Heimliche Liebe? Studie diagnostiziert bei vielen Jugendlichen eine "europäische Identität".

Im Ländervergleich identifizieren sich deutsche Jugendliche stark mit Europa, behauptet eine europäische Studie, die Jugendliche in fünf Ländern befragt hat. Positiv wirken sich häufige und längerfristige Auslandsaufenthalte aus. Jugendliche, die Europa als Chance für die eigene Lebensgestaltung begreifen, fühlen sich ebenfalls stärker als Europäer.

via University of Edinburgh

Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass Jugendliche in Deutschland wenig an Europa interessiert sein, kommt die Studie „Orientations of Young Men and Women to Citizenship an European Identity“ zu einem anderen Urteil: Auf die Frage „Wie stark fühlst du dich als Europäer?“, antworteten 63,5 % der westlichen und 63,3 % der östlichen befragten Jugendlichen mit „stark“ oder „sehr stark“. Dies waren die höchsten Werte innerhalb der Ländergruppen. Knapp einem Drittel der befragten Jugendlichen ist es wichtig für die eigene Identität, Bürger der EU zu sein. 46,3 % im Westen bzw. 38,8 % im Osten sehen positive Einflüsse der EU auf das eigene Land. Übrigens korrelieren die nationale und die europäische Identität hochgradig, denn 38 % bzw. 45,6 % halten es auch für wichtig, Deutsche zu sein.

An dem dreijährigen Forschungsprojekt, das von der EU gefördert wurde, nahmen Forscherteams aus Deutschland, Großbritannien, Österreich, Spanien, Tschechien und der Slowakei teil. Es wurden repräsentative Umfragen unter jeweilig 400 Jugendlichen im Alter von 18 – 25 Jahren durchgeführt. In Deutschland kamen die Jugendlichen aus Bielefeld und Chemnitz. Der nun veröffentlichte Endbericht fasst die Forschungsergebnisse zusammen und gibt Politik-Empfehlungen.

Die Forscher gingen auch der Frage nach, welche Faktoren sich positiv oder negativ auf die Ausbildung einer "europäische Identität" auswirken. Sie stellten fest, dass sich Jugendliche um so stärker mit Europa verbunden fühlen, je häufiger und länger sie das europäische Ausland besucht hatten oder je mehr europäische Sprachen sie sprechen. Jugendliche, die Europa als Chance für die eigene Lebensgestaltung begreifen und es vor allen Dingen mit Mobilität in Verbindung bringen, fühlen sich ebenfalls eher "europäisch". Die Vermutung jedoch, dass Personen mit höherer Schulbildung eine stärkere europäische Identität haben, kann innerhalb der untersuchten Länder wenig, für Deutschland sogar gar nicht bestätigt werden. Vielmehr ist unklar, ob und wie Wissen und Interesse korrelieren.

Fest steht allerdings, dass die deutschen Jugendlichen wenig über Europa wissen. So sagen 38,4 % in Westdeutschland und 33,3 % in Ostdeutschland, dass sie „selten“ oder „gar nicht“ von Europa in der Schule gehört haben. Auch wenn sie sich positiv äußern, können die meisten nichts zu den Einflüssen der EU auf das eigene Land sagen. Je mehr sich jedoch Jugendliche mit Europa identifizieren, um so eher werden Menschen anderer Herkunft als Bereicherung betrachtet und wird Fremdenfeindlichkeit abgelehnt. Die Forscher empfehlen daher auch in ihren Schlussfolgerungen, Mobilitätsprogramme zu starten, die viele unterschiedliche Jugendlichen erreichen, um breitet direkte Erfahrungen im europäischen Ausland machen zu können. Sie folgern auch, dass das Vertrauen in die nationalen politischen Systeme das Zutrauen und Interesse an europäischer Politik stärken würde. Ganz wichtig sei in diesem Zusammenhang das subjektive Gefühl, politisch teilhaben zu können. Europäische Identität, so das Resümee, sei als Ergänzung der persönlichen Identität zu begreifen. Oder, wie es eine Jugendliche im Interview ausdrückte: „Es sind verschiedene Seiten in einem, denke ich. Man ist Deutsche, man ist Ostwestfälin, aber man ist genauso Europäerin.“

Weitere Informationen bietet die Projekthomepage: www.sociology.ed.ac.uk/youth/

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