02.08.2012Freiwilliges Engagement

Freiwilliges Europäisches Jahr für alle Bürger: „Wenn es ernst gemeint ist, muss es konkreter werden“

Ein Freiwilliges Europäisches Jahr für alle Bürger soll der Idee Europas neuen Schwung verleihen. Die Zeitschrift „kulturaustausch“ interviewte Hans-Georg Wicke, den Leiter von JUGEND für Europa.

Ulrich Beck und Daniel Cohn-Bendit fordern in ihrem kürzlich veröffentlichten „Manifest zur Neugründung Europas von unten" ein Freiwilliges Europäisches Jahr für alle Bürger. Der von Ihnen geleitete und seit 1996 existierende Europäische Freiwilligendienst wird darin gar nicht erwähnt. Wie erklären Sie sich das?

Ich interpretiere es so, dass der Europäische Freiwilligendienst in diesem Europäischen Jahr mitgedacht ist. Für mich schließt das eine das andere nicht aus. Im Gegenteil. Wir erreichen ja nur Menschen zwischen 16 und 30 Jahren. Im Manifest von Beck und Cohn-Bendit geht es um ein Europäisches Jahr für alle.

Über Ihren Europäischen Freiwilligendienst können sich junge Menschen in einem gemeinnützigen Projekt im Ausland engagieren. Was wollen Sie konkret damit erreichen?

Eine aktive europäische Bürgerschaft ist das Ziel. Es ist wichtig, Europa verstehen zu lernen und einen aktiven Beitrag zu leisten, etwa, indem man für ein Flüchtlingsprojekt in Griechenland arbeitet. Mehr als 70.000 junge Menschen haben bislang europaweit am Programm teilgenommen.

Können Sie Menschen aus allen sozialen Schichten ansprechen?

Wie andere Freiwilligendienste haben wir Probleme, sogenannte benachteiligte Jugendliche zu erreichen – Menschen mit problematischen sozialen Bedingungen oder einer Behinderung. Besonders schwer ist es, Jugendliche einzubeziehen, die im Übergang zwischen Schule und Beruf in Sozialarbeitsprojekten gelandet sind. Das liegt aber nicht am mangelnden Interesse, sondern an den Rahmenbedingungen.

Inwiefern?

Ein arbeitsloser Jugendlicher ist darauf angewiesen, dass er mit seiner örtlichen Arbeitsagentur und seinem Entsender ein spezielles Arrangement treffen kann, um nicht sämtliche Ansprüche zu verlieren. Das ist möglich, liegt aber im Ermessen der örtlichen Arbeitsverwaltung. Die Idee, dass junge Menschen aus dieser Zielgruppe für einen Freiwilligendienst ins Ausland gehen, wird nicht überall angenommen.

Ein mit EU-Geldern finanziertes Programm scheitert auf nationaler Ebene, weil ein Mitarbeiter des Arbeitsamts sich querstellt?

Ja, die Menschen in den jeweiligen Funktionen haben nicht unbedingt eine europäische Perspektive. Auch insofern ist das „Manifest zur Neugründung Europas von unten" wichtig, weil es auch auf die politischen Entscheidungsträger zielt. Ein Europäisches Freiwilligenjahr braucht prominente Unterstützung und eine entsprechende Politik. Eine der entscheidenden Fragen lautet: Wie kann es organisiert und finanziert werden? Wenn es ernst gemeint ist, muss es konkreter werden.

Das Manifest proklamiert ein Freiwilliges Jahr für alle – unabhängig von Alter, Beruf und sozialer Schicht. Wenn Arbeitsämter schon bei jungen Leuten schwerfällig reagieren, ist es dann nicht wirklichkeitsfern, den 6o-jährigen Taxifahrer oder einen älteren Arbeitslosen ins Ausland zu schicken?

Für mich wäre es nur wirklichkeitsfern, wenn man so tun würde, als ob die Idee des Manifests ohne Weiteres praktisch umzusetzen sei. Inhaltlich finde ich es richtig, allen Bürgerinnen und Bürgern so ein Freiwilliges Jahr zu ermöglichen. In jedem Fall müssen aber die Umfelder mitgestaltet sein. Bei älteren Arbeitslosen haben Sie die gleichen Probleme wie bei den jungen. Bei Angestellten wiederum stellt sich die Frage: Wie kommen sie aus ihrem Dienst heraus, ohne es sich komplett mit ihrem Arbeitgeber zu verderben, und wie kommen sie hinterher wieder hinein?

Kritiker des Manifests warnen, man versuche über solch ein Programm in der Eurokrise kostengünstige Arbeitskräfte zu aktivieren. Ist diese Befürchtung berechtigt?

Bei Freiwilligendiensten besteht grundsätzlich die Gefahr, Arbeitsplatzersatz zu sein – insbesondere bei bereits Berufstätigen, die noch einmal ganz anders qualifiziert sind als Jugendliche. Es wäre fatal, das Freiwillige Jahr mit dem Thema Arbeitslosigkeit in Verbindung zu bringen.

Wie kann man das verhindern?

Das hat viel mit Qualitätssicherung zu tun. Leider gibt es keinen Freiwilligenstatus auf europäischer Ebene. Das heißt, es fehlt eine rechtliche Grundlage, mit der festgehalten wird: Hier geht es nicht um Arbeitsplatzersatz, sondern um befristete gemeinnützige Projekte.

Was sind notwendige nächste Schritte, damit die Idee des Manifests nicht direkt wieder untergeht?

Das Europäische Jahr muss haushaltsrelevant werden. Man müsste es finanziell ausstatten und auch dem bereits bestehenden Europäischen Freiwilligendienst mehr Geld zur Verfügung stellen. Das muss bald geschehen, denn in einem Jahr wird der Finanzrahmen der EU für die nächsten sieben Jahre festgelegt. Der zweite Schritt wäre, eine Art Think Tank zu bilden, der darüber nachdenkt, wie das Freiwillige Jahr für alle konkret aussehen könnte. Es ist wichtig, aus der Manifestidee jetzt ein gemeinsames europäisches Projekt zu machen. Schlimm wäre es, wenn hier wieder einmal etwas gänzlich Neues entstünde, das bereits bestehende Strukturen nicht inkorporieren würde.

(Das Interview führte Carmen Eller für die Zeitschrift "kulturaustausch")

Hier finden Sie das Manifest in voller Länge.

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