendarbeit zeigen, macht Mut. Man muss den Jugendlichen nur den Raum geben und sie ihre Wünsche auch offen artikulieren lassen.

Was sind dabei Ihre konkreten Aufgaben?

In Bochum koordiniere ich alle Aktivitäten und Programme der Stadt auf internationaler Ebene. Meine Aufgabe ist es, Bochumer Träger lokal, überregional und international zu vernetzen. Die Fachstelle führt vielfältige Formate internationaler Jugendarbeit selbst durch, begleitet diese und berät von der Antragstellung bis zur Durchführung und Abwicklung der Programme.

Und wo drückt der Schuh noch am meisten?

Sagen wir es so: Ich wünsche mir, dass die fehlende oder nur zögerlich in Gang kommende Kooperation zwischen Schulen und freien Trägern bzw. dem Feld der außerschulischen Jugendbildung in Bochum der nächste Schritt ist. Im Rahmen des so genannten Bildungs- und Teilhabepakets BuT sind 33 Schulsozialarbeiter an Bochumer Schulen tätig. Gespannt bin ich auf den Dezember. Da wird es – in Zusammenarbeit mit transfer e.V. und dem Bundesforum Kinder- und Jugendreisen – eine zentrale Arbeitstagung geben, bei der wir ausloten wollen, wie sich diese Kooperation gestalten und im internationalen Feld verorten lässt.

(Das Interview führte Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa)

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