In jeder Hinsicht bescheiden: Benachteiligte Kinder und Jugendliche brauchen eine andere Jugendpolitik

Eine europaweite Studie untersuchte die Lebenslagen benachteiligter Kinder und Jugendlicher. Fazit: Die Politik tut zu wenig.

Ziel der Studie „Soziale Integration von jungen Menschen am Rande der Gesellschaft: Mehr Möglichkeiten, bessere Zugänge und größere Solidarität“ war es, einen Überblick über die Gründe für prekäre Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen und forschungsbasierte Empfehlungen zu geben. Die Studie fächert das Problemfeld differenziert auf. Dabei fand man offenbar entsprechende bzw. bestätigende Befunde quer durch die EU. Auch wenn die Politik, Bildungs- und Beschäftigungssysteme sowie Zuständigkeiten in den jeweiligen Ländern voneinander abweichen, bleiben unterm Strich die Gründe für prekäre Lebenslagen gleich.

Die politischen Maßnahmen, die Abhilfe schaffen könnten, sind bescheiden. Die Betroffenen sind es meist auch. Grundlage der Studie, die im Auftrag der Europäischen Kommission von Prof. Dagmar Kutsar aus Estland und Prof. Helena Heleva aus Finnland durchgeführt wurde, waren fünf große empirische Untersuchungen, die mit Unterstützung des 7. Forschungsrahmenprogramms der Europäischen Union in den letzten Jahren erstellt wurden.

Zwei der Forschungsprojekte fanden mit deutscher Beteiligung statt: EDUMIGROM (www.edumirgom.eu), eine Studie zu „ethnischen Unterschieden im Bildungsbereich und den Aussichten städtischer Jugend in einem erweiterten Europa“ sowie YOUNEX (www.younex.unige.ch): „Jugend, Beschäftigung und Ausgrenzung in Europa“. Insgesamt hatte man damit einen Stamm von Daten aus elf alten und sechs neuen EU-Mitgliedstaaten.

Wer ist ‚benachteiligt‘?

Ein grundlegendes Problem dieser Forschungen ist die Definition von ‚Benachteiligung‘. Zugleich zeigt sich daran die Vielfalt der Hindernisse, die Kindern und Jugendlichen ein eigenständiges und gutes Leben von Anfang an verstellen. Forscherinnen und Forscher definieren als ‚benachteiligt‘ solche Kinder und Jugendliche, die kaum Rückhalt durch die Familie erfahren oder aus dysfunktionalen, armen oder sozial isolierten Familien und/oder solchen mit geringen Kenntnissen der Landessprache stammen, die heimatlos sind, ethnischen Minderheiten angehören oder einen Migrationshintergrund haben, geringe persönliche Ressourcen besitzen, das heißt, die Schule abgebrochen oder ohne Abschluss beendet haben, geringe Ambitionen für weiterführende Bildungswege aufweisen, abhängig von sozialstaatlichen oder wohltätigen Leistungen sind und die allesamt Schwierigkeiten haben beim Übergang von der Kinder- und Jugendzeit in ein „unabhängiges Leben“.

Haben solche Kinder und Jugendliche ambitionierte Lebensziele, Bildungs- oder Karrierevorstellungen, so können sie diese laut Forschungsergebnissen – wenn überhaupt – nur gegen typische Hindernisse erreichen: weil sie geringe Möglichkeiten und beschränkte Zugänge haben oder nur wenig Rückhalt von ihrer Umwelt erfahren. Dadurch fehlt diesen Kindern und Jugendlichen ‚soziales Kapital‘, das es ihnen ermöglichen würde, die ‚gläserne Decke‘ zu durchstoßen.

Bessere Kinder- und Jugendpolitik notwendig

 Die Definition dieser Bevölkerungsgruppen ist kein rein akademisches Problem: Nur dann, wenn man weiß, wen man meint, kann man auch gezielt Politik für diese Kinder und Jugendlichen machen. So plädieren die Autorinnen für einheitliche Definitionen und wissenschaftlich fundierte Beschreibungen sowie für europaweite Indikatoren. Dann wäre es auch möglich, nationale und lokale Daten zu sammeln und zu vergleichen, am besten jährlich. Verlässliche Definitionen und Daten, so die Hoffnung, könnten eine große Schwäche der Politik beheben helfen. Denn bisher registrieren alle Untersuchungen das Hauptmanko in mangelnden institutionellen und strukturellen Hilfen:

  • ausgrenzende Arbeitsmärkte,
  • nebeneinander herlaufende Bildungs- und Migrationspolitiken,
  • unterentwickelte zivilgesellschaftliche Strukturen,
  • und nicht zuletzt fehlende Übergänge zwischen Wohlfahrtsleistungen, Bildungssystem und Arbeitsmarktpolitik

sind die zentralen Schwächen, wenn es um die Unterstützung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen geht: Deren Bedürfnisse sind schlichtweg politisch unterrepräsentiert. Haben sie keinen familiären Rückhalt, sind sie „einem extrem hohen Risiko sozialer Ausgrenzung“ ausgesetzt. Als ein eindringliches Beispiel nennen die Forscherinnen die Altersbegrenzungen, an die in den meisten Ländern Bildungsmöglichkeiten oder Sozialleistungen gebunden sind. Kinder, die in benachteiligenden Lebenslagen aufwachsen, benötigen frühere Hilfen und benachteiligte junge Erwachsene brauchen länger Unterstützung als solche, die Beistand durch die Familie erfahren.

Die Forscherinnen kommen aus der Analyse der verschiedenen Studien deswegen zu dem Schluss, dass vor allem früh ansetzende Bildungsprogramme wie Vorschulangebote und gezielte Interventionen die biografischen Hindernisse von Kindern kompensieren können. Ausdrücklich nennen sie gemeinwesenorientierte informelle und nicht formale Angebote, die sich an Kinder und Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund richten sollten und so für eine Mischung ethnischer und sozialer Gruppen sorgen könnten. Aus ähnlichen Gründen plädieren sie gegen eine frühe Selektion, die oftmals mit einem negativen ‚labeling‘ durch Lehrkräfte, Sozialarbeiter und anderen einherginge. Kein Wunder, so die Wissenschaftlerinnen, dass viele Jugendliche früh eine Beschäftigung anstrebten, um finanziell unabhängig zu sein, anstatt weiter in die Bildungskarriere zu investieren. Stattdessen benötigten diese Jugendlichen Erwachsene, denen sie vertrauen können, die sie in ihrem Selbstwertgefühl unterstützen und ihren Horizont erweitern.

Handlungskompetenz durch politische Partizipation

 Ein interessanter Punkt ist das Thema ‚Handlungskompetenz‘, dem die Autorinnen der Studie ein ganzes Kapitel widmen. Vor allem gesellschaftliche und politische Partizipation nennen sie als Schlüssel, um benachteiligten Kindern und Jugendlichen den Weg in ein selbständiges Leben zu ebnen. Selbstvertrauen, Handlungskompetenz und Resillienz (Widerstandskraft) würden auch dadurch gestärkt, dass Kindern und Jugendlichen Kenntnisse und Zugänge zu ihren Bürgerrechten und zu politischer Teilhabe ermöglicht würden. Indem sie ihre Rechte kennen, diese „internalisieren“ und Selbstwirksamkeit erführen, könnten Kinder und Jugendliche ihr Potenzial entdecken. Dafür aber bedarf es institutioneller Hilfe und Anerkennung. Diese Anerkennung, auch der speziellen Bedürfnisse dieser Gruppen, müsse eine ganz andere Form von Politik nach sich ziehen, bei der verschiedene Politikbereiche ineinandergreifen.

Es gebe fundierte wissenschaftliche Gründe, so das eindringliche Fazit der Forscherinnen, dass die Lebenschancen der Jugendlichen mit benachteiligendem Hintergründen vor allem abhängig vom politischen Kontext sind, also von der Wohlfahrts-, Beschäftigungs-, Bildungs-, Wohnungs- und anderer Politik der jeweiligen Länder. Mit anderen Worten: Die Lebens- und Karriereaussichten dieser Jugendlichen werden so lange geringer als die der übrigen jugendlichen Bevölkerung bleiben, wie die Politik die besonderen Bedürfnisse dieser Gruppen ignoriert.

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