06.07.2011Nicht formale Bildung

Garantiert zwiespältig: Rat für Beschäftigung will bessere Anerkennung nicht formalen Lernens

Die Anerkennung nicht formaler Bildung soll zur Erwerbsfähigkeit beitragen. Eine "Jugend-Beschätigungs-Garantie" wollen die EU-Mitgliedsländer jedoch nicht.

Die Ministerinnen und Minister für Beschäftigung, Sozialpolitik, Gesundheit und Verbraucherschutz in der Europäischen Union nahmen auf ihrer Ratssitzung im JuniSchlussfolgerungen zur Förderung der Jugendbeschäftigung an.

Vor dem Hintergrund der Strategie Europa 2020 erörterte der Rat die Situation der Jugendlichen auf den europäischen Arbeitsmärkten. Eine Jugendarbeitslosigkeit von im Schnitt 20,8 %, prekäre Arbeitsverhältnisse und ein gleichzeitig drohender Fachkräftemangel kennzeichnen die Lage. Vor allem junge Menschen mit unzureichender Berufsausbildung, Schulabbrecher oder Jugendliche aus marginalisierten und benachteiligten Milieus sind gefährdet.

Erstmalig fordert der Rat nicht nur eine Verbesserung der formalen Bildungs- und Ausbildungssysteme, sondern auch eine bessere Anerkennung nicht formaler Bildung, „damit die Ungleichgewichte zwischen Qualifikationsangebot und Arbeitsmarktbedürfnissen verringert werden können.“ Im Klartext: Nicht formale Bildung soll die Schlüsselkompetenzen bringen, die Arbeitgeber häufig schmerzlich vermissen.

Außerdem sollten die Mitgliedstaaten unter anderem „Arbeitserfahrungsprogramme und Freiwilligentätigkeit“ fördern. Um den Eintritt junger Menschen in den Arbeitsmarkt zu erleichtern und zu beschleunigen, sollen „aufsuchende Strategien“ ausgebaut werden, etwa durch Partnerschaften „zwischen Arbeitsvermittlungsdiensten, Einrichtungen der allgemeinen und beruflichen Bildung, sozialen Diensten und Berufsberatungsdiensten, Sozialpartnern und Jugendorganisationen“. Auch eine „hochwertige Mobilität junger Menschen auf nationaler wie auch europäische Ebene“ sei zu diesem Zweck zu fördern, heißt es in den Schlussfolgerungen des Rates.

Aus Sicht des Rates hängt (fast) alles an einer Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von jungen Menschen: Diese sei für die Einlösung der beschäftigungspolitischen Kernziele im Rahmen der Strategie Europa 2020 und für die die Förderung eines intelligenten, nachhaltigen und integrativen Wachstums „von entscheidender Bedeutung“, heißt es in den Schlussfolgerungen. Eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung leiste einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Tragfähigkeit der Sozialleistungs- und Altersvorsorgesysteme und zur Stabilität der öffentlichen Finanzen. Und nicht zuletzt fördert Beschäftigung die soziale Inklusion.

Deswegen spricht sich der Rat auch dafür aus, „die EU-Fonds, vor allem den Europäischen Sozialfonds, bei der Umsetzung der jungendpolitischen Maßnahmen voll auszuschöpfen“. Außerdem bittet er die Mitgliedstaaten, „rasch einzugreifen, indem jungen Menschen, die weder eine Arbeit haben noch eine allgemeine oder berufliche Ausbildung absolvieren, Weiterbildungs-, Umschulungs- oder Aktivierungsangebote gemacht werden, damit sie möglichst schnell in die allgemeine oder berufliche Ausbildung bzw. auf den Arbeitsmarkt zurückgeholt werden können und das Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung verringert wird.“

Die Kommission hatte sich in einer Mitteilung vom 15. September 2010 in diesem Punkt eine so genannte „Jugend-Garantie“ gewünscht, ein Anrecht für jeden Jugendlichen in der EU, spätestens vier Monate nach Schulabgang eine Erwerbstätigkeit aufnehmen oder eine Bildungsmaßnahme nutzen zu können.

Lazlo Andor, Kommissar für Beschäftigung und Soziales, meldete seine Enttäuschung darüber an, dass der Rat diese Garantie nicht gegeben habe: „Ich hoffe“, sagte er laut „Youth Policy Watch“, einem Newsletter des Europäischen Jugendforums, „dass die Mitgliedstaaten bereit sein werden, diese Position in naher Zukunft zu revidieren und vergleichbare Maßnahmen einzuführen.“

Ob mit oder ohne Garantie: Der Flirt des Beschäftigungsrats mit der Anerkennung von "in nicht formalen Zusammenhängen" erworbenen Fähigkeiten ist zwiespältig. Damit wird die Linie der politischen Unterstützer zwar breiter, das Verständnis, was informelles und nicht formales Lernen bringen soll, aber enger.

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