InterCITY - Interview mit Henny Wibbelink: "Als niederländische Gemeinde denken wir europäisch, wo wir nur können"

Henny Wibbelink ist Teammanagerin im Jugendamt der niederländischen Gemeinde ´s-Hertogenbosch, Hauptstadt der Provinz Nordbrabant mit knapp 142.000 Einwohnern.

Wohin steuert die Jugendpolitik in den verschiedenen Gemeinden Europas? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es auf lokaler Ebene? Und wie können Kommunen ihre jugendpolitischen Vorhaben mit regionalen und nationalen Entscheidungsträgern besser abstimmen und in Bezug auf Europa mehr von einander lernen? Mit diesen und weiteren Fragen haben sich Mitte Oktober in Leipzig rund 60 Vertreter von Kommunen, Trägern und Vereinen aus ganz Europa beschäftigt. Organisiert wurde die Fachkonferenz „InterCITY“ von JUGEND für Europa in Zusammenarbeit mit dem BFMSFJ und dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge.

Frau Wibbelink, was haben Sie auf der InterCity-Konferenz gelernt?

Ich hab mal wieder festgestellt, wie unterschiedlich lokale Jugendpolitik sein kann. In jedem Workshop wurden Rollen und Aufgaben von Jugendarbeit unterschiedlich definiert. Der erste Tag war da schon ein bisschen verwirrend. Nicht nur die einzelnen Länder, auch die Vertreter innerhalb eines Landes haben oft verschiedene Konzepte im Kopf. Ich erinnere mich gut daran, wie geschockt einige waren, als ich sagte, dass Jugendarbeit nur dann von Bedeutung ist, wenn sie Jugendlichen direkt hilft, in der Schule bzw. auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein.

Welche Rolle spielt denn das non-formale Lernen in ´s-Hertogenbosch?

Eine große. Wir fördern das non-formale Lernen in ganz unterschiedlichen Formaten mit vielen verschiedenen Partnern. Natürlich unterstützen wir die klassische Jugendarbeit. Wir verfolgen aber auch einen neuen Ansatz. Und der heißt: nachhaltige Jobs für die jungen Menschen direkt nach der Schule schaffen.

Was heißt das konkret?

Früher haben sich unsere Jugendarbeiter in erster Linie darauf konzentriert, für Jugendliche bis – sagen wir mal 16 Jahren – verschiedene Freizeitangebote zu schaffen. Jetzt peilen wir eine andere Altersgruppe an. Junge Menschen zwischen 12 und 22 Jahren sollen von den Jugendarbeitern dazu ermutigt werden, ihre eigenen Aktivitäten zu organisieren. Das schafft gleich mehrere Vorteile. Es gibt mehr Angebote. Die Jugendlichen interessieren sich für diese Angebote und sie bauen natürlich auch ihre Kompetenzen aus. Kompetenzen übrigens, die nötig sind, um auch die Schule erfolgreich abzuschließen und einen Job zu finden.

Welche Rolle können denn die Gemeinden in Europa bei jugendpolitischen Vorhaben spielen?

Wer in diesem Feld als Gemeinde erfolgreich sein will, braucht verlässliche Partner. Ohne geht so was nicht. Und man sollte auch nicht zu ängstlich sein. Was spricht für eine Organisation dagegen, den eigenen Aktionsradius mal auszuweiten? Und warum sollte Know-How nicht mal auf einen anderen Partner übertragen werden, wenn sich herausstellt, dass dieser in einem bestimmten Bereich schon mehr Erfahrungen hat?

Weil es vielleicht immer schwierig ist, wenn es ums Geld geht und sich viele Projektpartner sorgen, dass es mit der Finanzierung und dem Funding nicht recht klappen könnte?

Das stimmt. Und da bin ich auch nicht naiv. Trotzdem sage ich: Manchmal kann es besser sein, einen Partner zu haben, der keine finanziellen Interessen hat. Eine Gemeinde zum Beispiel. Aber das geht nur, wenn die anderen Partner damit einverstanden sind.

Gibt´s denn auch Ansätze, die Sie gerne zu Hause verwirklichen möchten?

Alles, was dazu beiträgt, Jugendlichen in der Schule und beim Übergang Schule-Beruf zu helfen, ist für uns interessant. Ich erinnere da an die exzellenten Beispiele aus London und Antwerpen. Da verfolgen Jugendarbeiter sehr niedrigschwellige Ansätze. Eine Art Streetwork, nah dran am Jugendlichen, mit Schulen und Arbeitgebern als Partnern. Die niederländische Gemeinde Hoogeveen hat uns mit ihren Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit überzeugt. Da werden wir sicherlich einiges von übernehmen.

Wie europäisch sind Sie in Sachen Projekten denn schon in ´s-Hertogenbosch aufgestellt?

In unserer lokalen Jugendpolitik findet sich die Europäische Jugendstrategie voll wieder. Wir benutzen vielleicht nicht die gleichen Fachbegriffe, aber die Ideen und die Prinzipien sind doch die gleichen. Als Gemeinde kennen wir uns mit den Europäischen Programmen gut aus. Für uns ist klar: Ob Gemeinde oder Stadt, jede lokale Regierung sollte sich darum kümmern, Partner bei ihren europäischen Projekten zu unterstützen. Und mehr noch. Die Partner sollten von den Entscheidungsträgern auch motiviert werden, ihre Vorhaben zu realisieren.

Klingt gut, aber wie oft klappt das?

Ich kann da natürlich nur für uns sprechen. Nehmen wir als Beispiel die Schulen. Da fehlt es ja oft an Personal und Know-How, um die entsprechenden EU-Mittel zu beantragen. Da kommen wir dann als Gemeinde ins Spiel. Wir übernehmen die Leitung, bringen Partner zusammen, die im Bereich der Jugendpolitik kooperieren wollen und bemühen uns um Fördergelder. Neben JUGEND in Aktion sind wir derzeit noch in acht anderen Bereichen des Programms „Lebenslanges Lernen“ unterwegs: 5 Leonardo- und 3-Comenius-Programme. In den Niederlanden sind wir die einzige Gemeinde, die sich um Mittel aus all diesen Fördertöpfen bemüht. Anstrengend ist leider nur, dass es oft sehr lange dauert, bis die beantragten Gelder bei uns landen.

Würden Sie sagen, dass Ihre Gemeinde mithilft, das Image von Jugendlichen in der Gesellschaft zu verbessern?

Ehrlich gesagt höre ich aus Ihrer Frage schon einen negativen Unterton heraus. Natürlich hat Jugendpolitik zum Teil mit Problemen zu tun: Schulabbrecher, Erziehungsprobleme zu Hause, gewaltbereite Jugendliche. Aber ich möchte noch einmal betonen, dass sich Jugendpolitik an alle Jugendlichen richtet – nicht nur an diejenigen, die Probleme haben. Und vor diesem Hintergrund habe ich nicht das Gefühl, dass sich unsere Gemeinde darauf konzentrieren müsste, das Image von Jugendlichen aufzupolieren.

(Das Interview führte Marco Heuer im Auftrag von JUGEND für Europa)

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