15.02.2018Nicht formale Bildung

Für eine starke nicht-formale Komponente im Europäischen Bildungsraum

Als Motor für den Zusammenhalt europäischer Gesellschaften rücken Kultur und Bildung immer stärker in den Vordergrund, zuletzt auch mit der von der EU-Kommission vorgestellten Vision eines Europäischen Bildungsraums. 2018 werden außerdem Vorschläge für die neue EU-Jugendstrategie und die zukünftige Generation der EU-Förderprogramme erwartet. Dies sorgt aktuell für einen regen Austausch zur Gestaltung der bildungs- und jugendpolitischen Zusammenarbeit in Europa.

Bildungs-, Jugend- sowie Sozialpolitik zählen weitestgehend zu den Kompetenzen der Mitgliedstaaten in der EU. Die Realität zeigt jedoch, dass die Herausforderungen wie Jugendarbeitslosigkeit, Bildungschancen, Kampf gegen Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit nicht vor Ländergrenzen Halt machen und daher eine Festlegung gemeinsamer Ziele und Strategien benötigen, denn es geht um die Zukunftschancen aller jungen Menschen in Europa. Konzentrierten sich diese Bemühungen seit der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen, zeigten die in der EU zunehmenden populistischen und nationalistischen Bewegungen sowie die vergangenen Terroranschläge bald, dass Bildung- und Jugendpolitik sich wesentlich stärker der Vermittlung von Grundwerten der EU widmen sollte. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde mit der Verabschiedung der Erklärung zur Förderung von Politischer Bildung und der gemeinsamen Werte von Freiheit, Toleranz und Nichtdiskriminierung in Paris im März 2015 getätigt. Mit der Initiative der EU-Kommission zur Schaffung eines Bildungsraums bis 2025 soll nun weiter in beide Richtungen gearbeitet werden.

Einblicke in den geplanten Prozess und die Instrumente der bildungs- und jugendpolitischen Zusammenarbeit in Europa lieferte im Januar ein Fachdialog in Berlin sowie der erste europäische Bildungsgipfel in Brüssel. Die Fachtagung in Berlin zur Zukunft von Erasmus+ und dem europäischen Bildungsraum von Frank Burgdörfer von der Europäischen Bewegung Deutschland moderiert. „Bildung ist ein essentielles Thema in einer Zeit, in der es viel Kritik an der EU gibt und relevante Teile der Bevölkerung ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen, indem sie für Populisten stimmen,“ sagte er zur Einführung. Nach dem Impulsvortrag eines Bildungsexperten der EU-Kommission diskutierten Europa-Fachleute von bildungspolitischen Institutionen, Jugend-Organisationen und Sozialpartnern in drei Podien über formale und berufliche Bildung. Bemerkenswert war, dass auch die nicht-formale Bildung im Fachdialog in Berlin mit Lisi Maier (DBJR), Uwe Finke-Timpe (BMFSFJ) und Hans-Georg Wicke (JUGEND für Europa) ein eigenes Podium hatte. Diese Sichtbarkeit wurde der nicht-formalen Bildung während des anschließenden Bildungsgipfels in Brüssel nicht eingeräumt.

Gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen

In seiner Mitteilung zur Schaffung eines europäischen Bildungsraums bis 2025 betonte EU-Kommissar Tibor Navracsics, dass Bildung dabei helfen solle, sich an eine Welt im raschen Wandel anzupassen, eine europäische Identität zu entwickeln, andere Kulturen zu verstehen und die neuen Fertigkeiten zu erwerben, die eine mobile, multikulturelle und zunehmend digitale Gesellschaft bräuchte. Besonders im Bereich der Entwicklung sozialer Kompetenzen sowie in der Wertevermittlung verbuchen vor allem die nicht-formale Bildung und der Jugendbereich in Erasmus+ nennenswerte Erfolge. Im ganzheitlichen Verständnis von Bildung geht es nicht nur um Lernergebnisse, die mit Abschlüssen nachgewiesen werden können, sondern auch um Haltung und soziale Kompetenzen, die genau so entscheidend für Persönlichkeitsentwicklung, berufliche Laufbahn und gesellschaftliche Teilhabe sind. Die Anerkennung dieses Beitrags fehlt aber bislang im Vorschlag der Kommission.

Grenzüberschreitende Mobilität und Bildung für alle

Erasmus+ ist in diesem Sinne ein einzigartiges Programm, das jugendpolitische sowie bildungspolitische Elemente beinhaltet. Dies wurde im Fachdialog in Berlin besonders sichtbar. So zeigte Hans-Georg Wicke, Leiter von JUGEND für Europa, einerseits Verständnis dafür, dass der Vorschlag der EU-Kommission zur Schaffung eines europäischen Bildungsraums kaum nicht-formale oder gar jugendpolitische Elemente beinhalte. Wenn dennoch Erasmus+ und das Europäische Solidaritätskorps im Vorschlag als Instrumente genannt würden, könnten die Beiträge der nicht-formalen Bildung und der Jugendprogramme nicht ausgeschlossen werden. „Der Jugendbereich in Erasmus+ repräsentiert zwar nur 10% des Budgets, hat aber die zweithöchste Teilnehmerzahl im Programm, die meisten beteiligten Organisationen und die meisten Teilnehmenden mit erhöhtem Förderbedarf. Insofern ist die Anerkennung dieser Leistung besonders wichtig.“ erklärte er. „Es gibt außerdem auch genug junge Menschen, die von den Angeboten der formalen Bildung nicht angesprochen werden. Diese zu erreichen und eine umfassende Bildungserfahrung gemeinsam zu gestalten, dafür hat Erasmus+ JUGEND IN AKTION eine wesentliche Bedeutung.“

Die Mehrwerte des Jugendbereiches in Erasmus + betonte ebenfalls Uwe Finke-Timpe, Referatsleiter Europäische und internationale Jugendpolitik im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in Berlin: „Die nicht-formale Bildung ist gerade vor dem Hintergrund, dass breitere Kreise erreicht werden sollten, wichtig. Jeder junge Mensch in Europa muss die Chance bekommen einmal eine Maßnahme gemacht zu haben: Leider werden aber im Jugendbereich, in manchen Leitaktionen, über 50 Prozent der Anträge, die bewilligungsfähig wären, abgelehnt, weil die Mittel nicht reichen.“

Hier ist man sich in den aktuellen Diskussion um die Zukunft von Erasmus + einig: Das Budget muss aufgestockt werden, und sei es erstmal nur um den aktuellen Bedarf gerecht zu werden. Lisi Maier, Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings, betonte in Berlin, dass mit einer Mittelaufstockung nicht automatisch ein Ausbau der Förderformate einhergehen müsse; ein erhöhtes Budget solle dazu dienen mehr Teilnehmende zu erreichen.  

Darüber hinaus sollte Erasmus + aber insgesamt auch als ein persönlichkeitsbildendes Programm wahrgenommen werden. Umso wichtiger erscheint es daher, der nicht-formalen Bildung in einem Europäischen Bildungsraum mehr Gewicht und nachhaltige Kooperationsmöglichkeiten zu verschaffen.

(JUGEND für Europa)

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