Gehirnstürme: Erstes Werkstattgespräch zur „Partizipation junger Menschen im demokratischen Europa“

Eingeladen hatte die Transferstelle für die jugendpolitische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der EU bei JUGEND für Europa.

Im Haus der Jugend in Berlin war es eng am Tisch. Kein Stuhl passte mehr in die Runde. 20 Menschen mit Knowhow hatten sich  den Kopf zum Thema „Partizipation junger Menschen im demokratischen Europa“ zermartert. Im Rahmen der Umsetzung der EU-Jugendstrategie sollten sie Anregungen und Aktivitäten der Jugendpolitik für multilaterale Kooperationen identifizieren und verbreiten.

Europäisches Peer Learning im Jugendbereich

Für diese Kooperationen hatte das zuständige Bundesjugendministerium fünf Themenschwerpunkte gesetzt. Damit soll Ernst gemacht werden mit dem `Peer Learning´, das in der EU-Jugendstrategie ganz oben auf der Agenda steht und zwar in den Bereichen:

  • „Übergänge zwischen Schule, Ausbildung und Beruf“,
  • „E-Partizipation“,
  • „Eigenständige Jugendpolitik“,
  • „Freiwilligendienste auf europäischer Ebene“
  • und eben „Partizipation junger Menschen im demokratischen Europa“.

Zunächst galt es erst einmal, die Sichtweisen und Ideen von Expertinnen und Experten, Praktikerinnen und Praktikern auf nationaler Ebene einzuholen. „Werkstattgespräche“ heißen die Runden, in denen per Brainstorming ausgelotet wird, wie ein multilaterales „Peer-Learning-Projekt“ zum Thema „Partizipation junger Menschen im demokratischen Europa“ aussehen könnte.

In der Runde war viel Erfahrung in Sachen politischer Partizipation und internationaler Zusammenarbeit versammelt: Da ist Georg Pirker, der Internationale Referent des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten, und Ann-Kathrin Fischer, die das Umsetzungsprojekt zur EU-Jugendstrategie „Strukturierter Dialog“ leitet. Der Jugendforscher Winfried Krüger von der DWS-Stiftung saß neben Darius Müller vom Bildungs- und Begegnungszentrum Schloss Trebnitz, das viel mit Partnern aus Polen und Osteuropa kooperiert. Svetlana Alenitskaya von der Bundeszentrale für politische Bildung, die dort den „Jugenddemokratiepreis“ betreut, kennt die ganze Breite möglicher Projekte in dem Feld. Das Bundesjugendministerium nahm gleich mit drei Vertreterinnen und Vertretern teil, aus den Referaten Internationales/Europa, Jugend und Bildung sowie dem Grundsatzreferat, das zugleich zuständig für den Kinder- und Jugendbericht ist.

Den Aufschlag machte Klaus Waldmann, Bundestutor bei der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (ET). Er und Ina Bielenberg, Geschäftsführerin des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB), hatten schon im Vorfeld der Veranstaltung ein Papier erarbeitet, das zentrale Fragen zusammentrug. Welche Projekte und Maßnahmen zur politischen Bildung und Partizipation für Kinder und Jugendliche gibt es in den Mitgliedstaaten? Wie werden insbesondere marginalisierte Kinder und Jugendliche erreicht? Und wie gehen wir mit der zurückgehenden Beteiligungsbereitschaft Jugendlicher in den repräsentativen Systemen um, mit den rechtsextremen und nationalistischen Tendenzen in einigen EU-Ländern oder mit den jüngsten Unruhen wütender Jugendlicher in Südeuropa?

In zwei Arbeitsgruppen, geleitet von Jochen Butt-Pośnik und Claudius Siebel von der Transferstelle, wurden Ideen, Bedenken, Begriffsschärfungen gesammelt. Von welchen Themen verspricht man sich neue Erkenntnisse aus anderen Ländern? Wozu hat man aus Deutschland etwas beizutragen? Während die eine Gruppe Begriffsverständnis, Strukturen und Bedingungen politischer Partizipation von Kindern und Jugendlichen thematisieren wollte, sammelte man in der anderen konkrete Forderungen nach günstigen Bedingungen für Jugendpartizipation. Welche Erfahrungen macht man in Ländern, in denen Jugendpartizipation rechtlich verankert ist? Wie bewirkt man, dass Entscheider Macht abgeben? Bringt die Herabsetzung des Wahlalters etwas? Wie wirken Partizipationsprojekte, die von JUGEND für Europa gefördert wurden? In welchen Ländern vermutet man überraschende Formate, systematische Beteiligungsformen? 

Als die beiden Gruppen nach diesen Gehirnstürmen die Metaplan-Wände zusammenstellten, konnte man sehen, dass sich die Anliegen ähneln. Vor allem in der Forderung, dass Jugendliche selbst mitsprechen sollten, war man sich sehr einig.

Einschätzungen und Ausblicke

Damit rennt man beim 20jährigen Maximilian Render offene Türen ein. Er lacht, dass er der „Vorzeigejugendliche“ in der Runde sein soll. Auch er kennt sich aus mit Partizipation. Nach dem Abitur, so erzählte er, habe er eine Projektskizze bei der Verwaltung der Städteregion Aachen eingereicht, die zum Ziel hatte, Jugendliche für gesellschaftliche und politische Beteiligung begeistern. „Ich habe es einfach gemacht. Ich habe einfach gesagt, da müssen wir ran, das ist eine Möglichkeit, einen Missstand zu beheben.“ Nun absolviert er dort sein Freiwilliges Soziales Jahr und setzt seine Idee mit einer Jugendinitiative über JUGEND IN AKTION um. Wo das Werkstattgespräch hinführen soll? „Ich hoffe einfach, dass man nicht über Jugendliche redet, sondern mit Jugendlichen redet.“

Tim Scholz von der Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein in Werneuchen/Werftpfuhl gefällt es, dass die Teilnehmenden aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommen und hier freie Träger, Ministerium und Nationalagentur an einem Tisch sitzen. Allerdings wäre er gern zu einem gemeinsamen Verständnis von `Partizipation´ gekommen: „Ich hätte mir da noch längere Diskussionen gewünscht.“ Dafür hat der Nachmittag nicht gereicht. Eine Verstetigung hält er ohnehin für angesagt: „Es wäre schön, wenn diese Werkstattgespräche nicht eine einmalige Geschichte sind und ich würde mir wünschen, wenn die freien Träger auch zukünftig in diesem Prozess des `Peer Learning´ eingebunden sind.“

Auch Klaus Waldmann möchte eine Fortsetzung: „Und ich würde mir wünschen, dass eine Begleitgruppe für dieses multilaterale Projekt gibt, die auch die nationale Debatte weiter vorantreibt.“ Wenn dann auch bei der Realisierung des Projekts Träger, Administrationen und Politik beteiligt sind, wäre für ihn die Sache rund. Er hat auch schon konkrete Vorstellungen: „Es müsste ein Projektdesign entwickelt werden, mit sechs bis sieben Ländern, die gut gemischt sein sollten, um unterschiedliche Kulturen von Partizipation und Beteiligung in den Blick zu nehmen.“ Fragen nach der Gestaltung von Bildungsprozessen zur Förderung von Partizipation und die Rolle der Anerkennung von Kindern und Jugendlichen darin interessieren ihn besonders.

Claudius Siebel und Jochen Butt-Pośnik versprachen eine Fortsetzung. Während sie mit Blick auf die vielen Metaplankarten noch grübelten, wie sie alles zusammenfassen können, machten sie sich nach diesem lebhaften Tag um eines sicher keine Sorgen: dass den Mitdenkern die Ideen und Fragen ausgehen.

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