"Ich wünsche mir, dass Internationale Jugendarbeit politischer wird!"

Mit der Teilinitiative ‚Diversitätsbewusste internationale Jugendarbeit‘ will JiVE den Diskurs über Konzepte von Integration und Diversität in der internationalen Jugendarbeit und der Jugendhilfe unterstützen. Unter anderem tauscht man sich darüber aus, wie ein ‚Empowerment‘ benachteiligter Jugendlicher und junger Menschen mit Migrationshintergrund durch die Teilnahme an Internationaler Jugendarbeit gelingen kann und inwieweit bestehende Ansätze und Methoden des interkulturellen Lernens dazu beitragen können. Dafür werden Expertenforen, Trainings- und Qualifizierungsangebote sowie Study Visits organisiert. Verantwortlich für diese Teilinitiative ist JUGEND für Europa.

Navina Njiabi Bolla-Bong hat als Expertin an Maßnahmen der JiVE-Teilinitiative teilgenommen. Sie arbeitet im Pädagogischen Zentrum Aachen e.V., einer Fach- und Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ausländischer, binationaler und deutscher Herkunft in der ‚Integrationsstelle für Zuwanderer und ihre Familien‘.

JfE: Frau Bolla-Bong, helfen Sie uns: Was ist der Unterschied zwischen interkulturellem Lernen und einem ‚diversitätsbewussten Ansatz‘?

Bolla-Bong: Interkulturelles Lernen hat in seiner Geschichte manche Schieflagen entwickelt, die der Diversitätsansatz meines Erachtens aufzugreifen versucht. Oft wurde in der interkulturellen Pädagogik kulturalisiert, d.h. man ging von bestimmten kulturellen Merkmalen aus, die es zu verstehen und zu kennen gilt, um dann adäquat mit Menschen aus diesen Kulturen umgehen zu können. Der Kulturbegriff wurde sehr einseitig aufgefasst, besonders in kulturellen Zuschreibungen, die manchmal noch an der Tagesordnung sind.

Aber man kann Menschen nicht so kategorisieren. Es gibt  verschiedene, vielschichtige Zugehörigkeits- und Identifikationsmerkmale, die einen Menschen in seiner ganzen Individualität und seinen vielfältigen Bezügen erst zu dem machen, was er ist. Jeder Mensch hat Wurzeln, aber auch Flügel. Die Chance des diversitätsbewussten Ansatzes liegt darin, zu versuchen, eben diese Vielschichtigkeit und möglichst alle möglichen Ausgrenzungsmerkmale zu berücksichtigen. Vielleicht liegt hier aber auch die Schwäche des Ansatzes.

JfE: Warum?

Bolla-Bong: Jeder Mensch in dieser Gesellschaft erlebt an unterschiedlichen Stellen unterschiedliche Betroffenheit durch Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung. Die Mechanismen ähneln sich, es gibt aber auch sehr spezifische Ausgrenzungsmerkmale. Ich muss mir eingestehen können, dass ich z.B. als afrodeutsche Frau eine bestimmte Erfahrung habe, die eines Mannes oder eines behinderten Mannes z.B. aber nur bedingt nachvollziehen kann. Dies hat auch etwas mit Respekt zu meinem Gegenüber zu tun. Auch muss ich mir eingestehen können, dass ich selber diskriminiere und ausgrenze, weil wir in einer Gesellschaft leben, die auf solchen rassistischen Mustern aufgebaut ist. Diese rassismuskritische Perspektive fehlt mir ein Stück weit.

JfE: Was kann Internationale Jugendarbeit leisten?

Bolla-Bong: Ich wünsche mir, dass Internationale Jugendarbeit politischer wird, auf der politischen Ebene Räume eröffnet. Denn Internationale Jugendarbeit kann erst wirklich funktionieren, wenn wir uns auch auf der politischen Ebene unter Gleichberechtigten begegnen. Wenn ich nach Lateinamerika fahre und weiß, dass der Jugendliche, den ich treffe, auch nach Deutschland fahren kann, mit den gleichen Möglichkeiten, den gleichen Förderungen, erst dann können bestimmte rassistische Denk- und Verhaltensweisen aufgebrochen werden.

JfE: Das ist utopisch.

Bolla-Bong: Nein, es ist notwendig. Ich finde es wichtig, dass wir uns dahin auf den Weg machen, dass wir das auch als Politikum verstehen. Wir müssen uns auf einer Augenhöhe begegnen. Das tun wir, weil wir  Menschen sind. Aber wenn wir faktisch nicht die gleichen Rechte und Chancen haben, bleibt immer ein Machtungleichgewicht. Das können wir nicht so einfach aufheben, obwohl wir mehr oder weniger direkt davon profitieren. Die Ebene bleibt – wie soll ich sagen? – schief. Dies aufzuheben wäre letztendlich ein Ziel Internationaler Jugendarbeit. Auf dem Weg dahin kann sie sensibilisieren. Sie kann die Augen öffnen, andere Realitäten wahrnehmbar machen. Das empfinde ich als sehr wertvoll.

JfE: Was bringt die JiVE-Teilinitiative?

Bolla-Bong: Ich finde es gut, darüber in ein kritisches Nachdenken zu kommen, allen Jugendlichen Zugänge zur Mobilität zu eröffnen, um am Ende Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser sehen und  respektieren zu können und sich auf mehreren Ebenen neu zu begegnen. Es muss akzeptiert werden, dass jeder junge Mensch, der solche Erfahrungen macht, diese anders verarbeitet und sich auf seinen persönlichen individuellen Weg damit macht. Da dürfen wir nichts aufoktroyieren, zum Beispiel, weil wir meinen: Du musst dich jetzt mit Rassismus oder deiner Ausgrenzungserfahrung beschäftigen! In dem Workshop, in dem ich gerade war, waren wir uns einig, dass Jugendliche zunächst einmal geschützte Räume brauchen, für den Austausch mit anderen, die das Gefühl haben, ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben. So kann man sich gegenseitig stärken.

JfE: ‚Stärken‘ wird ja auch mit ‚Empowerment‘ übersetzt. Wie werten Sie das Thema dieser Tagung? Steckt nicht auch im Begriff ‚Empowerment‘ ein gewisses ‚Sendungsbewusstsein‘?

Bolla-Bong: Ich finde den Empowerment-Ansatz, um den es während dieser Tagung ging, wichtig und bedeutsam. Ich leite ihn aus der schwarzen Bewegung ab, aus der schwarzen globalen Community, aber natürlich gibt es noch andere Tradierungslinien. Ich finde den Ansatz deswegen wichtig, weil er ‚Selbstermächtigung‘ in dem Sinne bedeutet, dass alle ungehinderten Zugang zu ihren eigenen Potenzialen, ihrer eigenen Macht, bekommen und dadurch Schönes schaffen können. Und wir sollten verantwortungsbewusst mit Macht umgehen, uns nicht selbst klein machen und auch nicht versuchen, die Macht eines anderen Menschen klein zu machen. Aber es stimmt schon, man muss auch bei diesem Konzept aufpassen, dass man den Jugendlichen nicht etwas aufoktroyiert. Auch hier muss ich den jungen Menschen Raum geben, eigene Erfahrungen zu machen, eigene Wege zu entdecken und zu gehen. Man kann sie dabei unterstützen, Ressourcen bereitstellen, zur Seite stehen und geschützte Räume schaffen. Da, finde ich, ist viel in Bewegung. Das freut mich.

(Das Interview führte Dr. Helle Becker im Auftrag von JUGEND für Europa)

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